Bedeutender Journalist und Historiker

von Peter Abelin, March 25, 2010
Heinz Roschewski, der im Alter von 90 Jahren in Bern verstorben ist, hat als Abteilungsleiter Information das Schweizer Radio DRS geprägt. Nach seiner Pensionierung hat er eine zweite Karriere als Historiker angetreten und viel beachtete Werke zur Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg verfasst.
HEINZ ROSCHEWSKI Fair und bescheiden stand der mit 90 Jahren verstorbene Journalist für seinen Standpunkt ein

In Zürich geboren, verbrachte Heinz Roschewski seine Jugendzeit in Basel. Im Alter von 24 Jahren zog er nach St. Gallen, um eine Stelle als Redaktionssekretär bei der sozialdemokratischen Tageszeitung «Volksstimme» anzutreten. Als Redaktor trat er dann dort 1947 in die Fussstapfen der späteren Bundesräte Ernst Nobs und Max Weber, bevor er 1954 Chefredaktor wurde. Gleichzeitig engagierte er sich in der Politik. So wurde er 1955 als erster Jude in den Grossen Rat des Kantons St. Gallen gewählt, dem er bis 1967 angehörte, zudem war er von 1952 bis 1967 Bezirksrichter. Er war auch Vizepräsident der SP des Kantons St. Gallen und Mitglied des Schweizerischen Parteivorstands − im Jahr 2002 trat er dann «aus Entrüstung über die einseitig antiisraelische Haltung von führenden Parteivertretern», wie er damals gegenüber tachles erklärte, aus der SP aus. Darüber hinaus war Roschewski in St. Gallen aktiv in der Kulturförderungskommission, im Vorstand des Theatervereins und in der Programmkommission der Ostschweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft. Im jüdischen Bereich war er Vorstandsmitglied und später Vizepräsident der Israelitischen Gemeinde.

Verdienste für Radio DRS

1967 wurde Roschewski als erster Sozialdemokrat zum Abteilungsleiter Information bei Radio DRS ernannt. Zusammen mit seiner Ehefrau Suzi und der heute mit ihrer Familie in Israel lebenden Tochter Ruth verlegte er seinen Wohnsitz nach Bern. Während 17 Jahren war er verantwortlich für alle Informationssendungen des Radios der deutschen und rätoromanischen Schweiz. Unterstanden ihm anfänglich 28 Mitarbeitende, so waren es bei seiner Pensionierung schon über deren 120. «Wenn Schweizer Radio DRS heute einer der führenden Informationsanbieter dieses Landes ist, dann hat das sehr viel mit Heinz Roschewski zu tun», sagte Casper Selg, langjähriger Redaktionsleiter der Sendung «Echo der Zeit», am Samstag in einer Würdigung auf dem Sender. «Sehr beharrlich und mit grosser Energie» habe er den Ausbau der Information vorangetrieben und das Informationsangebot professionalisiert. Obwohl er «ein Mann mit ganz starken Überzeugungen» gewesen sei, habe er nicht versucht, seine Linie durchzusetzen: «Er hat den Journalisten Massstäbe vorgegeben, aber er hat sie möglichst weitgehend in eigener Verantwortung arbeiten lassen». Anekdotisch beschreibt dies auch Hanspeter Gschwend in seinem Buch «Echo der Zeit – Weltgeschehen am Radio» am Beispiel des Nahost-Konflikts: «Wenn das Thema Israel virulent war», so die Erinnerungen, «dann tauchte er in der Regie auf und informierte sich, welche Beiträge wir vorhatten. Wichtig war ihm, dass der israelische Standpunkt genügend vertreten war.» Alfred Defago, damals «Echo»-Redaktor und später Schweizer Botschafter in den USA, wird mit der Aussage zitiert, man habe immer wieder versucht, mit Beiträgen aus pointiert arabischer Sicht zu testen, wie weit Roschewski auf die Palme ging. «Aber er ging nie auf die Palme – er war zu fair und wohl auch zu bescheiden dafür.»

