Bewegendes Buch

June 24, 2011

An der Vernissage des Buches über Rolf Merzbacher «Gerettet – zerbrochen» (vgl. tachles 23/11) erklärte Gregor Spuhler, Leiter des Archivs für Zeitgeschichte (AfZ) und gleichzeitig Autor des Bandes, dem zahlreichen Publikum, weshalb sein Werk weder ein Denkmal noch ein Roman geworden sei, sondern eine historische Untersuchung. Heiko Haumann, einst sein Professor an der Universität Basel, gratulierte Spuhler zu seiner bewegenden, sehr persönlichen Deutung der Vergangenheit und lobte, dass der Autor sich nicht verstecke und die Quellen reflektiere: «Das sollte Schule machen.» Erleichtert zeigte sich der Thurgauer SP-Regierungsrat und Justizdirektor Claudius Graf-Schelling, dass die judenfeindliche Rolle der Thurgauer Behörden während der Nazi-Zeit in dem vom Thurgauer Lotteriefonds finanzierten Werk Spuhlers die notwendige Aufarbeitung gefunden habe; dass ein hochmodernes Staatsarchiv verhindere, dass, wie nach Kriegsende durch die Thurgauer Fremdenpolizei geschehen, unerlaubt Akten vernichtet werden; dass die Leidensgeschichte von Rolf Merzbacher auch in anderen Quellen dokumentiert sei. Die Lektüre des ergreifenden Buches habe ihn betroffen gemacht, sagte Graf-Schelling. Er schloss mit dem Zitat aus dem «Golem» von Gustav Meyrink, «Allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung», das der Historiker Saul Friedländer, der Spuhler angeregt hatte, über Rolf Merzbacher ein Buch zu recherchieren, im Titel seiner eigenen Kindheitsgeschichte verwendet hatte. Werner Merzbacher, Bruder von Rolf Merzbacher, dankte Spuhler auch dafür, dass er dank ihm den Bruder besser kennengelernt habe. Er sei dankbar, dass sein eigenes Leben einen glücklicheren Verlauf genommen habe, obwohl beide, von den Eltern und voneinander getrennt, in der Schweiz überlebten. Nach dem Tod des Bruders 1983 habe er die vielen Briefe und Karten der Eltern gefunden, die an den Älteren gingen, um den Jüngeren nicht zu belasten. Der Bruder sei an der Überforderung, den Eltern zu helfen, zerbrochen. Merzbacher zitierte die berührende letzte Karte der Eltern an Rolf vor ihrer Deportation nach Majdanek. Spuhlers Buch trage durch die historische Einordnung dazu bei, dass nicht vergessen werde, was damals geschah. Er habe erst durch die Lektüre erfahren, dass der Thurgauer Fremdenpolizeichef seinen Zürcher Kollegen aufforderte, die Einbürgerung des jungen Bruders Werner nicht zu erlauben. Seine eigene Devise laute: «Verzeihen, aber nicht vergessen.»    [gb]