«Aus Zion kam die Software, und Mikrochip aus Jerusalem»
Ein Beispiel für eine Privatinitiative ist die Yazam-Gruppe des Expiloten Shlomo Kalisch, bisher etwa 40 «Startups» auf die Sprünge helfen. «Wir garantieren eine Antwort für ein Projekt in sechs Wochen», sagt Marketingleiter Israel Schorr. Durchschnittlich 4 Millionen US-Dollar ist der Kapitalbedarf für ein junges Unternehmen. «Derzeit gibt es mehr Geld der Investoren als gute Ideen», sagt Schorr. Yazam veranstaltet «Frühstückspräsentationen» von neu gegründeten Firmen, die Nachfrage ist gross. Viele «Alte Hasen» wollen bei Israels Wirtschaftsboom dabeisein. Ein junger Mensch mit einer Geschäftsidee kommt zu Yazam, erhält Hilfe bis zur Erstellung eines Businessplans, stellt sein Projekt potenziellen Investoren vor. Yazam beteiligt sich am Unternehmen, das die Überprüfungen durchschritten hat. Innerhalb von 12 Jahren wird eine Börseneinführung angestrebt. Die Gewinne investiert Yazam in neue Gründungen. Die Stimmung im Land ist förderlich für «Startups». Die jungen Unternehmensgründer werden von erfahrenen, freien Unternehmern, so genannten «Business Angels», dabei unterstützt.
Neue Helden
Angelockt werden die Unternehmer in Spe durch Erfolgsstorys. Gil Shwed fing schon in der Armee mit Tüfteln und Erfinden an, die seine Firma Checkpoint zum Weltmarktführer in Sicherheit im Internet machten. Sein Aktienpaket wird heute auf 4 Milliarden US-Dollar geschätzt. Firewall, die Erfindung des jungen Milliardärs, ermöglicht den sicheren Übergang von einem Computernetzwerk zum anderen. Die weltweiten Virusangriffe der letzten Wochen schienen Checkpoint so wertvoll wie nie zu machen. «Als wir den ersten grösseren Abschluss mit SUN-Microsystems unterzeichnen sollten, haben uns Anwälte in New York ein Büro zur Verfügung gestellt. In unserem damaligen Büro in Ramat Gan hätten die US-Unternehmer gar nicht Platz gefunden», erzählt Schwed schmunzelnd. Die «Alte Garde» israelischer Industrieller wie Strauss und Rekanati benötigten Jahrzehnte, um ein Vermögen zu machen, «Gil Bates», wie der Firmengründer genannt wird, knapp 7 Jahre. Jossi Wardi wurde von seinem Sohn Arik konsultiert, als AOL anklopfte. Für 200 Millionen Dollar konnte ICQ von Arik und zwei Freunden an den US-Giganten verkauft werden. Das pfiffige Programm unterstützt den Plausch mit Freunden im Internet. Unter den PC-Kids ist es enorm populär. Wardi Junior und seine beiden Freunde sind beinahe Volkshelden.
Silicon Wadi
Hunderte Firmen stehen in der Pipeline, am Neuen Markt in Frankfurt sind 9 israelische Unternehmer zur Börseneinführung vorgemerkt. Deutsche und andere europäische Investmentbanker sind in den Businessparks in Herzliya, Netanya, Rosh Hayiin und anderen häufige Gäste. «Die Israelis können sich im High-Tech-Bereich excellent verkaufen», zeigt sich ein deutscher Banker beeindruckt. In Fachkreisen wird aus dem kalifornischen Silicon Valley «Silicon Vadi» für Israel verballhornt. Bei der Tagung der israelischen Internetvereinigung im März weilte Esther Dyson in Kefar Hamaccabiah. Die einflussreichste Dame in der internationalen Vereinigung, die Internetadressen vergibt, ist über die Zukunft des Netzes op-timistisch. «Die Vergabe von Web-Adressen wird bald eine Grenze des Zumutbaren erreichen», stellt die 38-jährige Trendsetterin fest. Die israelische Internetvereinigung verzeichnet eine Vervielfachung der Websites in unvorstellbaren Zahlen.
