Begegnung mit Zeitzeugen

von Gisela Blau, January 28, 2011
Die jüdischen Jugendbünde von Zürich organisierten mit Unterstützung des Schweizer Freundeskreises der Hilfsorganisation Amcha eine Begegnung mit Überlebenden der Schoah.
AN VERGANGENES ERINNERN Holocaust-Überlebende trafen Jugendliche und erzählten von ihren Erlebnissen

Die Menschen, die bei der Organisation Amcha in Israel Hilfe bei der Verarbeitung von Schoah-Erinnerungen suchen, werden nicht weniger, sondern mehr, berichtete Edgar Abraham, Präsident des Schweizer Amcha-Freundeskreises, in seiner Einführung. Er dankte Amcha-Vorstandsmitglied Alice Trier und Joni Caplunik vom Hashomer Hatzair für die vorbildliche Organisation des Abends im grossen Saal des Gemeindehauses der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Vorstandsmitglied Theodor Kremer führte ins Thema ein. Dann hörten die rund 80 Jugendlichen in Gruppen die Lebensgeschichten von Schoah-Überlebenden. Es wurden Fragen gestellt, und Gruppensprecher fassten das Gehörte zusammen. Es fiel den beeindruckten Jugendlichen sichtlich nicht leicht, die Berichte zu verarbeiten, teils aus Mangel an vertieften Kenntnissen über die Schoah und auch deshalb, weil die Überlebenden so unaufgeregt über ihre fürchterlichen Erlebnisse berichteten.
«Sterben war das Normalste; schlimmer war die alltägliche Gewalt», sagte ein älterer Herr, der als Jugendlicher nach  Auschwitz deportiert wurde. In Dachau wurde er befreit, schwer krank zwar, «aber ich habe immer gekämpft und gehofft. Auch heute dürfen wir nicht schwach sein.» Grauenhaft war auch die Kindheit einer Frau, deren Mutter mit 13 Jahren nach Auschwitz kam. Der jüngsten Tochter erzählte sie jeden Abend statt Märchen ihre Erlebnisse. Amcha half ihr in Israel, den bis zuletzt anhaltenden Druck der Mutter zu überwinden.

Ergreifende Lebensgeschichten

Eine Frau überlebte, weil sie mit einem Kindertransport nach England reisen durfte. Eine alte Dame erzählte, wie sie und ihre Familie im besetzten Paris überlebten. Aber es blieb ihr eine Angst vor Männern in Ledermänteln. Heute lebt sie im Alterswohnheim Sikna, spricht dort aber mit anderen Überlebenden nie über die Vergangenheit: «Lieber amüsieren wir uns.» Als Baby untergetauchter Eltern in Holland wurde einer der Überlebenden von einer Krankenschwester versteckt. In Buchenwald gehörte ein weiterer Überlebender als Jugendlicher zu den letzten 3000 jüdischen Häftlingen. Mit Leidensgenossen durfte er nach Befreiung und Kriegsende in die Schweiz reisen. Beim Grenzübertritt in Rheinfelden protestierten die Burschen gegen den Stacheldraht rund um das Hotel, in dem sie empfangen wurden, und gegen Helme und Gewehre der Schweizer Soldaten.

Keinen Unterschied machen

Als Einzelkind flüchtete eine heute 77-jährige Dame mit ihren Eltern aus Deutschland nach Holland. Die Familie wurde 1942 ins Lager Westerbork und 15 Monate später «nur» nach Bergen-Belsen deportiert, weil ihre holländische Grossmutter für drei «Vorzugsstempel» dreimal 60 000 Gulden bezahlte und dafür ihren gesamten Schmuck verkaufte. «Ich hatte im Lager immer Hunger», erinnert sie sich. Unterwegs im Güterzug nach Auschwitz wurde die Familie nach 13 Tagen Irrfahrt am 24. April 1945 in der späteren DDR von den Russen befreit. Doch ihre Mutter starb drei Tage nach der Befreiung an Typhus, der Vater einen Monat danach. In Holland fand die Zwölfjährige ihre Grossmutter wieder, bei der sie aufwuchs. Als sie 20 war, lernte sie im Berner Oberland ihren Mann kennen. «Ich habe zwei Sachen für später gelernt», schloss sie ihren Bericht: «Nie lange streiten, weil man nicht weiss, ob man morgen noch lebt. Und bei Menschen keinen Unterschied machen, denn ob arm oder reich – im Lager wurden alle gleichermassen gequält.»    