Beunruhigendes Schweigen
Für Pavel Feldblum, den Vizepräsidenten der Moskauer jüdischen Gemeinde, ist die Stille der Moskauer Politiker im Anschluss an das Attentat ein «schlechtes Zeichen». Er erklärt dies damit, dass die Politiker fürchten, Stimmen zu verlieren, «wenn sie ihre Stimmen gegen den Antisemitismus erheben». In der Stille reflektiere sich zudem die «Atmosphäre im russischen Wählervolk».
Abgesehen von Nachrichtenmeldungen, die die Verurteilung durch einen seit dem letzten Frühling nicht mehr dem Kabinett angehörenden Minister verbreitet haben, konnte man zunächst von russischen Offiziellen nichts hören zum Attentat, bei dem Leopold Kaimovsy schwer verletzt worden ist. Während führende russische Politiker sich jeglichen Kommentars enthielten, haben die elektronischen wie die gedruckten Medien den antisemitischen Ansichten Nikita Krivchuns, des 20jährigen Attentäters, viel Platz eingeräumt. Alle wichtigen Zeitungen und TV-Stationen publizierten Interviews, die mit Krivchun in einer Haftanstalt gemacht werden konnten. Besonders empört reagieren offizielle jüdische Kreise auf die Stellungnahme des russischen Ombudsmannes Oleg Mironov, eines Mitglieds der Kommunistischen Partei. Zwar kritisierte er die Behörden, die nicht die nötigen Schritte zur Verhinderung von Hassverbrechen eingeleitet hätten, doch warnte er gleichzeitig «gewisse Kräfte» in der Gesellschaft davor, solche Zwischenfälle zu benutzen, um «Hysterie anzufachen». Jüdische Persönlichkeiten interpretieren diese Bemerkungen als indirekte Aufforderung an die jüdische Gemeinde, nicht öffentlich auf antisemitische Aktionen zu reagieren. Inzwischen haben Ende letzter Woche alle jüdischen Stätten in Moskau einen Polizeischutz von bisher nicht gekanntem Ausmass erhalten. Zuvor hatte eine anonyme Person bei der Choral-Synagoge angerufen und mitgeteilt, ein führender russischer Neo-Nazi habe seiner Organisation die Anweisung erteilt, «Aktionen» in der Nähe diverser Moskauer Synagogen durchzuführen. In diesem Zusammenhang richtete die Polizei eine offizielle Warnung an Alexander Barkashov, den Führer der Russisch-Nationalen Einheit, der grössten und am besten organisierten Neo-Nazi-Gruppe des Landes. Krivchun steht auf dem Standpunkt, eine politische Handlung begangen zu haben. Sein Ziel sei es gewesen, die Aufmerksamkeit auf das Los der ethnisch-russischen Bevölkerung zu lenken, die, wie er sagt, «vor den Juden auf den Knien liegt». Er habe aber nicht im Namen irgendeiner politischen Gruppe gehandelt.
Der Russisch-Jüdische Kongress hat inzwischen die nationale Wahlkommission in einem Brief ersucht, Parteien und Kandidaten von den Parlamentswahlen vom kommenden Dezember auszuschliessen, die antisemitische Bemerkungen verbreiten. Die Kommission hat den Brief noch nicht beantwortet, doch könnte die Idee dem Kreml ins Konzept passen, sucht man doch schon eine Weile nach einem Instrument gegen die Kommunistische Partei, die zu den schärfsten Kritikern Jelzins gehört. Im Anschluss an den Zusammenbruch der russischen Wirtschaft im vergangenen August hatten einige prominente Kommunisten antisemitische Äusserungen verbreitet.
JTA