Aus den Augen – nicht aus dem Sinn
Fokus. Mit einigem Sarkasmus könnte man sich dieser Tage die Schlussfolgerung leisten, dass Israel nur einen Demokratisierungsprozess oder gar Aufstände in der Nachbarschaft inszenieren muss, um sich für Wochen aus dem Fokus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Bemerkenswert still ist es geworden, seit in Tunesien, Ägypten, Libyen, Jemen, Bahrain und Syrien die Menschen auf die Strasse gingen, mit unterschiedlichen Resultaten, aber mit viel Aufmerksamkeit im Rest der Welt, der über freie Informationsmöglichkeiten verfügt.
Anschläge. Die Nachrichten, die aus dem Staat Israel kamen, zeigten das Land und seine Bewohner für einmal als Opfer: Der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen wurde heftiger und lag immer näher am Zentrum, die Vergeltungsschläge der Luftwaffe wurden kaum wirklich verurteilt, was sonst üblich ist, und ein verheerender Anschlag auf eine Busstation forderte ein Todesopfer und viele Verletzte. Da gingen beinahe die anhaltenden Anschläge aus der Parteiküche des Aussenministers Avigdor Lieberman auf die Menschenrechte und die anständige Politik unter.
Teilchenbeschleuniger. In dieser Zeit der Minne konnte es sich Staatspräsident Shimon Peres gut leisten, das Kernforschungszentrum CERN bei Genf mit einem Besuch zu beehren (vgl. S. 5). Der Friedensnobelpreisträger Peres, als aktiver Politiker merkwürdigerweise im Ausland immer viel angesehener als in seiner Heimat, konnte zu Recht darauf hinweisen, dass die Forschungsarbeit des CERN auch den 50 dort arbeitenden israelischen Wissenschaftlern zu verdanken ist.
Tauwetter. Peres traf in Genf auch Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey. Der Austausch wurde als herzlich bezeichnet. Calmy-Rey nannte Israel einen «engen Partner» mit «exzellenten wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen». Die ETH Lausanne und die Hebrew University in Jerusalem unterzeichneten einen Zusammenarbeitsvertrag in der Hirnforschung.
Nachbarn. Peres und Calmy-Rey sprachen, nicht überraschend, vor allem über die bilaterale Zusammenarbeit, den Nahostkonflikt und die Unruhen in der arabischen Welt. Anschliessend lobte Peres vor den Medien die junge Generation seiner Nachbarländer, die dank den neuen Technologien vergleichen könne, wie schlecht es ihr im Vergleich mit Gleichaltrigen in anderen Ländern gehe. Aber für eine Änderung brauche es mehr als einen Regierungswechsel. Die arabischen Länder müssten sich die modernen technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften zunutze machen. Israel sei daran interessiert: «Je besser es unseren Nachbarn geht, umso bessere Nachbarn haben wir», sagte Peres laut Berichten.
Hoffnung. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heisst es. Die Nachrichten aus Libyen stimmen allerdings nicht zuversichtlich (vgl. S. 16), auch nicht nach der offensichtlichen Flucht des Aussenministers nach London. Die Lufthoheit der Allianz, die nunmehr von der Nato geführt wird, nützt allein nicht viel. Aber praktisch alle Allianzstaaten scheuen – zu Recht – davor zurück, Bodentruppen zu senden, um die enthusiastischen, aber nicht als Soldaten geschulten Lehrer und Juristen (solche Berufe ordnen Korrespondenten vor Ort vielen «Rebellen» zu) zu unterstützen. Die Nachrichten wechseln jede Stunde.