Auf der Suche nach dem eigentlichen Leben
Es gibt wohl keine Biografie, die nicht auch eine Kaffeehaus-Biografie in sich bärge. Der halböffentliche Raum dieser Gaststätten, die anders als Bar, Beiz oder Kneipe auf einen Namen jenseits jeden Verdachts der Zwielichtigkeit hören, verspricht einen gefahrenfreien Ausbruch aus dem Alltag. Ist auch der Türkentrank nichts für Kinder, steht er beim Teenager doch im Ruf, harmloser zu sein als Alkoholisches. Lassen sich die Spannungen in der Familie oder der Stress in der Schule nur mehr schwer aushalten, bietet sich zunächst die Flucht ins Café an.
Glück hatte da, wer in Zürich aufwuchs, das über eine Kaffeehaustradition der Weltklasse verfügte. Dass der erste Ausbruchversuch aus den Zwängen und Nöten der Adoleszenz in eine neue Überforderung mündete, war unvermeidlich, aber deshalb nicht weniger reizvoll. Im Gegenteil: Von schwarz befrackten Kellnern im grosszügigen, 1911 in bester Art-déco-Manier eingerichteten Café Odeon ebenso höflich bedient zu werden wie die Erwachsenen, deren Reden man schweigend und in naiver Unwissenheit staunend lauschte, sofern man an einen ihrer Tische geladen wurde, mehrte das Selbstwertgefühl und untergrub es zugleich. Das Erahnen von tragischen Schicksalen, die Konfrontation mit Zivilcourage und Mut zur Originalität rüttelten auf aus dem Schlaf von kollektiver Unversehrtheit und jugendlicher Ignoranz. Es gab offenbar im weiten Terrain der – im Lehrplan der Schule ausgesparten – Zeitgeschichte Erfahrene, auch Opfer. Und es gab auf jeden Fall Kundige. Konnte man das je aufholen? Hatte man nicht wertvolle Zeit daran verschwendet, Homer im Original zu lesen oder chemische Verbindungen zu analysieren, während doch ganz anderes weit mehr Bedeutung zu haben schien? War das Motiv: «Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir» eine Irreführung, ein Betrug? Die Attraktion des Kaffeehauses nährte sich immer auch von der Sehnsucht nach dem eigentlichen Leben.
Das frühe Erleben dieses magischen Binnenraums bewegte sich im Bereich zwischen Initiationsritus und Mutprobe: Das vorgeblich selbstsichere Durchschreiten des Odeon, welches noch bis zu Beginn der siebziger Jahre zwei Eingänge hatte, gehörte dazu. PC hiess damals noch nicht Personal Computer, sondern Personal Control und stand für selbstsicheres Auftreten im öffentlichen Raum. Doch die Kontrolle der eigenen Wirkung war kein Schulfach in einer Zeit, in der die Pubertät sich nicht als schrille Manifestation des Egos nach aussen, sondern als Verunsicherung des Ichs bemerkbar machte.
Dass das Überspielen von Unsicherheit nicht nur zum eigenen Gehaben gehörte, sondern auch zu jenem manch anderer Besucher, offenbarte sich erst mit der Zeit. Das Habituelle hatte seine Ressourcen in Gesten, Blicken, Haltungen und sprachlichen Äusserungen. Es konnte sich nicht darauf stützen, was der amerikanische Soziologe Erving Goffman «Oberflächendekoration» der eigenen Person nannte. Denn Markenkleider waren noch kaum verfügbar als Mittel der Distinktion, nicht nur die Neulinge im Kaffeehaus, auch viele langjährige Stammgäste waren materiell alles andere als verwöhnt. Doch sie trugen mitunter abgewetzte gute Stücke von einst mit einer Allüre, die sie von der Strasse draussen unterschied. Und wer das nötige kulturelle Wissen mitbrachte, verstand es, Herkunft und ideelle Bedeutung von Schmuckstücken, Stoffen oder Zigaretten-Etuis zu entschlüsseln.
