Auf Wunder warten?
Beklemmende Situation. Das Gefühl des Déja-vu angesichts sich unentwegt im Leerlauf drehenden Rades der israelisch-palästinensischen Geschichte ist beklemmend. Im Süden Israels fallen wieder täglich Raketen, und der Bombenanschlag vom Mittwoch könnte für Jerusalem nach mehrjähriger Ruhe die Rückkehr des Terrors in die Hauptstadt bedeuten. Die relative Ruhe in Jerusalem hat Israels Diplomaten und Politiker in einen Zustand der Selbstgefälligkeit versetzt, aus dem man sich nur ungern aufrütteln lässt. Wozu sollten sich die Verantwortlichen, so schreibt Yossi Sarid in der Zeitung «Haaretz», um Initiative bemühen, wenn doch alles so schön ruhig ist?
Alte Platten. Die Reaktionen auf die Eskalation im Süden und auf den Anschlag in Jerusalem klingen wie eine Reihe bereits abgespielter Platten. Premier Binyamin Netanyahu verspricht eine «kraftvolle, verantwortungsbewusste und vorsichtige» Antwort Israels (vgl. S. 11), Innenminister Eli Yishai fordert eine ebensolche Reaktion der israelischen Streitkräfte, die andernfalls Gefahr laufen, ihre Abschreckungskraft zu verlieren. Für Matan Vilnai, Minister für die Heimfront, ist die nächste Konfrontation mit der Hamas nur eine Frage der Zeit, und Vizepremier Silvan Shalom fühlt sich durch die Ereignis in die Tage vor der Operation «Gegossenes Blei» vom Januar 2009 zurückversetzt. Sein Vorschlag, eine Neuauflage jener Operation ins Auge zu fassen, dürfte bei vielen Israeli offene Ohren finden. Und der palästinensische Regierungschef Salam Fayyad hat mit seiner Verurteilung des Attentats von Jerusalem und den Genesungswünschen für die Verletzten auch nicht das Ei des Kolumbus erfunden.
Richtig und falsch. Alle haben sie Recht, und trotzdem irren sie alle auf tragische Weise. Israel darf Terror und Gewalt nicht tatenlos hinnehmen, Fayyads Verurteilung ist eine richtige Geste. Dennoch: Effektiv denkt und handelt heute zwischen Ramallah und Jerusalem niemand in Zeiträumen, die über das Warten auf die nächste Nachrichtensendung hinausgehen. Langfristigkeit ist im längsten Konflikt des Nahen Ostens immer noch die Domäne der Utopisten und Träumer. Wäre dem nicht so, würden die Leute um Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas endlich ihre nach wie vor virulent antiisraelischen und antijüdischen Medien und Schulbücher ausmisten, um den Boden für das Heranwachsen einer friedensfähigen Generation zu ebnen. Und wäre dem nicht so, würde Israel sich endlich wieder auf Visionäre wie David Ben Gurion, Ezer Weizman oder Abie Natan zurückbesinnen und nicht länger den heute an den Schalthebeln der Macht sitzenden Vertretern einer permanenten Bunkermentalität das Denken und Handeln überlassen. Zu viel steht auf dem Spiel, als dass man Leben und Überleben des Staates nur Kampfjets, Tanks und Geheimdienstlern überlassen könnte. «Lang- und kurzfristig lehrt uns die Geschichte, dass auf den Status quo immer der Status quo ante folgt», meint wenig optimistisch Yossi Sarid. Bleibt uns also nichts anderes übrig, als auf ein Wunder oder die Ankunft des Messias zu warten?