Armut inmitten der Fülle
Seit Jahren heisst es, Israel besitze keine natürlichen Ressourcen unter der Erdoberfläche, vielmehr seien seine natürlichen Ressourcen an der Oberfläche zu finden – in seiner Bevölkerung. Auch wenn sich jetzt herausstellt, dass Israel sehr wohl über natürliche Vorkommen unter der Oberfläche, besser gesagt unter dem Meeresspiegel, verfügt, wird sich die Wirtschaft des Landes auf Jahre hinaus in erster Linie noch auf die Talente und das Können seiner Menschen verlassen müssen. Sie waren es, die Israel in den vergangenen Jahren auf Rekordhöhe gebracht haben.
Sogar das üblicherweise Israel nicht sonderlich freundlich gestimmte Magazin «The Economist» lobte kürzlich in einer Ausgabe Israels Erfolge in der fortgeschrittenen Technologie. Der Kommentator des Blattes für Businessfragen meinte in einem Artikel, auf die Grösse der Bevölkerung umgerechnet sei Israel weltweit führend «in der Zahl der neuen Firmengründungen im Hightech-Bereich und der Grösse der sogenannten Venture-Capital-Industrie».
Israel sei zu einer «Hightech-Grossmacht» geworden, schreibt die Zeitschrift. Das Ergebnis dieses Erfolgs sei, dass Israel als Land zusehends wohlhabender werde. Zu Recht erinnern sich Israeli immer wieder daran, dass viele Landesbürger reicher geworden sein mögen, dass es inmitten der Fülle aber Armut gibt. Von Jahr zu Jahr wächst die Kluft zwischen Reich und Arm, was unweigerlich zu sozialen Spannungen führen muss.
Bevor die Schlussfolgerung gezogen wird, dass sich diese Verzerrung im sozialen Gefüge der israelischen Gesellschaft leicht durch
eine progressivere Steuer- und Wohlfahrtspolitik korrigieren lasse, sollten die Gründe dieser wachsenden, die israelische Gesellschaft heute charakterisierenden ökonomischen Ungleichheit unter die Lupe genommen werden.
Es stellt sich heraus, dass einer der Gründe für den Erfolg das direkte und unausweichliche Resultat des wachsenden Hightech-Sektors im Zeitalter der weltweiten Globalisierung ist. Das hohe Lohnniveau im Hightech-Sektor der Wirtschaft zieht die vielen mit der Entwicklung seiner Geschäfte assoziierten Sektoren mit sich – Anwälte, Buchhalter, Investmentbanken, Analysten und Börsenhändler. Alle anderen – von den Ärzten bis hin zum ungelernten Arbeiter – bleiben mehr oder weniger auf der Strecke. Diese Situation wird verschärft durch die massive Einwanderung ausländischer Arbeiter, welche die Bedürfnisse der Wirtschaft für manuelle Arbeit zu einem Lohn befriedigen, der wesentlich unter dem für israelische Arbeitnehmer üblichen Salär liegt. Diese werden entweder aus dem Arbeitsmarkt verdrängt oder sind gezwungen, für niedrigere Löhne zu arbeiten, was wiederum die wirtschaftliche Ungleichheit in der israelischen Gesellschaft noch mehr fördert.
Hinzu kommt, dass zwei gewichtige Sektoren der israelischen Gesellschaft in der Schicht der vor allem in der Hightech-Industrie angesiedelten ausgebildeten Arbeitnehmer kaum vertreten sind: die ultraorthodoxen Juden und die Araber. In diesen Gruppen konzentriert sich denn auch ein Grossteil der Armut in Israel.
Zahlungen der sozialen Wohlfahrt können dieses Problem nur teilweise lösen. Die Einwanderung ausländischer Arbeiter muss gestoppt werden. Die Lösung liegt in einem Bildungssystem, das jedem interessierten Bürger gestattet, die für Tätigkeit im Hightech-Sektor notwendigen Kenntnisse zu erwerben. Ein solches System existiert glücklicherweise bereits in der Form der Armee. Sie erfüllt ihre vordringlichste Aufgabe der Landesverteidigung, dient gleichzeitig aber auch als Schmelztiegel und trägt zum Aufbau der Nation bei. Darüber hinaus aber sind die Israel Defense Forces (IDF)
eine ausgezeichnete Schule, in welcher Soldaten sich Kenntnisse aneignen können. «The Economist» betont, dass die Armee «mehr als nur ein Inkubator für Hightech» ist. Vielmehr durchsiebe sie die gesamte Bevölkerung nach Talenten und impfe ihr eine Ethik ein, die auf Selbstvertrauen und Problemlösung basiere.
Das ist nichts Neues für die Israeli. Sie wissen, dass das Land in Bezug auf seine Wirtschaftsentwicklung zu einem grossen Teil in der Schuld der Armee steht. Was bis jetzt fehlt, ist die Teilnahme von ultraorthodoxen Juden und Arabern an diesem Prozess. Während die ultraorthodoxe Gemeindschaft und viele Araber zu denken scheinen, dass Israel ihnen mit der Befreiung vom Militärdienst einen Dienst erweise – einige von ihnen sehen im zivilen Nationaldienst einen adäquaten Ersatz –, werden sie effektiv durch das Fernbleiben von der Armee um die beste Ausbildung gebracht, die Israel anbieten kann.
Obligatorischer Militärdienst für alle Bürger könnte zu grösserer Gleichheit in der israelischen Gesellschaft führen. In Israel ist der Militärdienst nicht nur eine Last, sondern auch ein grosser Vorteil.