Bertelsmann und die Tücken der eigenen Firmengeschichte
Die Pressekonferenz, die am Montag an der Münchner Universität stattfand, erregte grosses Medieninteresse. Nicht zuletzt die Querelen um das Hannah Arendt Institut in Leipzig brachten den Leiter der Kommission, Saul Friedländer, in die Schlagzeilen. Die Veröffentlichung eines Mitarbeiters des Instituts über die Rolle des Hitlerattentäters Georg Elser, hatte den Unmut Friedländers, der an der UCLA in Los Angeles Geschichte lehrt, entfacht. Fiedländer stellte ein Ultimatum, er wollte den Verantwortlichen gekündigt wissen. Die Frage der JR, ob er sich jemals überlegte, ähnliches bei der Unhabhängigen Historikerkommission des drittgrössten Medienkonzerns der Welt, Bertelsmann, zu tun, beantwortete Professor Friedländer mit einem «nie». Der Gütersloher Konzern behauptete bis1998, der Verlag wäre wegen oppositioneller Haltung geschlossen worden. Es ging dabei um die Firmen «Der Rufer» sowie um das Stammhaus C. Bertelsmann. Die Schwierigkeiten mit den Nazibehörden gründeten in Wirklichkeit in einem Papierbesitz, den die Nazis als ungerechtfertigt ansahen. Eine Beschlagnahmung des Papiers erfolgte. Heinrich Mohn konnte durch exzellente Beziehungen bis zum Propagandaminister Goebbels eine Rückgabe erwirken. Kurz vor Kriegsende wurde Bertelsmann von den Nazis vom Vorwurf der Papierschiebung freigesprochen.
Schwierige Aktenbeschaffung
Hersch Fischler, Soziologe aus Düsseldorf, brachte die Untersuchung ins Rollen. In der Kommission fand sich jedoch kein Platz für Fischler, dessen Fund von Mikrofilmen zusammen mit dem Wiener Publizisten Hubertus Czernin im Jahre 1997 weltweites Aufsehen erregte. Aus den Mikrofilmfunden konnten Goldverschiebungen deutscher Banken während des Kriegs nachgewiesen werden. Friedländer verweigert Hersch Fischler den Zugang zu den Bertelsmann-Archiven bis zum Abschluss der Untersuchung der Kommission. Diese könnte über den geplanten Zeitrahmen hinaus reichen. Die Beschaffung von Dokumenten aus Riga und Wilna könnte sehr langwierig werden. In Osteuropa liegt einer der Zukunftsmärkte der Bertelsmann AG, die zu etwa 68% der gleichnamigen, hoch renommierten Stiftung gehört. Durch die Stiftung fördert Bertelsmann Bildung und soziale Anliegen sowohl in Deutschland als auch weltweit. In der Schweiz ist die Stiftung z.B an der Universität St. Gallen sehr engagiert.
Ein von der Bertelsmann-Stiftung initiierter deutsch-jüdischer Gesprächskreis, an dem auch Ignaz Bubis s.A und Salomon Korn mitwirkten, ist seit 1991 aktiv. Auf diesem Hintergrund sollte es gelingen, sich den dunklen Seiten der Firmengeschichte zu stellen. Natürlich steht der Verlag mit den verdrängten Kapiteln seiner Vergangenheit nicht alleine da. Andere Verlage taten ähnliches. Mit diesem Argument zu relativieren, was geschehen ist, scheint jedoch nicht angebracht. Ab 1939 gab es 40 Titel in 248 Auflagen, etwa sieben Millionen Exemplare der Erfolgsautoren der Zeit wie P.C Ettighofer, Gustav Schroer, Willy Vesper oder Georg von der Vring . Mit mehr als zwanzig Millionen Büchern war C. Bertelsmann die Nummer eins, noch vor dem Eher Verlag, dem Stammverlag der NSDAP. Als die Briten Mohn nach dem Krieg zu dem grossen wirtschaftlichen Erfolg des Verlages befragten, begründete der Firmenchef diesen mit besonderer wirtschaftlicher Effizienz. Die Briten glaubten Mohn, die Erfolgsgeschichte der Gütersloher ging weiter.
Kein Bruch mit der Vergangenheit
Der Aufbau der Firma im Nachkriegsdeutschland wies Kontinität auf. Die Bertelsmann Bücherklubs bedienten sich der deutschen Frontkämpfer, die sich kannten, als Werber. Die Beschäftigung des Historikers Bevandam, der gerne vieles relativiert, als Schreiber der Hausgeschichte, ist ein weiterer Schönheitsfehler. Die Veröffentlichung der sogenannten «Hitler-Tagebücher» anfangs der 80er Jahre ist noch in lebhafter Erinnerung. Neben der Zeitschrift STERN gehört der Gruppe auch der Fernsehsender RTL. Der Firmenchef schätzt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung alleine die Beteiligung des Konzerns am Internet in einem Rahmen von 50-60 Milliarden Mark. Die falsche Firmengeschichte erscheint vor diesem Hintergrund wie ein PR-Betriebsunfall. Die Historikerkommission wirkt als wissenschaftlicher Wundverband. Positive Emanzipation täte da not bei den «Aufsichtsräten der Geschichte».