Blaue Dose, weisse Creme
In seinem Labor in Hamburg tüftelte Oscar Troplowitz, der Chef der Firma Beiersdorf & Co., zu Beginn des 20. Jahrhunderts an einer schwierigen Rezeptur. Zusammen mit dem Hautarzt Paul Gerson Unna versuchte der gelernte Apotheker, Wasser, Öl, Glycerin, Zitronensäure und weitere Inhaltsstoffe zu einer Creme zu verbinden. Einer Pflegecreme, die sich anders als die bis dato üblichen Produkte nicht lediglich als Fettfilm auf die Oberfläche der Haut legen würde. Troplowitz suchte nach einer Fett und zugleich Feuchtigkeit spendenden Mixtur, die in die Epidermis einziehen und sie auf diese Weise wirksam vor Austrocknung schützen würde.
Hautcreme für den Massenmarkt
Als Lösung des Problems erwies sich 1911 die Innovation des Berliner Chemikers Isaac Lifschütz. Dieser hatte einige Jahre zuvor aus dem Wollfett von Schafen einen Emulgator gewonnen und sich seine Erfindung unter dem Namen Eucerit patentieren lassen. Mit Hilfe dieses Stoffes gelang es, die chemisch widerspenstigen – Fett löst sich nicht in Wasser – Zutaten zu einer geschmeidigen Paste zu verquirlen. Lifschütz hatte an medizinische Salben gedacht, Troplowitz und Unna aber sahen eine viel grössere Marktlücke: eine erschwingliche Hautcreme für den Massenmarkt. Sie gaben Duftstoffe wie Rosen- und Maiglöckchenöl dazu und nannten die so wohlriechende wie hygienisch wirkende reinweisse Paste, abgeleitet vom lateinischen Wort für Schnee, Nivea.
Das neuartige Produkt erwies sich rasch als internationaler Verkaufs- und Exportschlager. Schon nach drei Jahren lieferte Beiersdorf in über 30 Länder. Zu diesem Erfolg trug die stabile Dose bei, die auch lange Transportwege überstand. Nachdem dann ab 1925 die blecherne Verpackung kein gelb-florales Jugendstildekor mehr zeigte, sondern schlicht, blau und hochmodern im Bauhausdesign daherkam, war der beispiellose Siegeszug der Nivea nicht mehr aufzuhalten – heute werden pro Jahr weltweit 123 Millionen Dosen Nivea-Creme verkauft.
«Kauft keine Juden-Creme!»
Das Geschäft lief glänzend, auch dank innovativer Werbekonzepte, wie das Buch «Nivea – 100 Jahre Hautpflege fürs Leben» beschreibt. Jedenfalls bis 1933. Während des «Dritten Reichs» sorgte die Frauenrechtlerin und Werbefachfrau Elly Heuss-Knapp, die Ehefrau des späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss, zwar dafür, dass die Nivea-Reklame kaum von NS-Ideologie geprägt war. Doch das Unternehmen wurde heftig angegriffen. Jüdische Vorstandsmitglieder mussten zurücktreten – der Vorstandsvorsitzende Willy Jacobsohn emigrierte nach Amsterdam. Die Konkurrenz hetzte: «Kauft keine Juden-Creme!» Die Markenrechte gingen in vielen Ländern, gegen die Deutschland Krieg führte, verloren. Das Wirtschaftswunder nach dem Krieg kurbelte schliesslich auch die Nivea-Umsätze wieder an. Der Reiseboom eröffnete einen neuen Markt für Sonnenschutzmittel. In den neunziger Jahren kamen Kosmetika dazu. In den vergangenen zehn Jahren sorgten Nivea-Shops mit Kosmetikstudios für neue Geschäftsfelder und eine Verjüngung der Marke. Wachsendes Ökobewusstsein der Konsumenten sowie das Image der Nivea-Creme als ein «reines» und unverfälschtes Produkt versprechen auch künftig ungebrochenen Erfolg auf dem umkämpften Hautpflegemarkt. Vielleicht gibt es die blaue Dose mit der weissen Creme auch noch im Jahr 2111.