Bambi im Rotlichtbezirk
Mit «Felix Salten: Man of Many Faces» (Ariadne Press, Riverside USA, 2010) legt die Literaturwissenschaftlerin Beverley Driver Eddy eine ehrgeizige Biografie vor, die deutlich macht, warum sich bislang noch niemand an dieser ebenso verdienstvollen wie schwierigen Aufgabe versucht hat. Eddy konnte unter anderem im Felix-Salten/Lea-Wyler-Archiv in Zürich forschen. Der österreichische Romancier, Dramatiker, Journalist und Naturfreund Salten (1869–1945) hat ein reichhaltiges Lebenswerk geschaffen, das von seinen ersten Publikationen um 1890 bis zu seiner Flucht aus seiner geliebten Heimatstadt Wien 1938 fast 50 Jahre umspannt. Salten lancierte zusammen mit Hugo von Hofmannstahl, Richard Beer-Hofmann und Arthur Schnitzler die literarische Revolution, die als Jung-Wien in die Geschichte eingegangen ist. Er war ein früher Unterstützer der zionistischen Vision Theodor Herzls, gründete das erste Cabaret Österreichs und war ein begeisterter Anhänger der Innovationen, die Max Reinhardt dem Theater brachte.
Auf «Bambi» reduziert
Doch dadurch liess sich der aus einfachen Verhältnissen stammende Autor nicht von der Veröffentlichung zahlloser Artikel, Feuilletons, Bücher, Bühnenstücke und Geschichten über jeden Aspekt des Wiener Lebens abhalten – von den Eskapaden der vergnügungssuchenden Menge im Prater bis zu den einsamen Freuden einer Wanderung im Wiener Wald. Eddy lässt kein Detail aus, um das Bild eines Mannes zu zeichnen, der meist nur noch als Autor von «Bambi» bekannt ist. Und selbst dieses Werk Saltens ist gemeinhin lediglich in der Disney-Version präsent.
Im Gegensatz zu den anderen Jung-Wien-Autoren, mit denen er sich im Café Griensteidl zu treffen pflegte, ging der als Siegmund Salzmann in Budapest geborene Salten nicht aus einer wohlhabenden Familie hervor. Die finanziellen Missgeschicke seines Vaters verkürzten seine Schulzeit und zwangen ihn zur Arbeit in einem Versicherungsbüro. Auch als etablierter Autor war Salten für seinen Lebensunterhalt noch zu journalistischen Arbeiten gezwungen. Obwohl er sich lieber ganz auf seine Romane und Geschichten konzentriert hätte, brachten ihn die Reportagen doch in Kontakt mit der ganzen Breite der Wiener Gesellschaft von den Schaustellern im Prater bis zu Angehörigen des Herrscherhauses. Seine Freundschaften mit Letzteren erlaubten es Salten, die Aristokraten als Gefangene der Zwänge höfischen Lebens darzustellen.
Schon vor dem Ersten Weltkrieg wandte er sich als Autor auch dem Film und der Operette zu. Anregung suchte Salten auf Reisen nach Ägypten, Palästina und während der zwanziger Jahre auch in den USA. Dort beklagte er die Lage der Schwarzen und der indianischen Ureinwohner, während er die puritanische Ablehnung von Alkohol und Sex ins Visier nahm.
Auffallende Parallelen
Ein weiteres grosses Thema im Werk Saltens war die Sexualität. Dies gilt speziell für die in der Renaissance angesiedelten Novellen «Die Gedenktafel der Prinzessin Anna» (1902) und «Der Schrei der Liebe» (1905). Darin stellte er die Spannung zwischen Erotik und Treue so zwingend dar, dass er bald darauf allgemein als der anonyme Autor des brillanten, pornografischen Romans «Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt» (1906) identifiziert wurde.