Spätes Geschichtsstudium

Nach seiner Pensionierung immatrikulierte sich Heinz Roschewski an der Universität Bern und begann ein Geschichtsstudium, das er 1992 mit dem Lizenziat erfolgreich abschloss. Seine Abschluss-arbeit trug den Titel «Die Juden in der Schweiz von 1945 bis zur Gegenwart – Von der Nachkriegszeit bis zum Beginn eines neuen Zeitalters». Diese Arbeit baute er zum Buch «Auf dem Weg zu einem neuen jüdischen Selbstbewusstsein?» aus, welches 1994 in der Reihe des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz erschienen ist (Band 5). Der abschliessende Ausblick der seither viel zitierten Schrift hat den Charakter eines Vermächtnisses des Autors: Nach der knappen Annahme des Anti-Rassismus-Gesetzes müssten die Schweizer Juden «erst recht für eine offene, demokratische und zukunftsgerichtete Eidgenossenschaft eintreten – auch hier mit Selbstbewusstsein und mit Stolz auf das jüdische Erbe und mit der Sicherheit des Staates
Israel im Rücken».

Fallstudie zum Antisemitismus

Aus einer Seminararbeit hervorgegangen und inzwischen ebenfalls zu einem Standardwerk für historisch Interessierte geworden ist das Buch «Rothmund und die Juden – Eine Fallstudie zum Antisemitismus in der Schweizerischen Flüchtlingspolitik 1933–1957», erschienen 1997 als Band 6 der SIG-Reihe. Aufgrund von Handakten hat Roschewski darin erstmals den Antisemitismus des Chefs der Polizeiabteilung im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements nachweisen können, der eine Schlüsselrolle in der Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg spielte. Wesentliches zu diesem Thema trug Roschewski auch mit der Inventarisierung der Akten im Schweizerischen Bundesarchiv bei, die 1999, kurz vor der Publikation des Bergier-Berichts, veröffentlicht wurde. Diese Akten belegen, dass mindestens 30 000 Juden in der Zeit des Zweiten Weltkriegs an der Schweizer Grenze zurückgewiesen und damit der Deportation in deutsche Todeslager ausgesetzt worden sind.

Ebenfalls aus einer Seminararbeit hervorgegangen ist das Kapitel «Babij Jar und die Schweiz», 2001 erschienen im Buch «Babij Jar 1941». Heinz Roschewski arbeitete darin als Historiker auf, was er als Journalist bei der St. Galler «Volksstimme» hautnah miterlebt hat: Für die Veröffentlichung des Artikels «Die Ermordung der Juden von Kiew» am 15. Dezember 1943 war die Zeitung nämlich durch die Pressekommission der Abteilung für Presse und Rundfunk öffentlich verwarnt worden, wobei das Urteil im Februar 1944 durch die Eidgenössische Rekurskommission ausdrücklich bestätigt wurde. Nicht ohne einen gewissen Stolz wies Roschewski später darauf hin, dass die «Volksstimme» als das Presseorgan in die Geschichte eingegangen sei, das in der Zeit des Zweiten Weltkriegs am meisten Strafmassnahmen der eidgenössischen Zensurbehörden auf sich zog.

Gemeindepräsident in Bern

Zusätzlich zum Geschichtsstudium übernahm Heinz Roschewski 1985 nach seiner Pensionierung auch das Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB), wo er die Nachfolge von Rolf Bloch antrat. Höhepunkt seiner dreijährigen Amtszeit war der Besuch des damaligen israelischen Staatspräsidenten Chaim Herzog in der Berner Synagoge im April 1987, verbunden mit einem Staatsbesuch beim Bundesrat und der Übergabe zweier Berner Bären für den Biblischen Zoo in Jerusalem. Bis ins hohe Alter beteiligte sich Heinz Roschewski aktiv am Gemeindeleben – so durch seine Kommentare zum Wochenabschnitt oder mit Vorträgen, wie etwa am Europäischen Tag der Jüdischen Kultur von 2007, als er zum für ihn programmatischen Thema sprach: «Rückwärts blicken und vorwärts denken». Gut vier Monate nach seinem 90. Geburtstag ist Heinz Roschewski am 20. März nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.