Bad Boy of Music
Mit blosser Bekanntheit hätte sich der am Sternberg-Konservatorium in Philadelphia und von Ernst Bloch ausgebildete Komponist und Pianist nicht zufrieden gegeben. Als exaltierter Klavierspieler, der sein Instrument mit den Fäusten traktierte, wollte und erreichte er mehr, galt er doch nach seiner Europareise in den zwanziger Jahren als ein berühmt-berüchtigter Avantgardist mit einem ganz speziellen Reizmittel. Antheil hatte sich etwa gleichzeitig mit Gershwin in den Jazz verliebt und während eines guten Jahrzehnts fast alle seine angriffigen, perkussiven Kompositionen mit den entsprechenden Rhythmen und Klängen gewürzt.
Als er in Paris mit eigenen Werken auftrat, scharten sich um ihn Joyce, Yeats, Picasso und Léger, der zum «Ballet mécanique» (1924) in Zusammenarbeit mit Dudley Murphy einen der frühesten abstrakten Filme schuf. Ungewohnt an jenem mechanischen Ballett war allein schon die Besetzung, liess doch Antheil das mit Xylophonen, Sirenen und dem Geräusch von Flugzeugpropellern angereicherte Werk von bis zu 16 Pianisten aufführen. An der Entstehung von Antheils erfolgreichster Komposition, eben jeder Huldigung an den technischen Fortschritt, hatten der Jazz und Igor Strawinsky entscheidenden Ant(h)eil, wie sich der um gute Einfälle zwar nicht verlegene, für bessere jedoch dankbare Eklektriker immer schon auf effektvolle Zitate und Stilimitationen verstanden hatte.
Fremder Federnschmuck
Der zu seinen Pariser Freunden zählende Strawinsky musste als witzig kopiertes Vorbild am häufigsten herhalten. Von seinem Genieblitz im Ballett «Les Noces» oder der «Histoire du Soldat» findet sich mancher zitatartige Nachklang in der skelettartig dürren 1. Violinsonate, in der mit sechs Minuten auskommenden «Jazz Symphony», im einsätzigen «Concerto for Chamber Orchestra», in einer zweiminütigen «Jazz Sonata» und der ebenfalls mit amerikanischen Tanzrhythmen gepfefferten Bühnenmusik zu «Fighting the Waves» von Yeats, die sich zusammen mit dem immer wieder packenden «Ballet mécanique» in einer trotz manchem geistigen Diebstahl herzerfrischenden Darstellung mit dem von HK Gruber geleiteten Ensemble Modern auf der CD BMG Classics 09026 680662 findet. Mehr an der Wiener Klassik orientierte sich Antheil in seinen weniger bissigen drei Streichquartetten, mit denen das Mondriaan String Quartet auf Etcetera KTC 1093 voll Spielfreude und Spass an allerlei Scheinzitaten bekannt macht. Mit fremden Federn schmückte sich der auf anderen Gebieten mehr Erfindungsgeist beweisende Musiker, der zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ein mit Hedy Lamarr entwickeltes Torpedo patentieren liess und angeblich bahnbrechende Aufsätze über Drüsen- und Hormontherapie veröffentlichte, auch nach seiner Jazzpionierzeit, als sich seine schöpferischen Wogen glätteten und die Einfälle des in die Jahre gekommenen «Enfant terrible» an Flüssigkeit verloren. Was den 1959 in New York gestorbenen Musiker als einziges Produkt seiner vielfältigen Phantasie überleben dürfte, mögen, weniger die an Strawinskys fruchtbarem Überfluss genährten Kompositionen als das vor Abenteuerlust strotzende Buch «Bad Boy of Music» sein.
Abenteuerliche Memoiren
Auf rund 400 Seiten zieht Antheil die unterschiedlichsten Seiten auf, um manche andere Seite als diejenige eines ernstzunehmenden Komponisten zu zeigen. Er sei seinerzeit nicht nach Europa gekommen, um Konzertpianist zu werden, sondern «um ein Mädchen namens Anne Williams zu suchen». All das, was ihm in Berlin, Polen und Paris begegnete und geschah, als ihm die Zügel der Phantasie durchbrannten, sei es «der sich auflösende Fisch Europa» oder der «Schlusswalzer im Prater», ein «Konzert mit Standardausrüstung» oder «La vie de la Bohème» - so die Kapitelüberschriften der deutschen Ausgabe bei Albert Langen/Georg Müller, München 1960 -, garantiert trotz vieler Übertreibungen und unwahrscheinlich spritzig servierten Unwahrheiten ein wahres Lesevergnügen.