Binsen, Palmen und Kanonen
Der Besucher von Charleston, South Carolina, wird von der Schönheit der in den USA einzigartigen Stadtlandschaft überwältigt. Hier haben sich historische Viertel erhalten, die mit exzellenten Restaurants und zahlreichen Sehenswürdigkeiten Touristen aus aller Welt anlocken. Unübersehbar sind in Charleston aber auch die Kanonen, Palmen und die Binsen-Körbe schwarzer Kunsthandwerkerinnen, die von der komplexen und blutigen Geschichte der alten Südstaatenmetropole zeugen.
Die etwa an der «Battery» am Hafenrand stehenden Kanonen erinnern an den April 1861. Damals haben konföderierte Batterien hier unter der «Palmen-Flagge» von South Carolina das Feuer auf die von Unionstruppen gehaltene Festung Fort Sumter im Hafen von Charleston eröffnet. So begann der amerikanische Bürgerkrieg. Bei einer Gesamtbevölkerung von damals 32 Millionen hat der Konflikt in vier Jahren 620 000 Soldaten beider Seiten das Leben gekostet, mehr als sämtliche Kriege der USA seither.
Dass der Bürgerkrieg bleibende Wunden gerissen hat, belegt die Vielzahl von Publikationen und Medienberichten, die zum 150. Jahrestag des Kriegsbeginns erschienen sind. So findet der Süden immer noch Fürsprecher, die den Konflikt als «Krieg zwischen den Staaten» oder «Krieg der nördlichen Aggression» nennen und die Sklaverei als Auslöser bestreiten. Dass die USA immer noch unter den aus der Sklaverei folgenden Rassenkonflikten leiden, steht jedoch ausser Zweifel. Gerade in South Carolina ringen Afroamerikaner heute um den Erhalt ihrer traditionellen Kultur und ihrer Lebensgrundlagen.
In Europa weniger bekannt dürfte dagegen die Rolle des Bürgerkrieges in der amerikanisch-jüdischen Geschichte sein. Da Charleston nicht nur die «Wiege der Sezession», sondern auch Geburtsstätte des Reformjudentums in den USA ist, lag deshalb eine Ausgabe über die Stadt für den aufbau nahe. Den konkreten Anlass boten eine hochkarätig besetzte Konferenz des Jewish Studies Center am College of Charleston zu «Jews and Civil War» Ende Mai und das afroamerikanische «Gullah Festival» im idyllischen Städtchen Beaufort wenige Tage später. Die Termine grenzen die Thematik dieser Ausgabe ab und treten in den Beiträgen von aufbau-Redaktor Andreas Mink auf, der South Carolina Ende Mai besucht hat.
An der Konferenz im Jewish Studies Center traf Mink auch die Gastautoren dieser Ausgabe. Jüdische Akademiker wie Harlan Greene, Dale und Ted Rosengarten oder Michael Kogan haben wesentlich zur Erforschung der Charlestoner Geschichte beigetragen. Greenes Essay über «Porgy and Bess» belegt die Rolle der Stadt in der amerikanischen Kultur und greift die derzeit in New York wogende Debatte über die Neuinszenierung der Oper des Charlestonians DuBose Heyward und der Gebrüder Gershwin auf. Michael Kogan stellt dagegen Judah Benjamin vor, der erst seit einigen Jahren Beachtung findet: Arm in Charleston aufgewachsen, wurde Benjamin nicht nur US-Senator, sondern der engste Berater des Südstaaten-Präsidenten Jefferson Davis. Mit Eli Evans ist hier zudem der bedeutendste Experte für die Juden im amerikanischen Süden vertreten. Auf www.aufbau.eu/gallery wird zudem eine Auswahl von Bildern aus Charleston und Beaufort zu sehen sein. ●
Redaktion und Verlag wünschen allen Leserinnen und Lesern des aufbau ein gutes neues und leserreiches Jahr 5772. Schana Tova.