Austausch statt Boykott

Von Daniel Zuber, April 8, 2011
Während Kampagnen wie «Boykott – Desinvestition – Sanktionen» zum Boykott israelischer Produkte und Institutionen aufrufen und Ängste bezüglich Isolierung und Benachteiligung Israels aufkommen, verweist der rege Austausch zwischen den wissenschaftlichen Institutionen der Schweiz und Israels auf die guten Beziehungen, die tatsächlich zwischen den beiden Ländern vorherrschen.
UNIVERSITÄRE KOOPERATION Schweizer Universitäten pflegen einen regen Austausch mit israelischen Bildungsinstitutionen, auf dem Bild ist das Technion zu sehen


Wissenschaftliche Beziehungen Schweiz-Israel




S
owohl für die Schweiz als auch für Israel sind die Universitäten und Bildungsinstitutionen von zentraler Bedeutung. Beide Staaten sind nicht durch reiche Rohstoffvorkommen gesegnet und müssen sich auf ihr wichtigstes Gut – die Menschen – konzentrieren. Die Forschung ist eine zentrale Ressource beider Länder und sowohl Israel als auch die Schweiz sind heute in vielen Bereichen der Wissenschaft und der modernen Technologie weltweit führend.
Universitäre Vernetzung
Zwischen dem Lilly Safra Center for Brain Sciences der Hebrew University of Jerusalem (HUJ) und der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) wurde kürzlich im Beisein des israelischen Präsidenten Shimon Peres (vgl. tachles 13/11) eine Kollaborationsvereinbarung in der Höhe von zehn Millionen Dollar unterzeichnet (s. Kasten). Mit der Vereinbarung soll die Hirnforschung vorangetrieben werden. Wann genau die gemeinsame Forschung aufgenommen werden kann, sei noch unklar, so Jerry Barach, Mediensprecher der HUJ gegenüber tachles. Zurzeit würden noch zusätzliche Forschende rekrutiert, so Barach weiter.
Die HUJ pflegt neben der besagten Zusammenarbeit mit der EPFL auch diverse andere Kooperationen mit Schweizer Forschungsstätten. So besteht seit 2007 mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) eine offizielle Kooperation. Dabei stellt die HUJ eine von drei ausgewählten Universities of Excellence dar, die mit der ETH insbesondere den Austausch von Studierenden und Doktorierenden pflegen. Partnerhochschule ist die HUJ zudem mit der Universität Zürich, mit welcher ein Austauschprogramm gepflegt wird, welches mehrere Fächer und Fakultäten betrifft. Ein spezieller zusätzlicher Vertrag besteht seit 2008 zwischen den Fakultäten der Rechtswissenschaften beider Universitäten. Dieses «exchange agreement» soll die Kooperation im Bereich der Forschung und Lehre fördern und zu gemeinsamen Ausbildungsprojekten anregen. Umgekehrt ist auch die EPFL mit weiteren Universitäten aus Israel offiziell vernetzt. So etwa mit dem Technion, mit welchem neben gemeinsamer Forschungsarbeit auch der Austausch von wissenschaftlichen Mitarbeitenden und Studierenden zu Forschungs- und Lehrzwecken betrieben wird.

Breitgefächerte Zusammenarbeit

Verschiedene Schweizer Universitäten sind mit Universitäten und Forschungsinstitutionen in Israel vernetzt. Diese Vernetzung reicht von offiziellen Partnerschaften auf universitärer Ebene über institutionalisierte Partnerschaften auf Forschungsebene, die Kollaboration einzelner Fakultäten bis hin zum Austausch von Studenten und Doktorierenden und der Zusammenarbeit zwischen einzelnen Forschenden. Das Forschungsnetzwerk zwischen der Schweiz und Israel ist heute so breit gefächert, dass es wenig Sinn macht, hier ein differenziertes Bild zeichnen zu wollen. Die folgenden Ausführungen sind denn auch keineswegs abschliessend und sollen lediglich einen kleinen Eindruck dieser breiten Vernetzung vermitteln: Die Universität Zürich alleine zählt 36 aktuelle Projekte mit Partnerschaftsinstitutionen in Israel. In Form eines unilateralen Angebots der HUJ für Stipendien an ausländische Studierende pflegt die Universität Zürich bereits seit 1964 den Kontakt zu Israel, wie Guido Kleinberger vom Büro für Internationale Beziehungen der Universität Zürich erklärt.

