Aufmerksame Bevölkerung

von Esther Girsberger, December 16, 2009
Die Autorin, Tochter einer jüdischen Mutter und eines protestantischen Vaters, verbrachte im Herbst dieses Jahres zwei Ferienwochen völlig ungestört in Iran, zusammen mit ihrem katholischen Mann und den beiden sechs und vier Jahre alten Söhnen.
STÄDTE WIE ISFAHAN IN IRAN Es kommen fast keine westliche Touristen ins Land

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Ziegelgebäude in Hamedan im Nordwesten Irans, letzte Ruhestätte von Königin Ester und ihrem Onkel Mordechai, ist diskret und doch gut sichtbar. Keine Touristen begehren Einlass ins Mausoleum. Was allerdings weniger mit der jüdischen Bedeutung des Ortes zu tun hat als mit der Tatsache, dass Iran seit der islamischen Revolution im Jahre 1979 ohnehin kein grosser Anziehungspunkt für die westlichen Freizeitreisenden ist. Seit den Demonstrationen nach den Wahlen im Sommer 2009 ist der Tourismus noch weiter zurückgegangen. Selbst auf dem weltberühmten und zum Weltkulturerbe der UNESCO gehörenden Iman-Platz im prachtvollen Isfahan in Zentraliran sind die Touristen in der Minderzahl. Auf dem 500 Meter langen Platz dominieren die Woche durch die Iraner, die mit dem Bunsenbrenner ihren Morgentee kochen oder mittags picknicken. Am Freitag bringen ungezählte Autobusse Tausende von Muslimen zum Freitagsgebet in die Imam-Moschee. Ab und zu trifft man bei den verschiedenen Tourismusstätten in den Städten oder in den umliegenden Gebirgen mit ihren Reliefs aus der Zeit von König Xerxes Iranerinnen und Iraner, die sich ihr Land ansehen wollen. Westlichen Touristen hingegen begegnet man selten.

Umso aufmerksamer sind die Einheimischen, wenn sie eine allein reisende und ganz offensichtlich aus dem Westen stammende Familie auf der Strasse antreffen. Auch der Führer des Grabmals der  persischen Königin freut sich über den Besuch der beiden dunkelblonden, blauäugigen Kinder und ihrer Eltern. In fliessendem Französisch gibt er sich als Rabbiner zu erkennen, was angesichts der selbst für einen laienhaften Kenner des Alten Testaments allerdings angezweifelt werden muss. Die erste Frage des selbst­ernannten Begleiters betrifft selbstredend die Frage nach der Religion. Die Mischehe der Besucher nimmt er kommentarlos zur Kenntnis.

Das Nicht-Verhältnis zu Israel

In Iran leben ungefähr 25 000 Juden. Mehrheitlich in Teheran, Isfahan, Shiraz oder Kermanshah, Städten, die über funktionierende Gemeindestrukturen verfügen. Die Juden leben dort unbehelligt, aber nicht als vollwertige Gesellschaftsmitglieder. Der Hass der Regierung betrifft nicht die Religion, sondern das Land Israel. Eine Erklärung für die feindselige Haltung von Präsident Ahmadinejad gegenüber Israel ist sein Charakter eines populistischen Provokateurs. Vor allem aber empfinden er und das gesamte politische Establishment es als ungerecht, dass bei der Behandlung der Nuklearmächte mit zwei verschiedenen Ellen gemessen wird: Während Israel als Nuklearmacht geduldet sei, werde Iran permanent an den Pranger gestellt. Der Einwand, Israels Einsatzbereitschaft der Atomwaffe sei gering, was man von Iran nicht behaupten könne, lassen die Verantwortlichen nicht gelten, zumal sie im Mittleren Osten auf keine Verbündete zählen können und sich permanent bedroht fühlen. Das ehemalige Perserreich hat mit den arabischen Völkern wenig gemeinsam. Die Schiiten, einst verfolgte Minderheit, bestimmen heute das öffentliche Leben in Iran. Anders als in den meisten umliegenden arabischen Ländern, die von den Sunniten dominiert werden. Am stärksten bedroht fühlt sich Iran durch Israel, das – wie auch die USA – eine militärische Offensive nicht ausschliesst. Unter diesem Aspekt will die iranische Regierung auch nicht wahrhaben, dass Israel sich der negativen geopolitischen Konsequenzen eines Angriffs bewusst ist.

