«Ausserdem sind sie ja auch Menschen»

von Alexis Canem, October 9, 2008
Am 28. August 1749 wurde der Dichter Goethe geboren. Seinen 250. Geburtstag nehmen zahlreiche Kulturstätten vor allem in Deutschland, aber auch in Frankreich und in der Schweiz zum Anlass, Veranstaltungen, Symposien, Ausstellungen, Theaterinszenierungen und Dichterlesungen zu organisieren. Mehr als sonst wird über Goethe geschrieben und publiziert, Goethe als Maler, Goethe als Botaniker, als Schriftsteller, als Politiker, als Liebhaber von Frauen, Goethe und die Postmoderne und die elektronischen Medien - die Themen sind vielfältig. Doch ein Gebiet wird geflissentlich dabei übersehen: die Beziehung Goethes zu den Juden.

Geboren und aufgewachsen ist Goethe in Frankfurt am Main, einer Stadt, in der auch viele Juden lebten. Bekannt war die Mainmetropole auch als das «Nordische Jerusalem». Beschlüsse des Frankfurter Rabbinats waren bindend für die jüdische Welt in ganz Europa. In der Jugendzeit Goethes begannen, von England ausgehend, Ausflüge in fremde Länder als «Bildungsreisen» zur Gewohnheit der Adligen und bürgerlichen Gesellschaft zu werden. Auch Frankfurt lag auf der Europastrecke. Zwei Punkte waren dabei für die Touristen besonders wichtig, der Besuch des Römers, in dem die Kaiserwahl stattfand, und der Gang durch das jüdische Viertel. Dicht gedrängt auf einer einzigen Strasse fand der christliche Tourist alles, was er für typisch jüdisch hielt, Männer in Kaftanen und Judenhüten, Frauen mit Perücken, eine fremde Sprache, enge Wohnverhältnisse, ineinander verschachtelte Häuser. In «Dichtung und Wahrheit» erinnert sich Goethe an seine Jugenderlebnisse. Deutlich erkennbar sind die Vorurteile, die er auch noch im Alter vertritt. So z. B. heisst es im ersten Teil, 4. Buch: «Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Accent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Thore vorbeigehend, hinsah.»
Dabei hatte Goethe eine gewisse Kenntnis des Judentums, die ihn von anderen Neugierigen unterschied. Und es ist umso erschreckender, wenn er nach wie vor in antisemitischen Klischees verhaftet blieb. Sein Vater, der hoffte, dass sein Sohn später einmal eine juristisch-theologische Laufbahn einschlagen würde, bestand darauf, dass bereits der 15-Jährige neben Griechisch und Latein auch Hebräisch lernte. Dennoch schreibt Goethe jahrzehntelang später, dauerte es lange, «bis ich allein mich (ins Ghetto) hineinwagte, und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zurück, wenn ich einmal den Zudringlichkeiten so vieler etwas zu schachern unermüdet fordernder oder anbietender Menschen entgangen war».Nachdem Goethe als junger Mann sein Jurastudium erfolgreich beendet hatte, begann er für eine kurze Zeit in der Kanzlei seines Onkels Just Textor zu arbeiten. Nachweisbar waren unter den 28 Fällen, die Goethe als Anwalt vertrat, auch sieben jüdische Klienten. So unterstützte er beispielsweise einen Bankier, der durch Zahlungsunwilligkeit adliger christlicher Gläubiger in den Bankrott getrieben und ins Gefängnis geworfen wurde, wo er starb. Seine Witwe, die Goethe ebenfalls vertrat, forderte nun, aufgrund ihrer Ketuba, das ihr gehörende Geld zurück. Goethe muss Kenntnis von jüdischen Bräuchen wie z. B. dem Aufsetzen eines Heiratsvertrages gehabt haben. Das bestätigt er in «Dichtung und Wahrheit». Er schreibt, er habe eine Beschneidung miterlebt, «einer Hochzeit beigewohnt und von dem Laubhüttenfest mir ein Bild gemacht. Überall war ich wohl aufgenommen, gut bewirtet und zur Wiederkehr eingeladen: denn es waren Personen von Einfluss, die mich entweder hinführten oder empfohlen.»

