Armut und Krieg
Von Joël Hoffmann
Vor ungefähr 60 Teilnehmenden der Sommerakademie des Institute for Integrative
Conflict Transformation and Peacebuilding (IICP) in Bern (tachles berichtete)
referierte der Soziologe Ueli Mäder letzten Sonntag über den Zusammenhang
von Konflikten und sozialer Ungleichheit. Ungleichheit entsteht, wenn Gesellschaften
unterschiedlich über begehrte Güter verfügen. Diese Güter
können, so Mäder, nicht nur Geld und Rohstoffe, sondern auch Ansehen
und Macht sein. Nebst den bekannten Zahlen, dass
20 Prozent der reichsten Länder 80 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP)
ausmachen, verdeutlichen, nach Mäder, die 155 Milliarden Dollar, die in
Industrieländern jährlich für Tabak und Alkohol ausgegeben werden,
während in den Entwicklungsländern 28 Milliarden Dollar für Grundbedürfnisse
eingesetzt werden, die grosse Kluft zwischen Arm und Reich. Wäre die Verteilung
gerecht, so der Soziologe, müssten beispielsweise die Schweizer 15 Jahre
ohne Lohn arbeiten, und jeder Mensch hätte für fünf Lebensjahre
Zugang zu einem Auto.
«Armut erhöht die soziale Brisanz und die Gefahr von Bürgerkriegen», so eine These des Leiters des Nachdiplomstudiums Konfliktanalysen und Konfliktforschung. Zudem hindere die Armut die Menschen daran, sich für ihre eigenen Interessen zu engagieren, so Mäder. Damit widersprach er der marxistischen Anschauung, derzurfolge sich die Menschen umso mehr wehren würden, je mehr sie leiden. Dass die weltweiten Rüstungsausgaben 2005 von 1118 Milliarden Dollar so hoch wie nie waren, ist für Mäder ein weiteres Indiz dafür, wie brisant der Kampf um Ressourcen ist.
Konflikte als Folgen der Globalisierung
Dass es eine Verbindung zwischen Armut und Krieg gibt, hat Mäder «über den Daumen gepeilt» dargelegt. Eine Ursache sieht Mäder im Globalismus, also darin, dass der Welthandel und die Finanzströme zentrumsorientiert sind und so weite Bevölkerungsteile ausklammern. Dieser ungleiche Austausch beschere den Entwicklungregionen erhebliche Verluste und mehr soziale Ungleichheit, so der Soziologe. Für Mäder ist klar: «Die Konzentration der Wirtschaft feudalisiert den Besitz.» Im Gegensatz zu dem, was Mäder die Globalität nennt, gefährdet der Globalismus den sozialen Zusammenhalt, schwächt politische Verbindlichkeiten und stärkt autoritäre Strukturen. Dies verdeutlichte Mäder in einem Exkurs über Arbeitsverhältnisse in der Schweiz von den sogenannten «working poor» bis zu den hohen Managerlöhnen, welche Wut und Empörung hervorrufen würden. Das Risiko besteht für Mäder darin, dass autoritäre Strömungen von der Unzufriedenheit profitieren, weil sie zudem vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte liefern würden.
Perspektiven bieten
Da eine forcierte Integration von Entwicklungsregionen in den Weltmarkt auf
Grund der ungleichen Spiesse mehr Ungleichheit und mehr Konflikte generieren
würde, wie Mäder darlegte, plädiert er für eine selektive
Dissoziation, also eine selektive Abkopplung vom Weltmarkt, um die Gefahr von
Bürgerkriegen zu mindern. Mäders Vortrag konnte als Appell an die
Teilnehmenden verstanden werden, bei den situativen Analysen in den Workshops
die globalen strukturellen Zusammenhänge nicht zu vernachlässigen.