Assimilation als Risiko
Während in den Medien immer wieder Meldungen von wirtschaftlichen Erfolgen jüdischer Oligarchen in Russland die Runde machen und während Präsident Dmitri Medwedew erst dieser Tage das aktive Engagement der russischen Juden bei der Entwicklung ihrer Heimat lobte (vgl. S. 17), waren an der sonntäglichen Kabinettsitzung in Jerusalem andere, besorgte Stimmen zu hören. Ohne wirksame Massnahmen gegen die grassierende Assimilation droht laut Premier Ehud Olmert die Auflösung der jüdischen Gemeinschaft in den GUS-Republiken innert einer Generation.
Israel als Sprungbrett
Nur zehn Prozent aller russischen Juden betätigen sich in irgendeiner Weise jüdisch, und die Assimilations- oder Mischehenrate liegt schätzungsweise bei 80 Prozent. Von den rund 1,6 Millionen Sowjet-Juden, die zwischen 1989 und 2007 aus ihrer Heimat auswanderten, wählten über eine Million Israel als ihr Ziel, doch knapp 600 000 liessen sich anderswo nieder. Laut Informationen der Jewish Agency und des Einwanderungsministeriums lebt heute in den GUS-Republiken noch knapp eine Million Menschen, die laut dem Rückkehrergesetz (der Immigrationskandidat muss mindestens einen jüdischen Grossvater und/oder eine jüdische Grossmutter haben) die Kriterien für eine Einwanderung nach Israel erfüllen. 470?000 von ihnen sind gemäss der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, keine Juden. Abgesehen von wirtschaftlichen Gründen und der Hoffnung, Israel als Sprungbrett für die Weiterwanderung in die USA benutzen zu können, dürfte bei diesen Menschen die Motivation, sich im jüdischen Staat eine Existenz aufzubauen, recht gering sein.
Die Einwanderungsstatistik ist auch nicht dazu angetan, bei israelischen Offiziellen das Gefühl eines Erfolgserlebnisses aufkommen zu lassen. Kamen im Jahr 2001 noch 34?000 Immigranten aus den GUS-Republiken nach Israel, waren es 2007 gerade noch 6700 – rund 80 Prozent weniger. Hinzu kommt, dass rund 83?000 Einwanderer, die zwischen 1989 und 2005 ins Land gekommen sind, dieses inzwischen wieder verlassen haben. Man schätzt, dass heute 50–10?000 ehemalige Israeli wieder in die GUS-Republiken zurückgewandert sind.
Finanzielle Anreize
Wie in Israel angesichts von Problemen ohne Sofortlösung üblich, beschloss das Kabinett auch dieses Mal die Bildung einer interministeriellen Kommission, welche die Kontakte der Juden in den GUS-Republiken zu Israel und zum jüdischen Volk stärken soll. Einwanderungsminister Yaacov Edri präsentierte an der Sitzung zudem einen Plan zur Ankurbelung der Alija aus der ehemaligen UdSSR: Der finanzielle Absorptionskorb soll um 50 Prozent erhöht werden, für jugendliche Immigranten sollen besondere Anreize geschaffen werden, und im Rahmen einer Steuerreform sollen Immigranten und heimkehrende Israeli während zehn Jahren keine Steuern auf im Ausland erzieltes Einkommen zahlen müssen. Die quantitative Komponente dominiert also ganz klar. Schade, dass Staat und Jewish Agency sich nicht endlich dazu durchringen, sich die Opportunität der Zulassung von allen Menschen mit jüdischen Vorfahren als Immigranten zumindest zu überlegen. Es ist zudem aber fraglich, wie man von diesen oftmals sehr positiv eingestellten Leuten erwarten kann, dass sie aus vorgegaukelten zionistischen Motiven beim Aufbau des Jüdischen Staates mithelfen sollen?
Jacques Ungar