Geprägt von Intoleranz gegenüber Juden

Dennoch hatte Goethe keinerlei tiefes Verständnis für die Juden, die er im Grunde genommen ablehnte. In «Dichtung und Wahrheit» verteidigt er alte antisemitische Standbilder wie dasjenige am Frankfurter Brückenturm, das Juden darstellt, die an den Zitzen eines Schweines saugen. «Und ob man gleich in der neueren Zeit besser von ihnen dachte, so zeugte doch das grosse Spott- und Schandgemälde, welches unter dem Brückenturm zu sehen war, ausserordentlich gegen sie, denn es war nicht etwa durch einen Privatmutwillen, sondern aus öffentlicher Anstalt verfertigt worden.»
Zu dieser Denkart des Dichters passt auch, dass er als Minister noch 1816 anordnet: «In Jena darf nach alten Gesetzen kein Jude übernachten. Diese löbliche Anordnung dürfte gewiss künftighin besser als bisher aufrecht erhalten werden.» Das war in der Zeit nach der Französischen Revolution, in der die Gleichheit aller Menschen verlangt wurde. Nachdem Napoleon Deutschland erobert hatte und das bürgerliche Gesetzbuch verbindlich für alle besetzten Gebiete wurde, zeigte Goethe deutlich seine Abneigung gegen die neue Emanzipation der Juden, die für eine kurze Zeit allen anderen Bürgern gleichgestellt waren. Allerdings äusserte sich Goethe zu diesem Thema nicht öffentlich, sondern protestierte gegen die Emanzipation entweder dadurch, dass er politischen Debatten zu diesem Thema fernblieb oder sich nur privat im Freundeskreis oder in seinen Briefen dazu äusserte. Erhalten geblieben ist eine Mitteilung an Marianne v. Willemer vom 17. Juli 1817, in der es heisst: «Ich entsage dagegen den sämtlichen Bundestagsverhandlungen, enthalte mich aller Teilnahme an Juden und Judengenossen.» Empört äusserte sich Goethe auch über die neuen Freiheiten, die man Juden in Frankfurt gestattete. Als er dann von einem durch die napoleonische Fremdherrschaft erzwungenen Gesetz erfuhr, das eine Heirat zwischen Christen und Juden erlaubte, war Goethe überaus erbost darüber. «Alle sittlichen Gefühle in den Familien», berichtet v. Müller in seinen Erinnerungen, habe Goethe voller Zorn gesagt, «würden durch ein solch skandalöses Gesetz untergraben.» Unvorstellbar war der Gedanke für Goethe, «dass einmal eine Jüdin Oberhofmeisterin werde». Auch habe der grosse Dichter gesagt, berichtet v. Müller: «Wenn der Generalsuperintendant Charakter habe, müsse er lieber seine Stelle niederlegen, als eine Jüdin in der Kirche der heiligen Dreifaltigkeit trauen.»
Die Juden schätzte Goethe nur als Helden des Alten Testaments. «Ihr Hauptvorteil ist die treffliche Sammlung ihrer heiligen Bücher», schreibt er. «Sie sind vollständig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch genug, um anzureizen, hinlänglich barbarisch, um aufzufordern, hinlänglich zart, um zu besänftigen.» Streng trennt Goethe dabei zwischen den Israeliten des Alten Testaments und den zeitgenössischen Juden. «Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt. Es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker; aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und an Zähigkeit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehovah durch alle Zeiten zu verherrlichen.» Und in «Dichtung und Wahrheit» heisst es: «Indessen bleiben sie doch das auserwählte Volk Gottes und gingen, wie es nun mochte gekommen sein, zum Andenken der ältesten Zeiten umher. Ausserdem waren sie ja auch Menschen, tätig, gefällig, und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren Gebräuchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen. Überdies waren die Mädchen hübsch und mochten es wohl leiden, wenn ein Christenknabe ihnen am Sabbath begegnend, sich freundlich und aufmerksam bewies.»
Voller Vorurteile gegen seine jüdischen Mitmenschen war Goethe, ignorant bis zu einem leichten Hauch von Antisemitismus. Allerdings ist dies eine Seite, die sehr wenig bekannt ist. Das hängt damit zusammen, dass seine Unduldsamkeit mehr in seinen Briefen, persönlichen Aufzeichnungen und Gesprächen manifestiert ist und weniger in seinen Werken. In «Jahrmarktsfest zu Plunders Weiler» schildert er ein Puppenspiel, mit Esther und Haman als Volksbelustigung, doch schon die Frage, ob der Erscheinung des Erdgeistes im «Faust» eine intensive Beschäftigung mit der Kabbala voranging, ist bis heute von der Literaturwissenschaft nicht beantwortet, obwohl das Thema nach wie vor diskutiert wird. Lediglich in «Wilhelm Meisters Wanderjahre» äussert sich Goethe zur Judenfrage. In einer Zeit des Sturms und Drangs, in der von Frankreich ausgehend auch in Deutschland die Literatur bürgerliche Rechte und Freiheiten fordert und Wegbereiter für deren Realisierung ist, bleibt Goethe trotz aller Fortschrittlichkeit in einem kleingeistigen antijüdischen Klischee verhaftet. In «Wilhelm Meister», dem Roman, in dem es um die Erziehung der Jugend geht, plädiert der bekannteste deutsche Dichter für eine Ausgrenzung all derjenigen, die nicht an das Neue Testament glauben. «In diesem Sinne, den man vielleicht pedantisch nennen mag, aber doch als folgerichtig anerkennen muss, dulden wir keine Juden unter uns», fordert Goethe.
Diese Stelle wurde schon kurz nach dem Erscheinen des Romans von Antisemiten und Nationalisten für ihre Zwecke missbraucht. «Alle grossen deutschen Dichter», heisst es in einer Flugschrift von 1898, wären gegen die «Verweichlichung» der «deutschen Kultur durch die Juden» gewesen. Als Beweis werden Luthers Pamphlet gegen die Juden angeführt, die Figur des Spiegelberg in Schillers Drama «Die Räuber», Zitate von Paul Lindau und Alfred Draeger und eben jener Abschnitt aus Goethes «Wilhelm Meisters Wanderjahre». Die Nationalsozialisten adoptierten diesen Gedanken dann völlig und stellten Goethe als bewussten Antisemiten dar, der er jedoch nicht war.