Das Kaffeehaus als Raum der gleichzeitigen Anwesenheit mit andern, als Raum, in dem Status und Rollen anders als in Schulzimmer und Familienwohnung nicht streng vorgegeben waren, lud ein zu ersten Versuchen der Balance zwischen Vertrautheit und Fremdem. Dass die Anwesenheit hier eine freiwillige war, war Teil des Autonomieversprechens. Doch die Unsicherheit im Lesen des Geschehens, der Personen und der szenischen Episoden sollte nie ganz verschwinden. Auch das liegt in der Natur des Kaffeehauses.
Es herrschte eine Atmosphäre des Respekts, die viel wissenden Kellner waren von einer immer gleichen Höflichkeit und Diskretion, etwa wenn sie jemanden ans Telefon baten oder eine Mitteilung ausrichteten. Eingeweihte Gäste hielten Stammplätze anderer frei, auch wenn diese zur üblichen Zeit nicht erschienen waren. Offensichtlich gab es Kreise, die sich näher standen als andere, Personen, die sich aus dem Weg gingen und jeden Blickkontakt vermieden. Und es gab Einzelgänger, die in Ruhe gelassen werden wollten, deren Abwesenheit aber als Lücke im sozialen Biotop registriert wurde. Und es gab Hochstapler, die sich ein geheimnisvoll-interessantes Gehabe zugelegt hatten – durchaus zum Gewinn für das Atmosphärische des Lokals.
Im Wandel der Zeit
Wem danach war, der konnte unbehelligt bei einem Kaffee und einem Glas Wasser – das selbstverständlich ungefragt und mit Stil dazu serviert wurde – über Stunden hier sitzen, lesend, schreibend, zeichnend oder sinnierend. Das galt auch für die Jüngsten, die sich aus den nahen Gymnasien und Hochschulen hierher wagten, in der Hoffnung auf Inspiration und Distraktion.
Unter ihnen waren wenige Frauen, die vielleicht auch nach Vorbildern Ausschau halten mochten. Denn die Wahl der Studienrichtung stand bevor. Und die gängige Antwort, man studiere jenes Fach, in dem die besten Noten erzielt wurden, verlor ihre Überzeugungskraft spätestens bei der unerwartet brüskierenden Rückfrage eines bestandenen Odeongängers nach dem Warum, die sprachlos machte und nur mehr ein Erröten auslöste. Beweggründe verlangten nach mehr Tiefe.
Das weibliche Geschlecht machte sich rar im Männerbetrieb Kaffeehaus. Immerhin waren einige Nischen fest in der Hand luxuriös gekleideter Damen, die anscheinend zum Inventar gehörten. Auch an den Männertischen fand sich ab und zu eine Frau, sei es eine der bekannten Übersetzerinnen – natürlich Emigrantinnen – aus dem damals um die Ecke eingemieteten Diogenes-Verlag oder dem ebenfalls nahen Arche-Verlag, sei es eine renommierte Architekturkritikerin, eine Schriftstellerin auf der Durchreise oder eine der ins Exil getriebenen Schauspielerinnen der Pfauenbühne.
Die Gäste weckten mancherlei Phantasien. Wie mochte der Autor, der sich mit seinem Verleger intensiv, wiewohl flüsternd unterhielt, privat wohnen? Würden die Zeichnungen des jungen Mannes mit der Pappmappe vom Zeitschriftenredaktor angenommen? Strebte die unternehmungslustige Männergruppe über die elegante Freitreppe in den ersten Stock den Billard-Tischen oder dem Striptease-Lokal zu?
Das erste Schnuppern an der grossen Welt im Odeon fiel in die Jahre unmittelbar vor der Beschleunigung des sozialen Wandels, die auch diese Institution Ende der sechziger Jahre erreichte. Sie brachte ein junges, bewegtes Publikum in das unveränderte Interieur, ein Publikum, das auch mit dem anfänglichen Minirock-Verbot aufräumte. 1972 wurde das Lokal zugunsten einer Schuh-Boutique, die später durch eine Apotheke ersetzt werden sollte, arg verkleinert. Der Gang durch das Lokal zwecks Anwesenheitskontrolle verbietet sich seither, führt er doch mangels eines zweiten Ein- respektive Ausgangs in eine Sackgasse. Auch hat sich die Kundschaft des Lokals ein weiteres Mal von jener ursprünglichen entfernt. Da zum physischen Substrat des Kaffeehauses nicht nur die Möblierung, sondern auch die Anwesenheit der angestammten Besucher gehört, verwandelt sich das Soziotop durch deren sukzessives oder plötzliches Fernbleiben. Das Kaffeehaus ist deshalb zwar nicht prinzipiell unbegabt für Veränderung, doch seine ständige Begleitmelodie ist die Nostalgie. Eine berechtigte Nostalgie, die auch zu weiteren Metamorphosen intoniert werden wird. Auch wenn eine zunehmende Geschichtsvergessenheit die Rückbesinnung nur allzu gerne verdrängen möchte.
