Bankerin mit Familiensinn

Von Mirjam Haymann, October 28, 2011
Sylvie Davidson, im schweizerischen Baden als Sylvie Strauss geboren, wanderte mit 26 Jahren nach Hongkong aus und begann eine steile Banken-Karriere. Heute ist die erfolgreiche Bankerin zudem Mutter von fünf Töchtern und in der jüdischen Gemeinde von Hongkong aktiv. Die Davidsons sind wichtige Akteure im jüdischen Leben der Stadt, sie haben die jüdische Schule mit aufgebaut, sind in unzähligen weiteren Bereichen aktiv und für ihre vielen grosszügigen Einladungen bekannt.
EINE SCHWEZERIN IN HONG-KONG Sylvie Davidson mit ihren fünf Töchtern

Ursprünglich kam Sylvie Davidson nur für drei Wochen, für ihren damaligen Arbeitgeber Merrill Lynch, nach Hongkong. Obwohl China, der Osten und überhaupt die Ferne Davidson schon immer fasziniert haben, wäre sie als «jüdisches Meitli» unverheiratet sicher nicht einfach so nach China gezogen. Während ihres Geschäftsaufenthalts lernte Sylvie Davidson aber ihren Mann Russell kennen und wagte neun Monate später den Umzug. Ohne gutes Jobangebot wäre sie aber nicht gegangen, meint sie. Ihre erste Stelle war im Handel von asiatischen Aktienderivaten bei Merrill Lynch, für die sie insgesamt 18 Jahre arbeitete. Seit zweieinhalb Jahren ist sie für die Bank Standard Chartered tätig. Davidson lebt nun insgesamt seit 17 Jahren in Hongkong, ihr Mann seit fast 20 Jahren.
Heute ist sie Global Head of Investor Product and Platform Structuring in der Kapazität eines Managing Directors (Geschäftsführerin). Sie ist dafür verantwortlich, neue Produkte in die Bank zu integrieren und die richtige Infrastruktur aufzubauen, damit diese Produkte verkauft werden können. Seit dem Konkurs der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 habe sich der Handel stark verändert und die Produkte, die ein Privatinvestor kaufen darf, seien stärker reguliert, erklärt Sylvie Davidson. Ihre Aufgabe bestehe darin, sicherzustellen, dass die Verpackung stimmt und mit der Rechtsordnung im Einklang steht.

Karrierefrau und Mutter

Davidson ist zudem Mutter von fünf Töchtern: Ella (15), Sarah (13), Tami (10), Hanna (6) und Talia (2). Ihr Mann ist in derselben Branche tätig und beide haben jahrelang zu 100 Prozent gearbeitet. Auf die Frage, ob es einen grossen Unterschied mache, in Hongkong oder in der Schweiz als Mutter von fünf Töchtern vollzeit zu arbeiten, antwortet Sylvie Davidson, es sei in Hongkong vor allem wegen der Unterstützung einfacher. Sylvie hat zu Hause zwei zuverlässige Haushaltshilfen und dazu ein Kindermädchen, das bereits seit zehn Jahren die Familie begleitet. Die Kosten dafür belaufen sich auf einen Bruchteil dessen, was sie in der Schweiz dafür bezahlen müsste. Der Arbeitsplatz ist zehn Minuten von zu Hause entfernt und wenn Davidson einmal zu den Töchtern in die Schule muss oder zum Arzt, dann gehe das gut. Es sei in Hongkong akzeptiert, dass Frauen zu 100 Prozent arbeiten, meistens würden beide Partner voll arbeiten. Ob die Arbeitgeber somit auch flexibler mit familienbedingten Abwesenheiten umgehen, sei aber nach wie vor sehr individuell und vom Job abhängig. In ihrer Position sei das Vertrauen da, dass sie ihren Job schon erledigen würde. «Es interessiert niemanden, wenn ich um 10 Uhr morgens schnell raus muss.» Aber auf dem Juniorlevel sei das schon anders. Natürlich komme es auch auf den Inhalt der Arbeit an. Im Handel sei sie an feste Arbeitszeiten gebunden gewesen. Dort stelle der Mutterschaftsurlaub zum Beispiel nach wie vor ein Problem dar. Und auch im Frontoffice sei es schwieriger, lange abwesend zu sein, weil die Person vollumfänglich präsent sein müsse. Im Risikomanagement arbeitete sie eher reaktiv, was die Situation wiederum vereinfacht hätte. Dort hätte sie vieles von zu Hause aus erledigen können.
Offensichtlich mag Sylvie Davidson ihre Arbeit, was sie auch bestätigt. Es sei einfach ein sehr spannendes Umfeld. Sie arbeite mit interessanten Leuten, vielen verschiedenen Nationalitäten, mit Amerikanern, Engländern, Chinesen, Malaysiern zusammen und mit Menschen mit unterschiedlichen Backgrounds und Denkmustern.

