Bewegt sich etwas im SIG?
Baustelle. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) ist unter neuer Leitung zwar kein Geheimbund mehr, aber gewisse eingefahrene Strukturen lassen sich nicht verändern. Stichworte zur Baustelle SIG: Die lähmende Zweidrittelmehrheit, in der – wie Kleinkantone beim Ständemehr – Kleingemeinden ihre meist konservativere Mehrheit geltend machen können und damit die grossen Gemeinden sowie Veränderungen blockieren. Die Mühsal, jüngere Leute für die Gremien zu finden. Indifferenz gegenüber dem SIG, oft gepaart mit Unwissen.
Notwendigkeit. Braucht es den SIG überhaupt noch? Die Probleme, die religionsfreiheitliche, eindeutig politische Prinzipien betreffen, wie den Import von Koscherfleisch, die Urlaubsregelungen im Militärdienst und behördliche Unterstützung im Kampf gegen den Antisemitismus, sind weitgehend gelöst. Beim Koscherfleisch mag es vielleicht wieder mal kleine Kontroversen geben, und dafür braucht es nachweislich den SIG, weil die Orthodoxie in der Schweiz diese Probleme nie allein lösen konnte. Allerdings sollte sich der SIG durchwegs als politische Institution verstehen und nicht als Religionsinstitut. Politische Probleme sind säkular zu lösen. Ist der Dachverband überhaupt noch das Sprachrohr der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz? Wegen des «Ständemehrs» wurden die liberal-jüdischen Gemeinden ausgegrenzt und gründeten eine eigene Plattform. Einige Gemeinden der Orthodoxie gehören nicht zum SIG. Braucht es den SIG also vielleicht gar nicht mehr als Sprachrohr der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz? Doch, der SIG ist notwendig, nicht zuletzt, weil man ihn in politischen und kirchlichen Kreisen kennt. Aber er müsste sich den jüdischen Problemen des 21. Jahrhunderts stellen und sich mit veränderten Lebensentwürfen, veränderten Gemeinden, veränderten Bedürfnissen auseinandersetzen. Er hat bewiesen, dass er unter dem neuen Präsidenten seinen Spielraum nutzen und beispielsweise mit der liberalen Plattform in fruchtbarer Koexistenz leben kann. Aber der mehr als 100-jährige SIG braucht eine gründliche Renovation und nachhaltige neue Perspektiven.
Aufbruch. Applaus ist fällig für die Zürcherin Nadja Gut, weil ihr ein Coup im Centalcomité gelungen ist (das für seine Zustimmung ebenfalls Beifall verdient). Auf ihren Antrag hin wurde eine effiziente kleine Arbeitsgruppe gegründet, die den Ist-Zustand des SIG und die Wünsche für die Zukunft nicht nur mit den SIG-Gremien, sondern erstmals auch mit einer Gruppe junger Erwachsener dargestellt hat. Wer das entstandene Papier liest, ist im ersten Moment bitter enttäuscht. Nichts klingt neu. Aber auf den zweiten Blick öffnet sich die Sicht auf die einmalig breite Abstützung und den pragmatischen Ansatz.
Ball. Die Gruppe und der Moderator Iwan Rickenbacher haben den Ball sehr flach gehalten. Aber auch ein flacher Pass kann zu einem Siegestor führen. Denn das Wesentliche an dem nur zwei Seiten umfassenden Papier «Der SIG – bereit und offen für die nächste Generation» (vgl. S. 6) ist die Mehrheitsfähigkeit seiner nüchternen Analyse und seiner sechs Anträge. Wenn die Delegierten am 2. Juni der Zukunft eine Chance geben, wenn sie akzeptieren, dass die zu bildende Arbeitsgruppe zwar ehrgeizig, aber auch flexibel sein muss und trotz allem Fleiss in einem Jahr vielleicht noch nicht alle Projekte pfannenfertig vorlegen kann, dann soll der Ball neu eingeworfen werden. Nur so bleibt der SIG auch für die nächsten Generationen auf dem Spielfeld.