Kaffeehauserleben im Ostblock
Das gilt umso drastischer für das Kaffeehaus im früheren Ostblock, wohin das Studium der Slawistik die Autorin immer wieder führte und führt. Prag oder Karlsbad mit ihrer kakanischen Tradition vermochten auch in der sozialistischen Ära die Charakteristik des Wiener Kaffeehauses ein Stück weit zu bewahren.
Immerhin hiess auch in der CSSR Videnska kava (Wiener Kaffee), was in der Schweiz unter der Bezeichnung Café mélange läuft, aber in der Kavárna Slavia am Smetana-Ufer in Prag viel grosszügiger mit Schlagsahne aufgestockt wird. Das Interieur dieses neben dem Volkstheater gelegenen Traditionshauses wirkte auch unrenoviert einladend für jene In- und Ausländer, die aus der russig-grauschwarzen Kulisse der Stadt hier Zuflucht suchten. Der Kaffee war für ein paar wenige Kronen zu haben, die Mehlspeisen, wie die Patisserie hier heisst, von legendärer Güte und Vielfalt genauso. Nostalgie prägte die grosszügigen Räume des 1863 erstellten Palais mit Sicht auf die Moldau und den Hradschin, nicht so sehr im Bezug auf die längst verflossene Habsburger Zeit, sondern als unausgesprochene Trauer über die Lücken, die der abrupt beendete Prager Frühling in die Künstler- und Literatenszene gerissen hatte. «Hier hat Vaclav Havel Kraft und Energie gesammelt», heisst es heute in der Eigenwerbung des aufwändig renovierten und sehr teuer gewordenen Lokals.
Der Sezessionsbau des am Vorabend des Ersten Weltkrieges gebauten Obecní du˚m, des Repräsentationshauses der Hauptstadt Prag, in dem 1918 die Selbständigkeit der tschechoslowakischen Republik proklamiert wurde, lud in der sozialistischen Ära in seinen grossen Sälen zu Konzerten und öffentlichen Anlässen ein und barg im Erdgeschoss ein wunderbares Kaffeehaus mit Springbrunnen und ein beliebtes Volksrestaurant. Die Renovation seit der Wende hat auch diesen Räumen nicht nur die alte Schönheit, sondern ein neues Publikum und neue – vor allem in der «Amerikanischen Bar» prohibitive – Preise gebracht.
In Karlsbad, dem Ort der tschechoslowakischen Filmfestspiele und vieler gepflegter Konzertveranstaltungen, lud der sozialistische Bädertourismus in gediegener, aber heruntergekommener Kulisse von der Mangelwirtschaft gezeichnete Bürger in die Kliniken und Kaffeehäuser ein. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat auch dort ausländisches, insbesondere russisches Kapital den Traditionsbauten neuen Glanz verliehen und dabei das geschichtsbewusste, ehrfürchtige Publikum durch ein neureiches Proletariat vertrieben.