Eddy gelingt mit einer gut dokumentierten Analyse der Nachweis, dass Salten den Skandal-Klassiker mit grosser Wahrscheinlichkeit tatsächlich verfasst hat. Dies nicht zuletzt, indem sie Ähnlichkeiten zwischen Josephines Vita und Saltens späteren Tiergeschichten herausarbeitet: Verführte Unschuld, aber nicht im üblichen Sinne beschmutzter Reinheit, sondern als unausweichliche Zerstörung naturgegebener Instinkte, tauchte bis an sein Lebensende immer wieder in Saltens Werk auf. Gleichzeitig liess er sich auch in «Josefine Mutzenbacher» nicht zu der Sentimentalisierung einer Umgebung hinreissen, in der sich die Triebe frei entfalten können. Ob die genau beobachtete Welt der Wiener Mietskasernen, in der Josefine von Kindheit auf zügellosen Sex geniesst, oder Bambis unbeschwerte Kapriolen im Wald seiner frühen Jahre – Salten unternimmt keine Anstalten, die animalische Natur dieser Milieus zu schönen.
Tiere spielten schon bei Saltens ersten Versuchen eine Rolle, selbst wenn sie wie eine Fliege in seiner frühen Geschichte «Lebenzeit» (1899) neben den menschlichen Protagonisten nur winzig klein waren. Er hat seine Figuren aus dem Tierreich und deren Nöte stets mit warmer Sympathie dargestellt. Dabei war Salten nicht nur ein unbeteiligter Naturbeobachter, sondern nahm selbst als Jäger an dem ungleichen Spiel von Leben und Tod im Forst teil. Eddy zeigt, dass die für Jung-Wien so bedeutsame Diskussion von Psychologie und Bewusstsein auch in Saltens Tiergeschichten Niederschlag fand. Seine Tiere können denken und sprechen – dies selbst über die Grenzen zwischen Arten hinweg. Eddy vermutet, dass Salten diesen Protagonisten seine eigenen Spekulationen über ein Universum in den Mund legt, in dem alles Leben verletzlich und das ebenso schön wie grausam ist.
Gründlich verfälscht
Die Klarheit, mit der Salten die Grausamkeit der Natur wahrnahm, macht es noch erstaunlicher, dass er die von Nazideutschland ausgehende Gefahr nicht wirklich erkannt hat. Wies er die Existenz eines Paradieses auf Erden in den Wäldern von sich, so sehnte er eine solche in seiner eigenen, literarischen Sphäre herbei. Sein naiver Glaube an eine internationale Interessengemeinschaft der Künstler hat Salten 1933 auf dem Treffen des Schriftstellerverbandes P.E.N. in Ragusa zu einem fatalen Fehltritt verleitet, als er gegenüber einer deutschen Delegation, die damals bereits ihre jüdischen Mitglieder ausgeschlossen hatte, viel zu konziliant auftrat. Jahre später hat er diesen Irrtum in einem Brief an Stefan Zweig aus seiner Liebe zu Österreich erklärt: «Wenn es eine Entschuldigung für mich geben könnte, wäre es nur meine Besessenheit für Theater, Kunst und Literatur, die man wohl stur nennen darf, mein fanatisches Verwurzeltsein in dem heimatlichen Boden Wiens und Österreichs, in die Musik, die diesem Boden entströmte, Mozart, Schubert, Johann Strauss und Bruckner, meine Verbundenheit mit dem Wald, den Tieren, eine Verbundenheit, die etwas animalisches hatte.»
Nach dem «Anschluss» konnten Salten und seine Frau Otti Wien verlassen und dank der Heirat der gemeinsamen Tochter Anna mit dem Schweizer Schauspieler Hans Rehmann im März 1939 nach Zürich emigrieren. Bis zu Ottis Tod im Jahr 1942 verbrachte das Paar dort einen geruhsamen Lebensabend. Felix Salten starb am 8. Oktober 1945 in Zürich.
Eddy schliesst ihr Buch mit einem Kapitel über die «Disney Transformation», in der sie die allmähliche «Infantilisierung» der von Salten entworfenen Tierwelt darstellt. Disney hat einige von Saltens Tiergeschichten adaptiert. Hemmungslos kommerziell und einem platten Optimismus amerikanischer Spielart verpflichtet, haben diese Filme Saltens Vermächtnis gründlich verfälscht. Mit ihrer umfassenden Biografie unternimmt Beverley Driver Eddy einen lange überfälligen Schritt zur Berichtigung dieser Travestie und macht die wahre Statur Saltens wieder erkennbar.