Auf der langen Bank
Altes Gewerbe. Banken gibt es seit 538 Jahren. 1472 wurde die Banca Monte dei Paschi di Siena gegründet, die älteste Bank der Welt. Der Name Bank stammt daher, dass zuerst auf einem «banco», einem langen, niedrigen Holztisch, Münzen umgewechselt wurden. Seit einiger Zeit ist Bank häufig wieder ein Synonym für vieles, das auf die lange Bank geschoben wird.
Schutz. Das beherrschende Thema der Gegenwart ist das Bankgeheimnis, das noch vor der Nazizeit zum Schutz der ausländischen Kundschaft vor heimischen Steuerfahndern zum Gesetz wurde. Es sei «nicht verhandelbar», sagte unser Finanzminister Hans Rudolf Merz, doch auch er wurde wandelbar. Der Schutz der Kundschaft geniesse oberste Priorität, beteuern die Banken. Die Privatsphäre ist auch ehrlichen Steuerzahlern wichtig.
Zweierlei Kundschaft. Allerdings leiden viele Banker und noch mehr Politiker offenbar an schlechtem Gedächtnis. Schutz der Kundschaft? Welcher denn? 1949 schloss die Schweiz mit Polen einen Vertrag ab: Vom kommunistischen Regime enteignete Schweizer sollten entschädigt werden, etwa via Kohlelieferungen. Ein damals kaum bekannter Zusatzvertrag versprach den Landsleuten als Kompensation zudem die Vermögenswerte polnischer Staatsbürger, die «erblos» auf Schweizer Banken lagerten. In der Dezembersession 1949 wurde auch dies mit hohem Mehr angenommen. Der Aussenminister und frisch gewählte Bundespräsident Max Petitpierre sprach gar von einer «zweitrangigen Frage». Und die Banken? Sie lieferten innerhalb weniger Wochen der Bankiervereinigung die gewünschten Listen aller polnischen Depots in ihren Büchern, meist wohl Guthaben von Schoah-Opfern. Es waren gegen zwei Millionen Franken. Zur gleichen Zeit kämpften die Banken mit allen Mitteln gegen das Gebot des Washingtoner Abkommens von 1946, das die Liquidation aller deutschen Guthaben zugunsten der Alliierten verlangte. 80 Prozent kamen ungeschoren davon. Die Banken unterteilten ihre Kundschaft offenbar in zwei Klassen.
Zwei Jahre und zwei Milliarden. Zwei Jahre benötigten die Schweizer Banken, bis sie 1998 im wüsten Streit um jüdische Vermögenswerte aus der Nazizeit einlenkten. Die beiden Grossbanken überwiesen zwei Milliarden Franken (1,25 Milliarden Dollar) in die USA, der gesamte Suchprozess kostete nochmals so viel, und es gab viel Kollateralschaden, zum Beispiel für den israelischen Finanzplatz. Nach bald zwölf Jahren konnte der zuständige Richter in New York noch immer nicht den gesamten Betrag an Berechtigte auszahlen. 150 Millionen Dollar sollen übrig bleiben und, wenn es nach Stuart B. Eizenstat geht, weltweit an bedürftige Überlebende verteilt werden (vgl. tachles 05/10). Aber das ist noch gar nicht sicher.
Neues Dilemma. Die grösste Schweizer Bank lieferte bereits Kontodaten an den US-Fiskus, der noch mehr verlangt. Allerdings wird dies vom Bundesverwaltungsgericht verboten. Im Fall von Deutschland und anderen Ländern verschoben Datendiebstähle wohl die Entscheidung. Auch heute scheint es wieder verschiedene Konten zu geben. Jene, die man ausliefern und jene, die man schützen muss.