Betrugs-Skandal ohne Ende

July 26, 2011
Der Skandal um unterschlagene Entschädigungszahlungen bei der Jewish Claims Conference zieht neue Kreise

Die Jewish Claims Conference (JCC) bemüht sich weiterhin um die Beilegung eines Betrugs-Skandals, der im Februar 2010 bekannt wurde. Damals informierte das New Yorker JCC-Hauptquartier die Öffentlichkeit über die Unterschlagung von 350 000 Dollar aus einem Härtefonds für

Holocaust-Überlebende. In den Monaten danach stieg die veruntreute Summe auf 42,5 Millionen. Nun wurde am Rande einer JCC-Vorstandssitzung bekannt, dass die Organisation inzwischen von Verlusten von über 50 Millionen Dollar ausgeht und eine weitere Zunahme dieser Summe befürchtet. Gleichzeitig hat die deutsche Bundesregierung den Wirtschaftsprüfungs-Spezialisten Deloitte & Touche in Frankfurt beauftragt, die JCC einer «strukturellen Überprüfung» zu unterziehen. Damit will Berlin den Ursachen der Unterschlagungen auf den Grund gehen und eine Wiederholung der für die JCC ausserordentlich peinlichen Vorgänge verhindern. Die JCC wirkt seit 1951 als der offizielle Vertreter von Holocaust-Opfern bei der Entschädigung durch Deutschland. Der Auftrag an Deloitte & Touche stellt einen so nie dagewesenen, offiziellen Ausdruck von Misstrauen der Bundesregierung der JCC gegenüber dar.

Im vergangenen Herbst hat das FBI in New York in der Sache Anklage gegen 17 Personen erhoben, darunter sechs JCC-Angestellte. Sie sollen seit 1994 Entschädigungszahlungen unterschlagen haben. Der Betrug betrifft zwei nach 1980 von der JCC aufgelegte Härtefonds für bis dahin unbeachtet gebliebene jüdische Überlebende, meist aus Osteuropa. Auf deutschen Wunsch hin prüft die JCC Anträge für die Fonds und wickelt dann Zahlungen in Höhe von jeweils rund 3600 Dollar ab, die von der Bundesregierung finanziert werden. Der Verband hat bislang 410 000 von 630 000 Anträgen bewilligt. Das FBI hat darunter bis zum letzten Oktober insgesamt 5600 Zusprüche aufgrund gefälschter Anträge festgestellt. Offensichtlich sind inzwischen weitere dazu gekommen.

Laut dem FBI haben Semyon Domnitser, der langjährige Leiter der JCC-Abteilung für die zwei Fonds, und einige seiner Mitarbeiter russischen Einwanderer im New Yorker Stadtteil Brighton Beach über Zeitungsanzeigen Hilfe bei Entschädigungsforderungen angeboten. Die Betrüger füllten Anträge mit verfälschten Angaben aus, um die vorgegebenen Bedingungen für Mittel aus den Fonds zu erfüllen. Domnitser und seine Komplizen erhielten dann Anteile der «Wiedergutmachungsgelder» von den Empfängern, die anscheinend teilweise nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden oder nicht jüdisch sind. Die JCC hat zunächst erklärt, die Rückgabe der unberechtigt ausbezahlten Gelder erwirken zu wollen. Doch nun hat JCC-Präsident Julius Berman mitgeteilt, die Organisation könne bestenfalls eine Million Dollar zurück erhalten, da die meist armen Empfänger die relativ kleinen Summen längst ausgegeben hätten und sich «aus Stein kein Blut pressen» liesse. Aus JCC-Kreisen verlautet zudem, viele Empfänger betrügerisch erwirkter Zahlungen hätten ohnehin Anrecht auf Mittel aus den Härtefonds gehabt, da es sich bei ihnen um Holocaust-Überlebende gehandelt hätte. Ob dies tatsächlich zutrifft, könnte der Untersuchungsbericht von Deloitte & Touche erbringen, der bis Ende Jahr vorliegen soll.  AM