Barack Obama und die Juden

May 8, 2008
Jüdische Wähler misstrauen Barack Obama. Sie ziehen Hillary Clinton vor, die als Freundin Israels eine bekannte Grösse ist.
<strong>Barak Obama</strong> F&uuml;r viele j&uuml;dische W&auml;hler keine echte Alternative zu Hillary Clinton

Von Andreas Mink

Selbst in den Hochzeiten der «Obama-Manie» im vergangenen Februar, vor seinen Niederlagen in Ohio und Pennsylvania, vor dem Skandal um seinen Freund und Mentor Pastor Jeremiah Wright und vor seinen Bemerkungen über die «Verbitterung» der ärmeren Weissen im amerikanischen Hinterland, selbst in jenen längst vergangenen Tagen also widerstand eine Säule der demokratischen Partei dem Charme des Juniorsenators von Illinois: Jüdische Wähler konnten sich nie so richtig für Barack Obama erwärmen und sehen sich nun in ihrem Misstrauen bestätigt. Dies erklärt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass der 46-Jährige auf der nationalen Bühne eine unbekannte Grösse war, als er im Februar 2007 seinen Hut in den Ring warf, um gegen Hillary Clinton als Kandidat der Demokraten für die US-Präsidentschaft anzutreten. Obwohl er etwa in Pennsylvania erhebliche Zeit für private Treffen mit jüdischen Gemeindevertretern aufgewandt hat, konnte bislang Obama auffallend vielen dieserWähler keinen positiven Eindruck von sich vermitteln. Viele amerikanische Juden beurteilen Obama nach Indizien wie seinen Beratern oder den Internet-Gerüchten über seinen mangelnden Patriotismus. Für jüdische Stimmbürger in New York, Kalifornien oder Florida spielt es keine Rolle, dass Obama in Chicago über 20 Jahre exzellente Beziehungen zur dortigen jüdischen Gemeinde entwickelt hat. Überdies sind neben seinem Chefberater David Axelrod viele Freunde und Mitarbeiter Obamas jüdisch. Tatsachen, die eigentlich gerade in der demokratischen Partei, der traditionellen politischen Heimat der Juden in den USA, nicht weiter erwähnenswert sind und nun auf einmal eine Rolle zu spielen scheinen.

Obama im Nachteil

Natürlich sind die amerikanischen Juden soziopolitisch alles andere als monolithisch. So ist es Obama gelungen, etwa unter jüngeren jüdischen Wall-Street-Leuten ein extensives Netzwerk von Spendern aufzubauen und damit in eine Bastion der Clintons einzubrechen. Aber während diese elitäre Klientel dem allgemeinen Trend der jüngeren, gebildeteren Schichten folgt und Obamas Versprechen von Gemeinsinn und Wandel für bare Münze nimmt, wollten die meisten amerikanischen Juden Hillary nicht ohne Weiteres im Stich lassen. Die ehemalige First Lady und ihr Gatte haben sich das Vertrauen des jüdischen Amerika über Jahrzehnte erworben. Bill Clinton hat sich als Präsident nachdrücklich hinter die Forderung nach materieller Gerechtigkeit für Holocaust-Überlebende eingesetzt. Ohne seine Unterstützung hätte der Jüdische Weltkongress gegenüber Schweizer Banken und der deutschen Wirtschaft keine Stiche gemacht. Und obwohl Clinton nicht gezögert hat, Israel in den Verhandlungen mit der PLO unter Druck zu setzen, gilt er doch als unerschütterlicher Freund des jüdischen Staates.

Obama ist in dieser Beziehung eindeutig im Nachteil. Und das nicht nur, weil er im Gegensatz zu beiden Clintons kaum Gelegenheit hatte, sich politisch für jüdische Anliegen einzusetzen. Obama erwähnt den Palästina-Konflikt in seinem programmatischen Bestseller «Hoffnung wagen» nur in einem einzigen, sehr generell gehaltenen Paragraphen. Gleichzeitig hat er einmal sein Mitgefühl für die Leiden der Palästinenser ausgesprochen. Überdies finden sich unter seinen aussenpolitischen Beratern zwei Lieblings-Zielscheiben der Israel-Lobby: Zbigniew Brzezinski, der Sicherheitsberater Jimmy Carters, sowie der Diplomat Robert Malley. Dieser war unter Clinton als Nahost-Vermittler tätig, gilt jedoch wie Brzezinski weithin als geschworener Feind Israels. Dass diese Angriffe überzogen sind, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Auch der ehemalige US-Aussenminister James Baker geniesst bei vielen amerikanischen Freunden Israels einen denkbar schlechten Ruf.

Eine antisemitische Haltung?