Goethes Kontakt mit Juden

Zwar hatte Goethe wenig jüdische Freunde. Ludwig Börne konnte er nicht leiden, und Heinrich Heine, der den Dichterfürsten einmal in Weimar besuchte, berichtete hinterher von der eisigen Gefühlskälte, die ihm während des Gesprächs entgegen kam. Ganz anders empfand es Mendelssohn-Bartholdy. Zweimal besuchte der Musiker Goethe in Weimar, und jedesmal lobte der Dichter seine Virtuosität auf dem Klavier und seine phantasievollen Kompositionen. Jüdische Bankiers verwalteten das grosse Privatvermögen Goethes, und Rahel Varnhagen, die eine grosse Verehrerin Goethescher Poesie und Dichtkunst war, korrespondierte mit ihm. Überhaupt waren viele Juden begeisterte Anhänger Goethescher Verse und seiner Arbeiten, wohl ohne seine Einstellung zum Judentum dabei zu kennen. Der Wiener Bankier Simeon v. Laemel kam mit Goethe in Karlsbad ins Gespräch. «Erst später, als ich viele geistbegabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennen lernte», antwortet ihm Goethe auf seine Frage, wie er zum Judentum stehe, «gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bibelschöpferische Volk hege und für den Dichter, der das Hohelied der Liebe schrieb.»
Widersprüchlich sind die Gedanken Goethes über die Juden. Jetzt, anlässlich des 250. Geburtstages des Dichters, beschloss das Jüdische Museum in Frankfurt/Main, eine Ausstellung zu diesem Thema zu machen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frankfurter Judengasse und ein Symposium über «Goethes Begegnung mit Juden und Judentum». Es war nicht leicht, eine solche Ausstellung zu konzipieren und gleichzeitig ein wissenschaftliches Kolloquium zu organisieren. «Das Material wurde bisher nur ungenügend aufgearbeitet», sagt Dr. Annette Weber, die gemeinsam mit Direktor Heuberger für Ausstellung und Symposium verantwortlich ist. «Man muss direkt auf die Quellen zurückgreifen.» Möglicherweise verändert sich dann jedoch das Bild, das viele von Goethe haben. «Vielleicht», hofft Annette Weber, regt das Symposium mehr zum Nachdenken an und zu einer intensiveren Beschäftigung mit dieser fast unbekannten Seite des Dichterkönigs. Ein lohnenswertes Forschungsthema wäre eine Untersuchung über Goethes Verhältnis zu den Juden allemal.

Eröffnung der Ausstellung in Frankfurt: 4. 9. 1999
Symposium: 5. 9. 1999