Internetopas sind stolz auf Cyberenkel
Israelische Wissenschaftler waren am Anfang des Internet in Zusammenarbeit mit dem US-Verteidigungsministerium vor 30 Jahren dabei, immer wieder wuchs eine nächste Generation nach. Diese «Internetopas» der ersten Generation sind von den nächsten Generationen angetan. Die Grundidee des Internet war, durch kleine Einheiten das Sicherheitssystem praktisch unverwundbar zu machen. Wird eine Einheit getroffen, können andere Computer autark weiterarbeiten. Die Blumenkinder von einst und die Internetkids von heute eint eine Einstellung, die Ordnung und Regulation unmöglich scheinen lässt.
Wendige Kaderschmieden des Cyberspace
Die Universitäten Israels sind eine der Quellen für Nachschub an hochqualifizierten Arbeitskräften, der allerdings die Nachfrage schon nicht mehr ganz zufriedenstellen kann. Avishai Bravermann, der Rektor von Beer Sheva, ist der Prototyp des Unimanagers des nächsten Jahrtausends. Eloquent und «Businessoriented» versteht er die Wüstenstadt zu vermarkten, «auf die Landkarte zu setzen», wie er gerne sagt. Industrielle wie der Verleger Hubert Burda oder Deutschlands Schuhkönig Deichmann teilen Bravermanns Visionen. Im internationalen Währungsfonds bewährt, holt der Rektor die Zukunft in den vernachlässigten Süden Israels. Der träumt von einer Bahn, die Beer Sheva in 25 Minuten Reichweite zu Tel Aviv rückt. Vor allem in und um Tel Aviv hat sich ein Boom junger Hardware- und Softwarefirmen entwickelt, und heute gilt die Stadt am «Um Shenkin» als eines der High-Tech-Zentren der Welt. Der Bedarf an High-Techmanpower ist so stark gestiegen, dass die sieben Universitäten des Landes aus allen Nähten platzen. Viele Israelis sind bereit, Entbehrungen auf sich zu nehmen, um den israelischen Traum zu verwirklichen.
Next Generation
Gil Shewd denkt zurück. «Für mein damaliges Gehalt würde heute keine Sekräterin arbeiten», sagt er trocken. Für den 37-Jährigen ist klar, dass Israel Mittelpunkt seines Lebens bleibt. Im April fand während der Internet World in Tel Aviv ein Hackertreffen statt. Nicht erst seit dem Love Virus 2 ist Israel als Ausgangspunkt für Datensabotage bekannt. Die Hacker sehen sich als soziales Gewissen und Hüter der reinen Lehre und wollen Missbrauch aufzeigen. Über Satellit wird der Erfinder des «Melissa»-Virus eingespielt. Er verlangt einen hohen Betrag im voraus, den er auch erhält. Der knapp 20-jährige Miki Buzaglo erzählt, wie er die Site der Hizbollah lahmlegte, da er diese Propaganda nicht ertrug. Da kommen einem Gedanken über den Postzionismus 2000 nach. Ein junger Israeli, der in die Computer des Pentagon einbrach, hat Urlaub vom Militär. Statt Gefängnis engagierte er einen Manager. Dateneinbruch als Kult? «Analyzer» als Popstar? Andy Müller Maguhn vom Chaos Computer Club in Berlin ist auch da. Er wirkt neben den Kids wie ein Dino aus einer anderen Zeit. In der Knesset fragte ein Abgeordneter an, ob Regierungsvertreter den Hackerkongress besuchen würden. «NEIN», hiess es. Natürlich waren einige Beamte «inoffiziell» da.
«Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen»
Tatsächlich spaltet Internet. Für viele Israelis ist es ein Teil einer offenen, multikulturellen Gesellschaft. Tabus sind im weltweiten Datennetz kaum durchzusetzen. Die vielen Neo-Nazi-Websites und Fälle von Kinderpornographie sind dafür abschreckende Beispiele. Orthodoxe Juden sind durch ein neuartiges Programm in der Lage, ein «gefiltertes» World Wide Web zu betreten. Shlomo Unger betreibt ein Programm, in dem 1600 Yeshiva-Schüler als Programmierer ausgebildet werden. Yossi Wardi unterstützt ihn dabei. «Das Studium von Thora und Gemara ist eine gute Vorbereitung zum Schreiben von Codes», meint Unger schmunzelnd.
