«Ausgezeichnete Beziehungen»
TACHLES: Welches waren für Sie die eindrücklichsten Ereignisse Ihrer Amtszeit in Israel?
FAUSTUS FURRER: Nebst vielen eindrücklichen Begegnungen und Erleb-nissen waren im letzten Jahr der Besuch unseres Verteidigungsministers Ueli Maurer bei seinem Amtskollegen Ehud Barak, die Aktion «Carmel» der Schweizer Luftwaffe in Haifa und die offizielle Gedenkfeier für die gefallenen israelischen Soldaten an der Klagemauer die eindrücklichsten Erlebnisse. Der Besuch von Bundesrat Maurer war für die Vertiefung der politischen Beziehungen sehr wertvoll. Dabei möchte ich erwähnen, dass für mich als Verteidigungsattaché die uneingeschränkte Unterstützung durch Botschafter Walter Haffner und sein Team in Tel Aviv sehr hilfreich war. Bei ihm wäre ein stationärer Verteidigungsattaché hervorragend aufgehoben. Die Operation «Carmel», ausgelöst durch den Hilferuf Israels zur Bekämpfung der grossflächigen Feuer im Norden Israels, führte zum längsten Helikopterüberflug in der Geschichte der Schweizer Luftwaffe. Die Zusammenarbeit mit den Israeli war beeindruckend. Die offizielle Gedenkfeier für die gefallenen Soldaten an der Klagemauer machte mir die Not und Trauer spürbar, die viele Familien trifft. Dieser Konflikt hinterlässt Wunden, und zwar auf arabischer wie auf israelischer Seite.
Wie haben sich die militärischen Beziehungen zwischen beiden Ländern entwickelt?
Grundsätzlich gilt es zu beachten, dass die bilateralen Beziehungen zu Israel sehr stark durch die Geschehnisse in Israel selbst und durch die öffentliche Meinung in der Schweiz beeinflusst werden. Die Beziehungen sind gut und insbesondere im Bereich der militärischen Kooperation gibt es eine ausgezeichnete Zusammenarbeit. Jährliche Treffen dienen der Zielsetzung des gegenseitigen Informationsaustausches und der Absprachen. Dabei geht es unter anderem um mögliche Rüstungskooperationen und um die «Begleitung» der laufenden Geschäfte. Das im Rüstungsprogramm 2005 bewilligte IFASS Funkaufklärungs- und Sendesystem mit einem Anteil israelischer Firmen in der Grössenordnung von rund 180 Millionen Schweizer Franken ist ein Beispiel für die vertieften Beziehungen zwischen Israel und der Schweiz.
Sie haben Israel und die Schweiz als «ideale Partner» bezeichnet? Was macht die gute militärische Kooperation aus?
Wir haben als Kleinstaaten viele Gemeinsamkeiten und eine lange Tradition guter Beziehungen. Beide Länder haben etwa 7,5 Millionen Einwohner, haben mehr als eine Amtssprache und sind auch flächenmässig vergleichbar. Ein wissenschaftlicher Austausch ist aufgrund des guten Bildungsstandes beider Länder möglich und auch im wirtschaftlichen Umfeld sind Kooperationen für beide Staaten gewinnbringend. Die Armee Israels ist für die Schweizer Armee eher als «Know-how-Lieferant» in hochsensiblen technischen Belangen und in Doktrinfragen ein möglicher Ansprechpartner. Umgekehrt profitiert Israel von «Nischenprodukten» der Schweizer Industrie. Dem Mobilmachungssystem Israels liegen die Grundzüge der Schweizer Mobilmachungskonzeption zu Grunde.
Worin liegen die besonderen militärischen Herausforderungen für Israel?
Israel lebt heute als 7-Millionen-Volk inmitten von 300 Millionen Arabern und wird von seinen Nachbarn als Fremdkörper wahrgenommen. Die Araber können sich militärisch ausgedrückt mehrere Niederlagen leisten. Israel nicht. Es besteht kein Zweifel, dass Israel militärisch stärker ist als alle arabischen Staaten zusammen. Nur bezweifle ich sehr, ob Israel den palästinensischen Widerstand allein mit militärischer Dominanz brechen kann. Die militärischen Herausforderungen für Israel sind seit längerer Zeit klar erkennbar und werden jetzt aufgrund der aktuellen Situation verschärft. Die Nuklearambitionen Irans sind eine ernsthafte Bedrohung, weil womöglich unkontrolliert Langstreckenraketen in Besitz der Hizbollah und der Hamas gelangen könnten. Dieses Szenario würde das Kräfteverhältnis im Nahen Osten komplett verändern. Das militärische Feindbild lässt sich oftmals nicht mehr genau skizzieren, weil zu viele Fakten durch externe, nicht kontrollierbare Akteure bestimmt werden. Ein in der arabischen Welt grassierender Antiamerikanismus, die erbitterte Feindschaft von Sunniten und Schiiten, die Nachwirkungen der Bilder von Abu Ghreib, der Zusammenbruch oder zumindest die weitgehende Lähmung staatlicher Ordnungen, die Nuklearambitionen innerhalb der arabischen Welt, der jetzt tobende Kampf zwischen den Mullahs und den syrischen Baathisten und als Hauptproblem der israelisch-palästinensische Konflikt. Israel und der Westen sollten nicht weiter kurzfristige, sondern langfristige Lösungen anstreben. Gerade darin unterscheidet sich strategisches von taktischem Denken.
