Besinnungslos in die Zukunft

Editorial von Yves Kugelmann, December 24, 2010

Sinnentleerte Besinnung. Besinnliche Zeiten einer besinnungslosen, zu oft entsinnlichten Gesellschaft, die auf jene friedliche Gemeinschaft hofft, die sie nicht ist – ihre eigenen Werte, Errungenschaften, die Aufklärung immer wieder verrät und ad absurdum führt: Der religiöse, soziale und kulturelle Friede steht in den letzten Jahren lokal und global vermehrt zur Disposition. Fanatismus, Fundamentalismus, Nationalismus sowie der Radikalismus der einzelnen Identitäten und Ideologien stehen zwischen Menschen und Gesellschaften.
Die Erkenntnis muss sein, dass kein Gesellschaftsmodell vor Unrecht und Verrat gefeit ist. Überall wird im Namen von angebeteten und falschen Göttern, von unmenschlichen Führern und Verführern Verrat am Menschen und somit gerade an jener Schöpfung geübt, die wiederum den singulären oder pluralistischen Göttern zugeschrieben wird, auf die sich nicht wenige berufen.

Verrat und Denunziation. Die biblisch mythischen Geschichten beginnen mit dem Verrat Evas, es folgt die Vertreibung aus dem Paradies. Avrahams Verrat an seinen Söhnen und jenem Jakows am Erstgeborenen Esaw. Die elf Brüder verraten Josef, später die Wüstenwanderer die Offenbarung des monotheistischen Glaubens. Das Christentum fusst nicht zuletzt auf dem vermeintlichen Verrat an Jesu. Daraus folgen der Verrat an Juden, Vertreibungen, Verfolgungen, der Zivilisationsbruch unmittelbar nach der Erwirkung der Befreiung des Individuums.
Europa verrät und Deutschland ermordet seine Juden, die USA und der Jischuw schweigen, Holland und andere zelebrieren den Verrat an den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern. Die Geschichte des Verrats ist noch nicht erzählt, wird heute im Internetzeitalter sekündlich fortgeschrieben und zieht sich weit durch andere Kulturen, Religionen, Nationen. Der Verrat am Menschen und seinen Mitmenschen durch die Menschen selbst kennt keine Grenzen. In Holland fürchten Jüdinnen und Juden Verrat erneut, ebenso in Ungarn und anderen Ländern. In Israel rufen Rabbiner zum Verrat an Arabern auf. Ganz zu schweigen von tagtäglichen Denunziationen im Kleinen hier und überall.

Eskalation. Noch gibt es kein Rating von Verrat, Verrätern, verräterischen Systemen. Glaubens- wie Unglaubensgemeinschaften werden obenauf figurieren. Und paradoxerweise auch die aufgeklärten westlichen Gesellschaften: Diese schafften die Vorherrschaft der Religionen ab, verwiesen diese in die Grenzen der individuellen Glaubens- und Religionsfreiheit und stellen sie dort zu Recht unter Schutz. Zu oft sieht sich aber die Gesellschaft als Ganzes ungeschützt den Auswirkungen konfessions- und kulturbedingter Handlungen ausgesetzt in einer Gemeinschaft, die auf Integration anstatt Bildung setzt. Wer aufgeklärt leben möchte, muss Aufklärung lehren und verinnerlichen. Integration ist dafür keine Vorbedingung, sondern umgekehrt ist die – ohnehin falsch verstandene – Integration allenfalls erst dann möglich. Mit zunehmendem Schutz der individuellen und im Grundrecht verankerten Freiheiten wird die Integrität der säkularen Staatlichkeit beschränkt. In Gemeinschaften, in denen letztlich nicht Gott und Göttlichkeiten oder totalitäre Kräfte, sondern der gesetzlich umschriebene Mensch die höchste Instanz ist, muss die Aufklärung und somit der Ursprung dessen verinnerlicht werden, worauf Verfassungen und Grundrechte fussen. Das säkulare Lebensmodell ist kein menschlich genuines, sondern eine der Vernunft entsprungene geradezu a-menschliche Konvention. Diese prallt auf archaischste menschliche Anliegen, die durch die Zuwanderung von Menschen mit anderen Lebens-, Denkens- oder kulturellen Hintergründen noch verschärft werden.

Indifferente Gesellschaft. Propaganda und Verschwörung folgen auf Verrat. Propaganda und Verschwörung, die oft stärker sind als Bildung und Wissen. Wenn die aufgeklärte Gesellschaft sich nicht unideologisch der Aufklärung zuwendet und diese lehrt, anstatt sich nur immer darauf zu berufen, wenn die Massenverbreitung von Fanatismus und Lüge im Netz oder via digitale Medien nicht verhindert wird, wenn in Gotteshäusern nicht Grundrechte, sondern Verführungen jeglicher Art gepredigt werden, wenn Politiker verbrieften Bürgerrechten nicht mehr Gewicht verleihen als irgendwelchen Ideologien, dann werden diese Tage der schönen Worte und fehlenden Taten nicht den Frieden, sondern das Inferno heraufbeschwören.