Aufklärung eines Mordfalls

von Andreas Mink, March 12, 2009
Die Polizei von Washington hat Anklage gegen den mutmasslichen Mörder der 24-jährigen Praktikantin erhoben, die im Mai 2001 spurlos verschwunden ist.
MORDOPFER CHANDRA LEVY Nach acht Jahren konnten die wahren Täter nun ermittelt werden

Es mag nach «9/11», dem Einmarsch in Irak und dem Kollaps der amerikanischen Finanzwirtschaft schwer vorstellbar sein, aber im Sommer 2001 kannte Amerika kein wichtigeres Thema als Chandra Levy. Die hübsche 24-Jährige aus dem kalifornischen Modesto war nach einem Journalistikstudium Praktikantin bei der Bundesbehörde für Gefängnisse in Washington, als sie am 1. Mai 2001 zum Joggen im weitläufigen Rock Creek Park aufbrach. Als ihre Eltern danach fünf Tage lang nichts mehr von Chandra gehört hatten, verständigten sie zunächst die Polizei der amerikanischen Hauptstadt. Kurz drauf informierten die Angehörigen die Ermittler über eine Affäre, die ihre Tochter mit dem kalifornischen Kongressabgeordneten Gary Condit gehabt hatte. Diese Enthüllung löste einen Wirbelsturm in den amerikanischen Medien aus, der erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001 abklang. Condit wehrte sich nach Leibeskräften gegen die Unterstellung, Chandra sei seine Geliebte gewesen und er habe sie ermordet, um seine politische Laufbahn zu schützen. Chandras Eltern konterten Condits Ausflüchte mit zahlreichen Pressekonferenzen, auf denen sie ihn als Lügner bezeichneten und die Polizei aufforderten, ihre Suchanstrengungen zu erweitern. Obwohl keine Anklage gegen ihn erhoben wurde, kostete die Affäre Condit im folgenden Jahr seine Widerwahl.

Synonym für Sittenlosikeit

Über Condits Verhalten hinaus wurde Chandras Verschwinden zum Synonym für die Sittenlosigkeit der amerikanischen Hauptstadt. Die US-Medien schlachteten den Fall gnadenlos mit immer neuen Enthüllungen über Beziehungen zwischen Praktikantinnen und den Mächtigen aus, und wer bis anhin nie den Satz «Macht ist das wirksamste Aphrodisiakum» vernommen hatte, der konnte ihn nun täglich mehrfach lesen und hören. Gleichzeitig brachen Vertreter farbiger Minderheiten eine Debatte über das sogenannte White Woman Syndrom los und warfen der Polizei und den Medien vor, das Verschwinden weisser Frauen an die grosse Glocke zu hängen, die gerade in Washington alltäglichen Gewalttaten gegen schwarze oder lateinamerikanische Mädchen dagegen zu ignorieren.
Die Ermittlungen der Polizei traten indes auf der Stelle. Wiederholte Suchunternehmen im dicht bewaldeten und unübersichtlichen Rock Creek Park brachten keine Spuren von Chandra zutage. Die Behörden hatten den Fall schon aufgegeben, als im Mai des folgenden Jahres ein Fussgänger in einem abgelegen Teil des Parks menschliche Überreste fand, die als Überreste des Körpers von Chandra Levy identifiziert wurden. Nach einer Autopsie erklärten die Behörden, die junge Frau sei ermordet worden. Die Ermittlungen blieben jedoch ergebnislos, bis die «Washington Post» den ganzen Fall im vergangenen Jahr in einer 13-teiligen Serie mit dem Titel «Wer ermordete Chandra Levy?» noch einmal aufgriff. Die Zeitung konzentrierte sich auf das schändliche Verhalten der Medien, brachte aber auch neue Aspekte des Falles zutage, die ein schlechtes Licht auf die Polizei von Washington warfen. So wies die Zeitung nach, dass im Frühjahr 2001 mindestens zwei andere junge Frauen im Rock Creek Park von einem lateinamerikanischen Mann mit einem Messer attackiert worden waren, aber fliehen konnten. Die Ermittler im Levy-Fall hatten diese Frauen nicht einvernommen. Ein weiteres Team von Detektiven ging diesen Attacken jedoch erfolgreich nach und nahm im Sommer 2001 den heute 27-jährigen Ingmar Guandique aus San Salvador fest. Er wurde der Attacken auf die zwei Frauen überführt und zu zehn Jahren Haft verurteilt, die er in Kalifornien antrat. Die Vermieterin des Salvadorianers hatte den Behörden gesagt, Guandique sei am Abend des 1. Mai 2001 mit zerkratztem Gesicht nach Hause gekommen und habe dazu gesagt, er habe sich mit seiner Freundin gestritten.

Ungenügende Ermittlungen

Guandique gehört der berüchtigten salvadorianischen Drogenbande Mara Salvatrucha an, die auch als MS-13 bekannt ist. Er trug in der Gang den Spitznamen Chuckie, da er zu prahlen pflegte, wie die gleichnamige Puppe aus der Horrorfilm-Serie zahlreiche Verbrechen mit Messern begangen zu haben. Guandique trägt auf seiner Schulter eine Tätowierung von Chuckie mit einem Messer. Die Levy-Ermittler waren überdies dem Hinweis einer weiteren Zeugin nicht nachgegangen, die sie Monate nach Chandras Verschwinden darüber informiert hatte, dass sie am 1. Mai von einem jungen Lateinamerikaner angegriffen worden war, sich dem Mann jedoch hatte entziehen können. Auch bei diesem handelte es sich um Guandique, der im Jahr 2000 illegal in die USA eingewandert war. Es ist mehr als peinlich, dass die Washingtoner Polizei die Möglichkeit, dass Guandique Chandra Levy auf dem Gewissen haben könnte, bis zur Serie in der «Washingtin Post» nicht ernsthaft untersucht hat. Danach konnten die Ermittler jedoch feststellen, dass der Verbrecher Mithäftlingen in Kalifornien wiederholt erzählt hat, er und zwei Komplizen hätten Chandra im Park niedergeschlagen, trotz heftiger Gegenwehr vergewaltigt und ihr anschliessend die Kehle durchgeschnitten. Diese und weitere Aussagen gaben den Ermittlern so viel Gewissheit, dass sie in der vergangenen Woche mitgeteilt haben, dass Guandique des Mordes an Chandra Levy angeklagt werden wird. Die «Washington Post» hat vor wenigen Tagen berichtet, dass die Behörden inzwischen auch die Komplizen von Guandique identifiziert haben. Deren Namen sind allerdings noch nicht bekannt.
Bislang ist auch noch offen, wann der Prozess gegen Guandique und seine Mittäter beginnt. Bemerkenswert ist jedoch, dass die amerikanischen Medien über die Aufklärung des Mordfalles Chandra Levy zwar ausführlich berichten, dies aber in einem sehr viel zurückhaltenderen Ton, als über das Verschwinden der Ermordeten. Offensichtlich verblassen selbst die Brutalität des Mörders und das katastrophale Versagen der Polizei vor den gewaltigen Problemen, denen sich die amerikanische Gesellschaft heute gegenübersieht.