«Belastende Beschäftigung»
Kommissionspräsident Eagleburger lehnte alle Vorschläge der Versicherer ab, stellte sich auf die Seite der Opfer und teilte den Konzernen am vergangenen Freitag mit, wie er seine Auffassung in vier Hauptbereichen durchsetzen will. Es geht um Versicherungsverträge aus Osteuropa und welchen Wert eine Police, die vor dem Krieg abgeschlossen wurde, heute hätte - Eagleburger will diese Policen-Summen in Dollar umrechnen, die Geldentwertung und die Teuerung berücksichtigen und alles mit zehn multiplizieren. Auch die Zinsfrage ist umstritten. Zweitens geht es um Policen in Deutschland, wobei dort über das Bundesentschädigungsgesetz bereits einiges bezahlt wurde. 1935/36 seien in Deutschland bereits zahlreiche Policen (Durchschnittswert zwischen 4000 und 6000 Reichsmark) von ihren jüdischen Inhabern belehnt oder zurückgekauft worden, um für eine Auswanderung die sogenannte «Reichsfluchtsteuer» aufbringen zu können. Auch das müsse berücksichtigt werden. Ein weiterer Punkt ist die Auslegung des Revisionsauftrages - die Versicherer sind nach wie vor einverstanden, jedoch wehren sie sich gegen ausländische Revisoren, die über nationale Besonderheiten wie den Datenschutz nicht Bescheid wissen. Um diesen geht es auch bei der umstrittenen Veröffentlichung von Listen nicht ausbezahlter Policen. Bei der Bewertungsfrage müsse überlegt werden, dass die Policen ausbezahlt worden wären, wäre «das traurige Ereignis Holocaust» nicht eingetreten, sagt ein Vertreter eines der beiden Schweizer Versicherer. Nach den Millionen Ermordeten und Gefallenen, den Ausgebombten und Flüchtlingen seien oft Kundenkontakte vergessen oder verloren gegangen, weil viele Archive ausbrannten. Beispielsweise wird erzählt, dass Prokuristen der «Winterthur» 1945/46 aus dem Hauptsitz Berlin Archivbestände in Rucksäcken durch vier Besatzungszonen nach München schleppten. Die Beschäftigung mit den schrecklichen Schicksalen der einzelnen Policen-Inhaber sei sehr belastend, sagt ein Direktionsmitglied der «Winterthur» zur JR. Deshalb werde das grösste Entgegenkommen bei Holocaust-Opfern angestrebt, beispielsweise nicht auf dem vollen Beweis zu bestehen, die Verjährung nicht anzurufen, auch auszubezahlen, was rechtlich eigentlich nicht geschuldet wäre. In Osteuropa wurden Versicherungen manchmal verstaatlicht oder enteignet. Die entsprechende Verordnung in Deutschland «stellt einem schier den Atem ab», sagt der Fachmann. Danach war jegliches jüdische Vermögen dem Reich verfallen. Auch das sei eine Motivation, das Menschenmögliche zu einer guten Lösung beizutragen. Allgemein taxieren die europäischen Versicherer die Ablehnung ihrer Vorschläge durch Eagleburger allerdings als weit entfernt vom Geist des Friedens und der Verständigung. Ein Fonds ist nicht geplant, auch kein Deal à la Schweizer Grossbanken. Die Antwort an Eagleburger wird in den nächsten ein, zwei Wochen erfolgen.