Aufklären und Erinnern

von Katja Behling, January 8, 2009
Johannes Mario Simmel war der Moralist der Deutschen. Zum Tode des bekannten Schriftstellers.
JOHANNES MARIO SIMMELJ Der verstorbene Autor schrieb vehement gegen das Vergessen an

Er zählt zu den erfolgreichsten und populärsten deutschsprachigen Schriftstellern. Johannes Mario Simmel verfasste Romane, Kinderbücher, ein Schauspiel, Dutzende Drehbücher und Hunderte von Zeitungsartikeln. Seine Bücher, darunter rund 35 Romane und Erzählungen, erschienen weltweit in mehr als 30 Sprachen und in einer Auflage von über 75 Millionen. Zahlreiche seiner Werke wurden verfilmt und einige 2008 für das Fernsehen sogar wiederverfilmt. Das Buch «Es muss nicht immer Kaviar sein», die heitere Geschichte eines Doppelagenten, der als eleganter Gauner wie ein Glückspilz durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs und die Nachkriegsjahre taumelt, war 1960 Simmels Durchbruch als Romancier.

Fiktion und Fakten

Angefangen hatte der spätere Bestsellerautor nach Kriegsende als Dolmetscher für die amerikanische Militärregierung und als Zeitungsschreiber. Bei der damals berühmten Illustrierten «Quick» brachte er es zum bestbezahlten Reporter im Adenauer-Deutschland. Als Journalist wurde er über die Jahre in viele Kriege geschickt, und «ich habe so viel Leid, Unrecht, so masslos viel Elend und Gemeinheit miterlebt, dass ich meinte, über all das schreiben zu müssen», sagte er einmal. Simmel war ein arbeitswütiger Star-Autor auf vielen Feldern und aussergewöhnlich produktiv. Er verfasste politische Essays, hielt engagierte Reden – und beriet, unter Pseudonym, in den prüden fünfziger Jahren seine Zeitgenossen in einer wöchentlichen Sexualkolumne. Er wollte aufklären, aufrütteln. Nicht nur als Journalist, sondern auch als Schriftsteller. Die Romanform erlaubte ihm, wie sein Kollege Norman Mailer Fiktion und Fakten zu verbinden – als «Faction» beschrieb Simmel selbst seinen Stil. Doch dass 1960 sein erster Fortsetzungsroman just in der Illustrierten «Quick» erschienen war, blieb haften, rückte ihn in die Boulevard-Ecke und versperrte Simmels Werk den Zugang zu Kulturkreisen.
Das Publikum indes verschlang seine von vielen Kritikern als schwülstig bezeichneten Wälzer mit Titeln wie «Liebe ist nur ein Wort», «Der Stoff, aus dem die Träume sind» oder «Und Jimmy ging zum Regenbogen». Den Lesern gefiel es. Des Autors Methode bestand darin, thematisch anspruchsvolle Stoffe publikumswirksam zu emotionalisieren. Simmel, der Moral und Melodram zu einer einzigartigen Melange zu vermischen verstand, war jahrzehntelang der meistgelesene deutschsprachige Autor.

Gewissen der Nation

Anfangs ein von der Kritik belächelter und geschmähter Trivialautor, galt Simmel bald auch als kitschiger Apokalyptiker – und zuletzt als «Gewissen der Nation»: Tatsächlich war er bekennender Antifaschist und aufrechter Demokrat. Das PEN-Zentrum Deutschland hat ihn in einem Nachruf als politisch engagierten Autor gewürdigt: Er habe sich sehr früh und immer wieder mit dem Nationalsozialismus und dem später in Deutschland aufkeimenden Rechtsradikalismus beschäftigt. Stets hat Simmel zeit- und gesellschaftskritische Stoffe – Umweltzerstörung, Drogenhandel, Massenvernichtung, Genmanipulation, Computerviren – behandelt, was viele ihm angesichts von Stabilität und Wohlstand im Westen als Panikmache verübelten. Vor allem erinnerte er immer wieder an die Verbrechen der Nazis und der Neonazis. Das Trauma des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg haben ihn am nachhaltigsten geprägt. Sein Vater war Jude – Simmel wusste, wogegen er sich einsetzte.
Seine Eltern, der Vater Chemiker, die Mutter Lektorin, stammten aus Hamburg. Geboren wurde Johannes Mario Simmel 1924 in Wien, wo er auch seine Ausbildung zum Chemie-Ingenieur absolvierte. Den Krieg überlebte der spätere Autor als Chemiker in einer als «kriegswichtig» eingestuften Firma – erst danach wurde er Journalist und Schriftsteller. Über seine jüdische Herkunft und das Schicksal seiner Familie berichtete er in einem tachles-Interview im Jahre 2000: «Ich war ein sogenannter Mischling ersten Grades. Von meiner Familie überlebten die Nazizeit nur meine Mutter, meine viel jüngere Schwester und ich. Meinem Vater gelang 1938 im letzten Moment die Flucht nach England. Er starb dort am 4. Januar 1945. Alle Angehörigen seiner Familie wurden ermordet. Aber, und darauf lege ich besonderen Wert: Auch wenn meiner Familie überhaupt nichts widerfahren wäre, würde ich genauso gegen Nazis kämpfen, weil sie in der mir bekannten Geschichte die grössten Verbrecher waren, die die grössten Verbrechen begingen. Ich weiss, dass sich ‹Mischlinge› für die eine oder andere Seite entscheiden – ich habe mich von Anbeginn für die jüdische Seite entschieden, und ich fühlte, unter Hitler musste ein jüdischer Mischling ein richtiger Jude sein, alles andere erschien mir unmöglich.»

Literat und Chronist

Vehement schrieb er gegen das Vergessen an, kämpfte gegen Rechtsradikalismus und stemmte sich gegen alle Versuchungen, die nationalsozialistische Vergangenheit zu verklären. Doch je länger er den Finger auf die Schaurigkeiten der Welt legte, desto mehr verdüsterte sich seine Weltsicht. Johannes Mario Simmel, der in den siebziger Jahren ein ausschweifendes, glamouröses Jetset-Leben im Fürstentum Monaco führte, stellte Teile seines Vermögens grosszügig karitativen Zwecken zur Verfügung.
Wenngleich er sich in den vergangenen Jahren aus der Öffentlichkeit, die ihn als streitbaren Mahner und Zeitzeugen erlebte, zurückgezogen hatte, blieb Simmel ein politisch denkender Mensch. Ein Literat und Chronist, der seit 1945 und noch im hohen Alter unermüdlich Tagebuch führte. Die «Einträge sind sehr detailliert, betreffen viele Personen und sind ebenso intim wie politisch», erzählte er. Darum habe er in seinem Testament verfügt, dass die Tagebücher sofort nach seinem Tod versiegelt und an sein Archiv in der Universität von Boston geschickt werden sollen. Sie dürfen 70 Jahre lang nicht geöffnet werden – bis 2079. Johannes Mario Simmel starb am Neujahrstag im Alter von 84 Jahren in Luzern.