Internet und postzionistische Kapitalisten
«Für Israelis ist das Internet wie geschaffen», findet mein smarter Tischnachbar in der Kaffeepause der «Internet World», er vermarktet den erfolgreichsten israelischen Portal «Walla». Der Fussballclub Maccabi Haifa wird seit kurzem von «Nana» gesponsert, Walla´s Mitbewerber. Grosse Teile der Energie, die früher «Avoda Ivrit» zur Begrünung der Wüste gewidmet war, transferiert virtuell die israelische Gesellschaft ins nächste Zeitalter. Viele Werte werden in Frage gestellt oder sind obsolet. Es ist nicht mehr so wichtig, wo man sein Büro hat, solange die Idee, die «Story» stimmt. Dies ist auch die Chance für viele «Entwicklungsgebiete» von früher, Boomstädte der Zukunft zu werden. Bürgermeister buhlen um Technologieparks, Steueranreize inklusive. Die Pendelbewegungen der letzten Monate an den Technologiebörsen haben Israels High-Tech-Wirtschaft ziemlich durchgebeutelt. Etwa 30-40% der Israelis besitzen Aktien, wird geschätzt. Die jetzige Krise ist für manche Firmen eine harte Prüfung, andere werden diese Phase kaum überleben. «Die Konsolidierung kann mittelfristig gesund sein», meint ein Experte von Bank Haopalim. Die Geburtshelfer von «Yazam» sehen die jetzige Situation gelassen. Ein «Private Placement» von 60 Millionen Dollar konnte reibungslos abgewickelt werden. «Wenn die Story gut ist, dann funktioniert die Finanzierung», gibt sich Israel Schorr zukunftsfroh. Knapp vor Redaktionsschluss scheinen die Börsenwinde sich gedreht zu haben. Ein israelisches Unternehmen soll vom Branchengiganten Lucent um 5,7 Milliarden Dollar gekauft werden. Dass es ein israelisches Unternehmen ist, wird nicht beim ersten Blick erkennbar. Es ist wie bei «Eis am Stiel». Ab Folge Drei der Endlosfilmserie war nicht mehr erkennbar, ob Jonathan Segal, Zachi Noi und Yiftach Katzur in Israel oder im mittleren Westen der USA die Frauen anbaggern. Eigentlich schade. Das findet auch Eilon. Seine Firma entwickelt ein System, das mit WAP Internet am Handy entwickelt. Im Jahre 1982 wurde Eilon als Fallschirmspringer verletzt. Wenn er heute durch die Welt reist und seine Claims absteckt, weiss er immer noch, woher er kommt.
Soziale Gefahren
Zeev Ladermann hats geschafft. Seine Firma Tradeum hat er für einige hundert Millionen Dollar verkauft. Er hat jetzt viel Zeit zum Nachdenken. «Zweck des Zionismus im 21. Jahrhundert der modernen Zeitrechnung ist es, so viele Millionäre wie möglich zu produzieren», sagt er der Zeitung «Globes». Avishai Baravermann hält die Entwicklung teilweise für gefährlich. «Das schnelle Geld von manchen schafft grösseres Gefälle und Unterschiede in der Gesellschaft», warnte der Vordenker des Postzionismus bei einer Tagung der Zeitung «Die Welt» in Berlin.
Weiterführende Links:
http://www.checkpoint.com - Gil Shweds Erfolgsfirma, entwickelte «Firewall»
http://www.yazam.com - Inkubator, Geburtshelfer für Startups, tägliches E-Mail-newsletter.
http://www.globes.co.il - Informatives Blatt, auch in Englisch
http://www.israelinvestor.co.il - Infos zu israelischen Hightech-Firmen
http://www.chromatis.com - Jüngste Erfolgsgeschichte, soll von LUCENT übernommen werden.