Auch in Bne Adam leben Menschen
Obwohl die Siedlung bereits vor fünf Jahren gegründet wurde, wohnen heute erst acht Familien und vier Alleinstehende in Bne Adam. Die 14 Kinder der Familien zeugen erstens von einem niedrigen Durchschnittsalter und zweitens von einem ungebrochenen Glauben an die Zukunft. Eine Zukunft in Bne Adam oder noch weiter in den Hügeln der Westbank – wenn möglich gemeinsam mit Tausenden von Gesinnungsgenossen. Wie in den rund 100 anderen unbewilligten (mindestens ebenso oft hört man auch den Ausdruck «illegalen») Aussenposten der Westbank, die der noch von Ariel Sharon in Auftrag gegebene Sasson-Bericht festgestellt hat, spielt auch in Bne Adam die Ideologie eine dominante Rolle. Politisch rechts eingestellt zu sein, reicht längst nicht aus, um das Misstrauen der Einwohner zu beseitigen. Wer «dazu» gehören will, muss schon die Osloer Verträge offen als Katastrophe kritisieren, und Menschen wie Premier Netanyahu wegen ihrer meistens nur in Andeutungen erahnbaren Kompromissbereitschaft mit den palästinensischen Nachbarn als «Verräter» denunzieren.
Kein offizieller Wegweiser
Bne Adam liegt fast in Sichtweite und nur wenige Kilometer von der Ortschaft Adam entfernt, mit der die Menschen von Bne Adam ganz offensichtlich aber ideologisch und auch sonst wenig am Hut haben. So richtig raus mit der Sprache wollte die flammend rothaarige, aus Leeds stammende 22-jährige Sara nicht, doch nach einigen rhetorischen Umwegen wird klar, wo die Sprecherin des Aussenpostens (die sich aus Sicherheitsgründen nicht fotografieren lassen wollte) der Schuh drückt. Adam mit seinen asphaltierten Strassen, Villen, Wasserleitungen und dem offiziellen Anschluss ans israelische Stromnetz ist aufgrund seines geografischen Standortes zwar ebenfalls eine Siedlung, doch eine etablierte und bewilligte, die beinahe schon zum israelischen Establishment gehört. Bne Adam dagegen bezieht seine Elektrizität wie fast alle unbewilligten Aussenposten von Generatoren, und das Wasser wird von Tankwagen herbeigefahren.
Von Jerusalem nach Adam fährt man auf leidlich guter Strasse rund 20 Minuten. Wer aber von Adam nach Bne Adam gelangen will, benötigt fast doppelt so viel Zeit, obwohl die Strecke viel kürzer ist. Abgesehen davon aber, dass es keine offiziellen Wegweiser gibt, ist die Strasse ein schmaler, steiniger und kurvenreicher Naturweg, der unserem Buschauffeur eiserne Nerven und ein hohes Fahrgeschick abfordert. Ganze 20 Meter in einer besonders schwierigen Kurve sind asphaltiert, sonst aber befinden sich Reisende in holprig-staubigem Direktkontakt mit der Natur. Auch dies ein Hinweis darauf, dass Bne Adam kein Dorf ist wie jedes andere.
Unser Chauffeur lenkte einen der beiden Autobusse, welche die 1993 gegründete Bewegung «Frauen für Israels Morgen», im Volksmund kurz «Frauen in Grün» genannt, mit rund 100 Sympathisanten und ein paar Journalisten füllte. Vor deren Anwesenheit warnte Nadia Matar, agile Leiterin der Bewegung, immer wieder in scherzhaft tönenden, aber durchaus ernst gemeinten Hinweisen an ihre Leute. Der Ausflug figuriert unter dem Slogan «Chisuk-Trip»; «chisuk» heisst so viel wie «geistige Erbauung» – kein schlechtes Motto wenige Tage vor Jom Kippur. Den Schreibenden aber, das sei vorweggenommen, hat die Reise eher nachdenklich gestimmt, keinesfalls aber erbaut.
Nicht, dass die Siedler, denen wir begegneten, nicht freundliche Menschen gewesen wären. Menschen, die in ihren armseligen, im Sommer heissen und im Winter kalten Hütten auf die Verwirklichung ihres ideologisch-religiösen Traums warten, meist jugendlichen Bewohner der Aussenposten. Nadia Matar legt übrigens Wert darauf, statt dieses irgendwie an Ausgrenzung erinnernden Begriffs von «hilltop communities» zu sprechen, also von Hügel-Gemeinden, denn das klingt viel weniger verfänglich oder politisch, und fast schon romantisch-pionierhaft. Und Pioniere wollen sie ja auch sein, die Leute von Har Bracha, Bne Adam, Chavat Ronen, Havat Gilad oder wie die Orte alle heissen. «Bne Adam verteidigt Adam vor den Terroristen», verbreitete Nadia Matar über ihren Lautsprecher. «Adam verteidigt Jerusalem, und dann sind wir schon bald in Netanya, Tel Aviv oder Ashkelon.» Das Konzept der «Frauen in Grün» ist aber noch viel weiter gespannt. «Die Araber wollen, dass wir von hier wegziehen», warnte Frau Matar, «weil sie dann weiter nach Paris, London oder Berlin vorstossen möchten.» Die Aussenposten verteidigen demnach also das israelische Kernland, und Israel ist der Schutzschild des ganzen Westens. An Minderwertigkeitskomplexen leiden Nadia Matar und ihre Organisation wahrlich nicht.