Der asiatische Markt

Davidson steht mittendrin im Geschehen: In Hongkong, im Finanzzentrum des wachsenden Asien. Hat sich die Lage für asiatische Banken seit der Offenlegung von Kundendaten der Schweizer Banken nochmals verändert? Sylvie Davidson sagt, sie sei zwar keine Expertin, aber das regulatorische Umfeld im Kontext des Bankengeheimnisses habe sicherlich einiges verändert. Die Schweizer Banken hätten aber ihrer Meinung nach immer noch ein Servicemodell, an das die asiatischen Banken noch nicht herankommen. Viele Schweizer Banken würden jedoch Zweige nach Singapur verlegen, das bekanntlich seit Längerem mit Hongkong konkurrenziere. Singapur sei dabei eher das Zentrum für die Privatbank und den Asset-Management-Bereich, während Hongkong eher mit Nordasien verknüpft bleibe und immer noch als «Tor zu China» gelte. Ob auch Shanghai Hongkong als Finanzmetropole in Bedrängnis bringen könnte, bleibe aber fragwürdig. Es würden nach wie vor Unklarheiten bestehen bezüglich Regulierungen im Bankenwesen. Und solange es keine freie Konvertierbarkeit der Währung gäbe, werde sich, so Davidson, kaum ein weiteres internationales Finanzzentrum entwickeln. Aber längerfristig könne sich das schon ändern.
Auf die Frage, wie sie sich als eine der wenigen Frauen an ihrem Arbeitsplatz fühle, meint sie: «Ja, ich bin sehr oft die einzige Frau an Meetings, eindeutig.» Dann fügt sie lachend hinzu: «Und ich mag das auch noch.» Sie sei als Frau viel selbstsicherer geworden, als sie es noch vor zehn Jahren war. So fühle sie sich heute im Job zum Beispiel viel selbstsicherer, wenn sie «weiblichen» Verpflichtungen nachkommen müsse oder wenn sie die letzten Rugby-Resultate einfach nicht interessieren. Schwierig sei aber nach wie vor das Networking mit Klienten, der Mutterschaftsurlaub und die Integration danach. Abgesehen davon habe sie keine Unterschiede zu ihren männlichen Kollegen gespürt. Man müsse eine solche Karriere aber schon auch wirklich wollen und hart dafür arbeiten, fügt sie hinzu. Die Infrastruktur in Hongkong und die Hilfe daheim hätten ihr das ermöglicht.
Wie Sylvie ihren Alltag mit Karriere und fünf Kindern meistert, wird von vielen bewundert. Und auch die Journalistin fragt nach: «Sagen Sie, wirklich? Fünf Töchter?» Sylvie nickt und sagt, sie hätte sich schon immer mindestens vier Kinder gewünscht. Sie sei dann aber vielen Frauen begegnet, die es mit weit über 40 wahnsinnig bereut hätten, nicht noch eines mehr in die Welt gesetzt zu haben. Um dies zu vermeiden, hätten sie und ihr Mann Russell sich noch für ein Fünftes entschieden und dafür sei sie so dankbar. Ihre Familie sei ihr das Wichtigste. Aber neben ihrer Arbeit und dem Pflegen von Freundschaften liege nicht mehr viel drin, Hobbys zum Beispiel schon gar nicht. Aber sie sei sehr glücklich mit ihrem Leben.