Die Bevölkerung kümmert sich nicht gross um die Hetze der Regierung. War vor einem Jahrzehnt noch an jeder dritten Hausfassade eine hässliche Fratze aufgemalt mit der Überschrift «Down with the USA, down with Israel», so sind diese heute weitgehend verschwunden. Ein einziges solches Relikt an der Hauptachse vom Süden in den Norden Teherans fällt noch auf. Die Beziehung der iranischen Bevölkerung zu Israel scheint mehr ein Nicht-Verhältnis als ein schlechtes Verhältnis zu sein. Es gibt deshalb auch keinen Grund, mit der eigenen Religion hinter dem Berg zu halten, schliesslich anerkennen die aufgeklärten Muslime die monotheistischen Religionen, sei es das Christentum, das Judentum oder den Islam. Israel, im zensurierten Staatsfernsehen konsequent als «Zionistenland» bezeichnet, ist zwar regelmässig Gegenstand von aggressiven Berichterstattungen, aber mit geringer Beachtung bei der Basis. Auf Israel angesprochen, ist einzig der Vorwurf zu hören, der Aggressor Israel sei im Gaza-Krieg äusserst unverhältnismässig vorgegangen. Eine Reaktion, die der in der Schweiz oder anderen westlichen Ländern nicht anders ist.

Keine unzensurierte Berichterstattung

Die Bevölkerung ist am Kontakt mit den wenigen westlichen Besuchern äusserst interessiert, allerdings ist der Austausch zumindest verbal fast nicht möglich: Ausserhalb von Teheran trifft man praktisch keine Personen an, die eine Fremdsprache beherrschen. Und wenn, dann unterbleiben politische Diskussionen weitgehend; bei aller Freundlichkeit und Begeisterung, dass man sich als Fremder für das geächtete Land interessiert und es sogar besucht, ist man sich doch nicht zu 100 Prozent sicher, ob das Gegenüber wirklich so harmlos ist, wie es scheint. Nach der Motivation, das Land zu besuchen, wird gefragt, nach dem Beruf und nach dem Heimatland Schweiz. Dass die schweizerische Aussenministerin vor ein paar Monaten in Iran war, dass die Schweiz eine nicht unwesentliche Rolle spielt in der politischen Auseinandersetzung zwischen der EU, den USA und Iran, ist der Bevölkerung nicht bewusst. In den einheimischen Zeitungen wird jeder offizielle Besuch bei einem Regierungsmitglied mit Foto gezeigt; aber unzensurierte Berichterstattungen sind weder in der geschriebenen Presse noch im staatlichen Fernsehen möglich. Seit den Wahlen werden die ausländischen Fernsehsender ab dem späteren Nachmittag gestört.

Die von der Schweizer Bevölkerung mit grossem Mehr angenommene Minarett-Initiative stösst in Regierungskreisen auf deutliche Kritik, in der Bevölkerung ist die Reaktion allerdings indifferent. Zu gross ist das Land und zu beschäftigt ist das Volk mit den politischen Veränderungen, die für die Touristen auf den Strassen weder sicht- noch hörbar sind. Die Schweiz hat in Iran einen guten Ruf und geniesst viel Sympathie. Ab und zu wird im zufälligen Gespräch vor einer Moschee den Touristen gegenüber bemerkt, dass die iranische Regierung nicht repräsentativ sei für die iranische Bevölkerung – um sich dann bei Nachfragen seitens der Schweizer wieder zurückzuhalten. Als sich die Schweizerin bei Studentinnen erkundigt, wie sie sich zur staatlichen Pflicht des Kopftuchtragens stellen, ist die Antwort, dass man es als Teil einer Uniform akzeptiere, alle anderen Gründe aber in Frage stelle. Weiter hinaus auf die Äste lassen sich die Frauen nicht. Doch die Art und Weise, wie sie ausserhalb der religiösen Städte wie Quom das Kopftuch tragen – es ist mit den Jahren weit nach hinten gerutscht – oder auch starkes Make-up, zeigen, dass das Kopftuch mittlerweile mehr farbiges Accessoire und willkommene Umrahmung des Gesichts als religiöse Pflicht ist.