Wortkarge Soldaten
In Bne Adam (wo kürzlich drei Mobilheime von der Armee geräumt wurden) und Umgebung herrscht in letzter Zeit Ruhe, doch unlängst beschlossen die Siedler trotzdem, einer verstärkten Patrouillentätigkeit der israelischen Armee zuzustimmen. Auf die Frage, ob dies als Schutz vor möglichen Terrorattacken geschah oder weil die Armee den Verkehr in die Aussenposten und von ihnen weg kontrollieren will, erhielten wir keine Antwort. Dass die Soldaten die Lage gut im Griff haben, erhielten wir vordemonstriert, als kurz nach unserer Ankunft in Bne Adam wie aus dem Nichts zwei IDF-Jeeps erschienen und etwa acht Soldaten sich freundschaftlich-wachsam unter die Gäste mischten. Die Uniformierten waren eher wortkarg, doch machten sie keinen Hehl daraus, dass sie nicht verstanden, was Menschen aus der «grossen, weiten Welt» in dieser unwirtlichen Steinwüste zu suchen hätten. Solchen Äusserungen hielten Matar und ihre Mitstreiterinnen entgegen, dass die Menschen von Tel Aviv und Raanana eher «Siedler» seien als die «Erben» von Bne Adam und allen anderen Hügel-Gemeinden. Auf den Begriff «Erbe» waren die grünen Sympathisanten der jüdischen Westbank-«Pioniere» durch eine entsprechende Behandlung der Worte «mitnachel» (hebr. «Siedler») und «nachala» («Erbschaft, Hinterlassenschaft») gekommen. Nadia Matars Weggenossen begrüssten die Erkenntnis mit frenetischem Applaus. Ebenso energisch und wortlaut reagierten sie auf die Ausführung der Reiseleiterin, die jede arabische Villa auf dem Weg als «illegalen Bau» und die dort lebenden Palästinenser als «temporäre Siedler» bezeichnete. Allerdings zog Frau Matar es vor, diese kritischen Hinweise auf die Villen und Wohnhäuser aus ihrem Repertoire zu streichen, nachdem ein mitfahrender Journalist sie fragte, ob sie wirklich den legalen Status eines jeden palästinensischen Hauses untersucht habe. Das habe sie nur bei einigen, doch vermute sie, dass es auf alle zutreffe, räumte sie ein. Als wir dann in Hawara an einer Garage vorbeifuhren, in deren Vorgarten zahllose Wracks alter Autos standen, meinten mehrere Mitreisende wie aus einem Mund: «Alles gestohlene israelische Fahrzeuge.» Dass Palästinenser, oft in Zusammenarbeit mit israelischen Kumpels, Autos in Israel stehlen, ist bekannt. Deswegen aber gleich alle Autowracks in einer palästinensischen Garage als die Überreste israelischer Vehikel zu bezeichnen, ist ein typisches Beispiel für den in diversen politischen Extremgruppen üblichen Populismus.
Monokulturelle Ideologie
Bis zur nächsten arabischen Ortschaft brauche man zu Fuss rund eine Stunde, erklärte Sara; Kontakte gebe es kaum. Die palästinensischen Orte der Gegend wie Michmas, Hawara oder Hizme gelten in der Regel als feindselig. Für die Leute von Bne Adam, die fast durchwegs freiberuflich tätig sind, liegt schon Jerusalem geografisch wie einstellungsmässig Lichtjahre entfernt. Besuche beim Arzt, in der Apotheke, oder einer Verwaltungsstelle bedürfen einer Art logistischer Stabsplanung, und ein Einkaufsbummel in der Ben-Jehuda-Strasse gilt bei der weltfremden, monokulturellen Ideologie, die in den Aussenposten gepflegt wird, beinahe schon als Sakrileg. – In Bne Adam liegen zwischen den einzelnen Baracken Zwischenräume, von deren Weite und Grösse Stadtbewohner nur träumen können. Allerdings finden sich nur sehr spärlich Bäume oder sonstige Pflanzen in diesen Zwischenräumen, deren Ausmasse wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen sind, dass der Ansturm potenzieller Pioniere auf den verfügbaren Wohnraum sich echt in Grenzen hält.
Rauer Alltag
Dass mitunter auch unbewilligte Aussenposten nicht verschont bleiben vom rauen Alltag, bekamen wir in Havat Gilad zu sehen, wo palästinensische Infiltranten an Rosch Haschana eine Brandbombe gegen ein Mobilheim schleuderten. Das Heim brannte völlig aus; das Ehepaar konnte sich und sein Baby zwar retten, doch bis auf einen Kinderwagen ging alles in Flammen auf. Nadia Matar wies darauf hin, dass der israelische Geheimdienst den Fall untersuche, konnte aber den zynischen Schlenker, «so behauptet er wenigstens», nicht unterlassen.
Wie in Bne Adam leben die Menschen auch in allen anderen Aussenposten. Verblendete und fanatisierte Menschen zwar, die von Organisationen wie den «Frauen in Grün» und extremistischen rabbinischen Kreisen moralisch und finanziell unterstützt werden. Es sind und bleiben aber
jüdische Menschen und jüdische Kinder, deren Zukunft in einem düsteren Licht erscheint, wenn nicht endlich eine Regierung in Jerusalem den Mut und die Weitsicht aufbringt, den gordischen Knoten zu durchzuschneiden und diese Menschen aus einer feindseligen Gegend von Terror, Felsen und Sand dorthin zurückführen, von wo sie gekommen sind: In die Siedlungsblöcke oder nach Israel selber.