Vernetzung Schweiz - Israel

Die ETH Zürich hat derweil neben dem Vertrag mit der HUJ seit 1981 auch ein ähnliches Austauschabkommen mit dem Technion. «Mit beiden Institutionen wie auch mit anderen Universitäten in Israel, insbesondere dem Weizmann-Institut, besteht zudem eine Reihe von Forschungskooperationen zwischen einzelnen Professuren», so Roman Klingler, Mediensprecher der ETH Zürich. Die Universität St. Gallen pflegt auf universitärer Ebene Kooperationen mit zwei israelischen Partneruniversitäten: Mit der University of Haifa und der Tel Aviv University (TAU), so Mediensprecherin Annkathrin Heidenreich. Die Universität Basel zählt laut Erich Thaler, Direktor Internationale Beziehungen der Universität Basel, auf gesamtuniversitärer Ebene noch keine Abkommen mit Israel. «Wir wurden vor einiger Zeit von der HUJ kontaktiert und auch von zwei Vertretern in Basel besucht, um die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu sondieren», führt Thaler aus. Verhandlungen diesbezüglich sind im Gange. Einzelne Fakultäten seien jedoch schon heute sehr aktiv, so Thaler. Die institutionalisierte Zusammenarbeit sollte laut Alfred Bodenheimer, Ordinarius für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums am Institut für Jüdische Studien, jedoch auch nicht überbewertet werden. «Wichtiger ist, dass sich Personen und Institutionen zu einem bestimmten Projekt zusammenschliessen, was meist eben über die persönlichen Kontakte und gemeinsamen Interessen läuft», führt er aus.
Das Institut werde beispielsweise im November, gemeinsam mit dem Kulturfestival Culturescapes (vgl. S. 26), eine wissenschaftliche Tagung zur Frage kollektiver Identität in Israel mit renommierten israelischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durchführen. Enge Kontakte zu verschiedenen Universitäten in Israel würden vom Institut für Jüdischer Studien zudem laufend gepflegt. Neben einem Kooperationsabkommen mit der Universität Luzern arbeiten auch Forscher der TAU mit Schweizer Kollegen an gemeinsamen Projekten unter anderem mit den Universitäten von Basel, Bern, Freiburg, Genf, Neuenburg sowie mit ETH und EPFL. Von aktueller Relevanz ist auch die Forschungsarbeit der Europäischen Organisation für Kernforschung, welche seit 1991 eng mit Israel zusammenarbeitet und heute regelmässig israelische Forschende beschäftigt.

Langjährige Zusammenarbeit

Die Bar-Ilan University, die Ben-Gurion-University, die Haifa University, die HUJ sowie das Technion, die TAU und das Weizmann-Institut haben zudem jeweils einen entsprechenden Schweizer Freundeskreis, der sich unter anderem auch dafür bemüht, den akademischen und kulturellen Austausch zwischen der Schweiz und Israel zu fördern und die jeweilige Bildungs- und Forschungsinstitution zu vernetzen. Die Kooperation zwischen Forschungsinstitutionen der Schweiz und Israels kann als laufender Prozess betrachtet werden. Im Jahr 2000 hat etwa die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss, welche Ehrendoktortitel der Haifa University und der HUJ trägt, das Lisa and Sigi Daniel Swiss Center for Conflict Research, Management and Resolution an der HUJ eingeweiht. Auf einer Israel-Reise im Jahr 2005 hat der damalige Bundesrat Pascal Couchepin zusammen mit Israels Wirtschaftsminister Matan Vilnai eine Absichtserklärung unterzeichnet, welche die wissenschaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder verstärken soll. Die Kollaborationsvereinbarung zwischen HUJ und EPFL kann als weiterer Schritt in dieser Richtung betrachtet werden.