Orangen und internationale Zeitungen
Was die Russen in den Bruderländern von einst unternehmen, schaffen sie erst recht in ihren eigenen Hauptstädten, wo der Protest gegen die Vernichtung von kulturgeschichtlichen Zeugen einer gewachsenen Urbanität zunimmt. Das kleine Viertel der Antiquare um den Kusnetski Most unweit der zentralen Gorki-Strasse war immer ein Refugium der Intelligenz. Hier fanden sich gebildete Leser – aber auch Schwarzmarkthändler, die Kulturgut als harte Währung erkannten – auf der Suche nach seltenen Publikationen. Alte Drucke, Kunstbände, wissenschaftliche Literatur und Lexika, die auch aus der Zeit vor der Revolution und vor dem Zweiten Weltkrieg datieren konnten, lagen hier verborgen. Gerade fremdsprachige Autoren schienen von der Zensur teilweise verschont zu werden, sie gehörten, falls vor 1945 erschienen, eher ins Revier der Zollbeamten, denn es herrschte ein striktes Ausfuhrverbot für alte Kulturgüter. In den unscheinbaren engen Buchläden am Kusnetski Most zogen kundige Bibliophile aus viel Wertlosem die Perlen heraus, die wohl aus aufgelösten Bibliotheken der gebildeten Schichten stammten. Das Kafe Artistitscheskoje war Teil dieses kleinräumigen Biotops. Dieses «Künstler-Café» war ein Gegenprojekt zu den lieblosen Verpflegungsstätten, die, selbst wenn sie sich Kaffeehaus oder Eisdiele nannten, keine Musse aufkommen liessen. Sollte man sich über die Natur dieser vom lautem Scheppern von Geschirr erfüllten Orte täuschen und eine Zeitung oder ein Buch neben sich legen, konnte es geschehen, dass einem eine der rabiaten Abräumefrauen die Tasse unter der Nase wegriss und schrie: Hier musst du trinken, hier sollst du nicht lesen! Zum Prinzip dieser Beschleunigung im Land des Schlangestehens gehörte, dass im Café Selbstbedienung herrschte, doch das Abräumen des Geschirrs durch Frauen besorgt wurde, die nach eigenem Gutdünken handelten. Nicht so im Künstler-Café, wo Lesen geduldet wurde und der Kaffee nicht wie anderswo bereits mit Kondensmilch gesüsst, sondern schwarz zu haben war. Heute ist dem Quartier die Patina von einst radikal entfernt worden und es glänzt als Einkaufsparadies und Beauty-Meile für Betuchte. Aus dem Artistitscheskoje wurde das etablierte Café des Artistes, das mit der Perestroika auch sein angestammtes Publikum verloren hat und heute Geschäftsleute und Politiker sowie arrivierte Künstler zu seinen Gästen zählt. Eine neue Generation von Intellektuellen und Studenten findet im nahen Restaurant Pirogi mit integrierter Buchhandlung einen zeitgemässen Ersatz. Seit der Wende ist es kein Problem mehr, in Russland Kaffee bester Qualität zu bekommen. In der Teenation waren Cafés einst am ehesten in den grossen internationalen Hotels zu finden, die denn auch «europäische» Namen trugen wie in Moskau das Metropol oder das National.Leningrad konnte in der Sowjetära länger von der Zarenzeit zehren. Von 1712 bis 1917 Hauptstadt des Russischen Reiches, konzentrierte Petersburg den internationalen Umgang mit den befreundeten Dynastien Europas auf sich. In die Zeit der besonderen preussisch-russischen Freundschaft, als die Tochter König Wilhelms III., Friederike Charlotte Luise, dem späteren russischen Zaren Nikolai I. angetraut wurde und als Kaiserin den Namen Alexandra Fjodorowna annahm, fällt der Bau mancher grossartiger Hotels. 