Wie schätzen Sie die Situation im Land nach dem «arabischen Frühling» ein?
Persönlich habe ich mit dem Begriff «arabischer Frühling» meine liebe Mühe. Unter «Frühling» verstehe ich eine Jahreszeit der erwachenden Natur. Wenn ich die Bilder der angreifenden Rebellen im Fernsehen betrachte, dann verfliegt bei mir jedes Gefühl der Euphorie. Auch die soeben beschlossene Verlängerung der Uno-Resolution um weitere drei Monate wirft ein unvorteilhaftes Bild auf die effektive Kampfkraft der Rebellenverbände. Somit könnte der Nato-Einsatz bis Mitte Dezember dauern. Der Nahe Osten ist in Aufruhr. Die Brandherde nehmen zu und es besteht durchaus die Gefahr, dass sie aufeinander überspringen könnten. Die Situation ist deshalb so komplex, weil die arabischen Staaten selbst sehr unterschiedliche politische und militärische Interessen verfolgen. Auch wenn man es in aufgeklärten Kreisen nicht gerne hört, aber die entscheidende Herausforderung wird die Auseinandersetzung zwischen unserer westlichen Zivilisation und dem Islam sein. Ein Zusammenprall der Kulturen kann nicht mehr ausgeschlossen werden.
Welches Risiko geht von Ägypten aus?
Ein Grosses. Weil ich der Ansicht bin, dass der Islam kaum mit unseren demokratischen Grundwerten vergleichbar ist, könnte eine Machtverschiebung zu Gunsten der Muslimbruderschaft für Israel eine nicht zu unterschätzende militärische Bedrohung darstellen. Ein fundamentalistischer Islamist als Generalstabschef der ägyptischen Armee würde mit grosser Wahrscheinlichkeit die Hamas im Gazastreifen uneingeschränkt mit Waffen beliefern. Das wäre eine dramatische Entwicklung und würde dem Konflikt im Gazastreifen eine völlig neue Dimension verleihen. Der «kalte Frieden», der insbesondere auch von der Armee Ägyptens respektiert wurde, könnte in die Brüche gehen, und dann wäre der «Aufmarsch» in eine mögliche «Angriffsstellung» in den Gazastreifen plötzlich Realität.
Wie gross ist die Gefahr, dass Waffen aus Iran über Syrien nach Libanon geschafft werden?
Gross. Schon seit längerer Zeit gibt es gesicherte Hinweise und auf israelischer Seite auch Be-weise, dass Iran grosse Anstrengungen unternimmt, die Hizbollah mit Waffen im Süden Libanons zu unterstützen. Syriens Präsident Bashar Assad hat als engster Verbündeter Iran zur Zeit jedoch andere Sorgen, als seine Verbündeten in Libanon mit Waffen zu beliefern. Vielmehr hofft er auf Waffenlieferungen – auch auf neueste Überwachungssysteme – aus Teheran, um gegen die Demonstranten noch massiver vorgehen zu können. Dass dabei ausgerechnet die Türkei die Aufständischen in Syrien unterstützt, zeigt, wie komplex die Machtverhältnisse in der arabisch-muslimischen Welt sind. Solange die unterschiedlichen arabischen Staaten mit sich selbst beschäftigt sind, droht Israel keine unmittelbare Gefahr. Danach bedarf es einer genauen Lagebeurteilung, um nicht massiv überrascht zu werden.
Wie beurteilen Sie den Antrag der Palästinenser auf eine Aufnahme in die Uno?
Grundsätzlich haben die Palästinenser ein Recht auf einen eigenen freien Staat. Wenn man aber als souveräner Staat auftreten will, dann gehören dazu auch Pflichten. Solange die Palästinenser aber Israel grundsätzlich ein Existenzrecht absprechen und vom Vernichten des israelischen Staates sprechen, ist eine Koexistenz auf so kleinem Raum nur schwer zu erreichen. Zusätzlich stellt es eine enorme Schwierigkeiten dar, wie sich ein Staat in einem nicht zusammenhängenden Staatsgebiet, wie das mit Gaza und der Westbank der Fall ist, erfolgreich entwickeln könnte. Auch der Anspruch auf Jerusalem als Hauptstadt dürfte mehr eine Machtdemonstration darstellen als eine wirklich durchsetzbare Forderung. Jerusalem war in der Geschichte der arabischen Stämme nie eine Hauptstadt eines islamischen Volkes. Demgegenüber ernannte bereits vor 3000 Jahren der damalige israelische Stammesfürst David Jerusalem zur Hauptstadt seines Reiches. Zum jetzigen Zeitpunkt dürfte der Antrag auf Mitgliedschaft der Uno ein politisch geschickter Schachzug von Mahmoud Abbas sein, um nicht zuletzt auch seinen Anspruch gegenüber der Hamas auf «Führerschaft» zu bekräftigen.
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