Gaben diese persönlichen Beziehungen Obamas Anlass, zumindest an seiner Haltung im Nahost-Konflikt zu zweifeln, so wurde dies durch den Ruf des Kandidaten nach einer diplomatischen Offensive gegenüber Iran und Syrien bestätigt. Hillary Clinton hat dagegen ihre Rhetorik gegenüber Teheran bis zur offenen Drohung mit einem Nuklearangriff erweitert. Obama bemüht sich zwar nun, dies als Indiz für Clintons Übereinstimmung mit George W. Bush zu propagieren. Aber dieser Vorwurf ist nicht neu und hat bislang schon allein deswegen kaum Wirkung gezeigt, weil Obama durch seine Assoziation mit dem Pastor Jeremiah Wright tief in die Defensive geraten ist. Obama ist dem furiosen Prediger aus Chicago seit 20 Jahren freundschaftlich verbunden. Der Präsidentschaftskandidat hat Wright als seinen «Mentor» bezeichnet, und er hat ihm Titel und Thesen von «Hoffnung wagen» zu verdanken. Seit dem letzten Herbst wird Obamas Beziehung zu Wright in weit verbreiteten E-Mails als Indiz für eine israelfeindliche, wenn nicht antisemitische Haltung gewertet. Wright hat eine «prophetische Tradition der schwarzen Kirche» entwickelt. Diese beruht auf einer schroffen Abgrenzung gegenüber dem «Amerika der reichen Weissen», ist aber auch durchzogen von absurden Theorien, die an die Pseudowissenschaft der von Louis Farrakhan geführten afroamerikanischen «Nation des Islam» erinnern: Demnach denken und empfinden Schwarze aufgrund einer distinkten Hirnstruktur «anders, aber nicht minderwertiger als Weisse». Dass sich Wright nicht von Farrakhan distanziert, der in den achtziger Jahren Muammar Ghadhafi in Libyen besucht hat und immer wieder durch antisemitische Hetzreden auffällt, sorgt nicht nur bei jüdischen Amerikanern für grosse Empörung. Wright hat sich zuletzt bei seinen spektakulären Auftritten vor den US-Medien Ende April erneut auf die Seite der unter «zionistischer Gewalt» leidenden Palästinenser gestellt.

Es gibt keine Belege dafür, dass Obama diese Überzeugungen teilt. Er hat seine Unterstützung für Israel wiederholt beteuert. Aus der abstrusen Theologie Wrights hat Obama die Inspiration für seine auf der Überbrückung ethnischer, sozialer und religiöser Differenzen beruhenden Kandidatur gezogen. Wright gehört einer älteren Generation schwarzer Führungspersönlichkeiten an, die aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangen sind und ihr vorrangiges Ziel darin gesehen haben, für verängstigte und ausgegrenzte Schwarze überhaupt erst einmal Gemeinschaften zu stiften. Diese sollen den Gläubigen das Selbstvertrauen geben, sich aus ihrem Gefühl der Zweitrangigkeit zu lösen. Die «Emanzipation» soll laut Wright zu einer «Transformation» der amerikanischen Gesellschaft führen, die von Gleichberechtigung und Harmonie geprägt wird.

Obama hat diese radikale Utopie von Wright gelöst und in eine Neuauflage des traditionellen, amerikanischen Pragmatismus verwandelt: In Obamas Augen haben die politischen Grabenkriege der letzten 20 Jahre Washington derart gespalten, dass vernünftige Lösungen in der Gesundheits-, Wirtschafts- oder Aussenpolitik nicht mehr möglich sind. Wie sich Obama gerade die zukünftige US-Aussenpolitik vorstellt, ist jedoch nicht sehr deutlich. Dies gibt gerade jüdischen Wählern zusätzlich Anlass zu Misstrauen, denn es liegt auf der Hand, dass jeder Nachfolger von George W. Bush eine grundsätzliche Bestandesaufnahme der amerikanischen Rolle gerade in Nahost vornehmen muss. Während Hillary Clinton und John McCain das Bündnis Amerikas mit Israel als unveränderlichen Eckpfeiler der US-Aussenpolitik betrachten, geben Obamas bereits erwähnte Berater und Weggefährten hier zumindest Anlass zu Zweifeln.

Eine unbekannte Grösse

Für viele jüdische Wähler sind die Details derartiger Erörterungen irrelevant, da sie im Ergebnis doch bestätigen, dass Obama im Gegensatz zu Clinton bestenfalls eine unbekannte Grösse ist. Ihre Zweifel wurden bestärkt durch die Kritik israelischer Politiker und Ex-Diplomaten an Obama sowie durch die Rufmord-Kampagne im Internet, die ihn als Muslim hinstellt. Obwohl sich unter anderem die Anti-Defamation League im Februar gegen diese Verunglimpfungen verwahrt hat, konnte Obama bei jüdischen Wählern nicht nachhaltig Boden gutmachen, ehe im März der Skandal um die Brandreden Wrights losgebrochen ist. Dessen Wirkung wurde bei den wichtigen Vorwahlen in Pennsylvania am 22. April deutlich. Dort hat Obamas Strategie auf den Stimmen im Grossraum Philadelphia beruht, dem Bevölkerungszentrum des Staates. Siege in der Stadt und dem breiten Gürtel wohlhabender Vororte hätten Obama zumindest ein Gegengewicht zur starken Position Clintons im Hinterland verschafft. Aber es waren nicht zuletzt die Stimmen der 300000 Juden in und um «Philly», die das Kalkül der Obama-Kampagne torpediert haben: Jüdische Wähler haben überwältigend für Clinton gestimmt. Überdies fällt ins Auge, dass jüdische Parteigrössen wie der Gouverneur von Pennsylvania, Ed Rendell, landesweit ebenfalls überwiegend auf der Seite Clintons stehen.

Rendell hat wiederholt versichert, er werde sich rückhaltlos für Obama einsetzen, sollten ihn die Demokraten in das Rennen gegen John McCain schicken. Rendell wird sein Wort halten, und es besteht auch kein Anlass, an der Entschlossenheit anderer demokratischer Politiker jüdischer Herkunft zu zweifeln, sich hinter Obama zu stellen. Die Haltung jüdischer Wähler zumal in Kalifornien, Florida und Pennsylvania ist dagegen ungewiss: Diese weisen Stimmbezirke mit hohen jüdischen Anteilen auf. Die Demokraten müssen alle drei Gliedstaaten gewinnen, wenn sie sich gegen John McCain durchsetzen wollen. Speziell in Florida sehen die Umfragewerte jedoch seit vielen Wochen denkbar schlecht für Obama aus: Er liegt hier nicht nur gegen Hillary Clinton zurück, sondern sehr deutlich auch gegenüber McCain.