1830 wurden am Newski-Prospekt die beiden Häuser Hotel Michailowski und Hotel de Russie gebaut, die später renoviert und zum Grandhotel d’Europe zusammengelegt wurden. Wer im Kalten Krieg im notorisch schmutzigen, des Winters zudem wegen der nördlichen Lage über Monate finsteren Leningrad einen Ort der Zuflucht mit westlichem Flair suchte, fand ihn im Café im ersten Stock der Gostinitsa Jewropejskaja. Hatte man die Hürde der Portierloge genommen und wurden sowjetische Freunde nicht als Einheimische erkannt, konnte man sich frei bewegen im Innern des Hotels und auch rare Exemplare westlicher Zeitungen finden. Das mit schweren Lüstern und gedrechseltem dunklem Mobiliar ausgestattete Café war eine Oase, in der in einer Silberschale an der Bar selbst Orangen zu haben waren. Dass nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion das riesige Hotel in ein Lazarett verwandelt worden war, dass es während der 900-tägigen Blockade ein einziges Mal von der deutschen Artillerie getroffen wurde, gehörte zu den mit Stolz erzählten Geschichten über den Ort. Inzwischen hat sich ein russisch-schwedisches Konsortium der Renovation des Komplexes, der an den Platz der Künste angrenzt und gegenüber der Philharmonie steht, angenommen. Vor gut zehn Jahren wurde das Luxushotel in die Kempinski-Gruppe integriert. Der Zugang zum hauseigenen Café bleibt den Bürgern der Stadt, sofern sie nicht zur kleinen reichen Oberschicht gehören, nun aus anderen Gründen verwehrt als damals zur Sowjetzeit. Auch hier hat die Innenausstattung das ursprüngliche Personal überdauert. Dass Steine eine längere Lebenszeit haben als Menschen, zeigt auch das seit 1720 ohne Unterbrechung betriebene Zum Arabischen Coffe Baum in Leipzigs Altstadt. Im Kaisersaal des Barock-Palais, in welchem inzwischen auch ein kleines Museum eingerichtet wurde, tagte von 1923 bis 1933 der Literaten- und Künstlerstammtisch «Die Eierkiste», von 1933 bis 1945 dann ein etwas anderer mit dem Namen «Hau Ruck». Die sächsische Stadt konnte nach Kriegsende ein unversehrtes Lokal zu ihren Kleinoden zählen und der bürgerlichen Genüssen nicht abgeneigten DDR-Gesellschaft zur Verfügung stellen. Alles andere als eine lückenlos heile Geschichte hat das Parade-Kaffeehaus Westberlins, das Kranzler am Kurfürstendamm. Das 1835 an der Ecke Friedrich-strasse/Unter den Linden eröffnete Haus wurde 1922 von einer Hotelbetriebsgesellschaft übernommen und erlebte noch die Blüte der wilden zwanziger Jahre, bevor es 1934 westwärts an den heutigen Standort disloziert wurde. 1945 wurde das Gebäude vollständig zerstört und 1951 – im nun geteilten Berlin – in einem Neubau am gleichen Ort wieder eröffnet, der 1958 durch das zweistöckige Etablissement mit dem charakteristischen Rundbau ersetzt wurde. Seine hohe Zeit hatte das Kranzler in den Jahren des Kalten Krieges, als Westberlin eine Stadt der Studenten und Rentner war – und damit auch der typischen Kaffeehausgänger. Die Wende war auch für dieses Traditionshaus eine Bedrohung, doch vermochte der Denkmalschutz es vor der erneuten Zerstörung zu retten, was seine Integration in die 2000 erstellte Überbauung Neues Kranzler Eck erlaubte. Seinen Charakter hat das Kranzler gleichwohl eingebüsst. Eingeengt von hohen Metall- und Glasbauten wirkt das Kaffeehaus, das nur noch in der Rotunde im oberen Stock betrieben wird – den Hauptteil der Räume führt der neue Besitzer als Modeboutique –, klein. Das Publikum heute besteht zur Mehrheit aus Touristen und Shoppingkunden, gelesen, diskutiert und gejammert wie damals in der geteilten Stadt, wird kaum noch. Am Ende konfrontieren uns alle Kaffeehäuser mit einer ästhetischen Umgewöhnung: Lesende Gäste mit ihren aufgeschlagenen Zeitungen und Büchern, deren Titel sich auch andern offenbarten und sie zum Gespräch einladen mochten, diskutierende Menschen mit ihren Gesten und ihrer Mimik geben ein anderes Bild ab, als die mit Ohrstöpseln versehenen Köpfe vor Laptops, e-Books oder i-Phones und die flink auf immer engeren Tastaturen in immer eingeschränkterem Radius hüpfenden Finger. Und das Verbot zu rauchen – auch das eine bald schon vergessene überkommene Allüre, die dereinst nur noch in alten Filmen, solange sie noch gezeigt werden dürfen, zu sehen sein wird – entzieht den Lokalen den Dunst des Geheimnisvollen und leicht Verruchten. Die Brave Neue Welt ist auch clean.
Regula Heusser-Markun ist Slawistin und Journalistin in Zürich.