Armes Palästina

von Jaques Ungar, October 9, 2008

Kaum einen anderen Länderpavillon habe ich an der Weltausstellung «Expo 2000» in Hannover genauer betrachtet als den palästinensischen. Gleich zweimal habe ich mir den Palästina-Film zu Gemüte geführt und vesucht, dabei objekiv und distanziert zu bleiben. Es ist mir leider nicht gelungen. Der Gesamteindruck ist katastrophal. Man gewinnt nicht den Eindruck, als ob Israelis und Palästinenser bei allen Schwierigkeiten dem Durchbruch am Verhandlungstisch näher stehen als je zuvor. Vielmehr hinterlässt der Pavillon das Gefühl, medienmässig und informativ habe für die Palästinenser die Intifada gerade erst begonnen.
Einige Beispiele: Es ist aus palästinensischer Sicht richtig und logisch, die Begegnung mit den Israelis zunächst einmal als den Konflikt zwischen Besatzern und Unterdrückten darzustellen. Irgendwo hätte der Film aber auch erwähnen müssen, dass über Jahre und Jahrzehnte hinweg hunderttausende von Palästinensern ihren Lebensunterhalt (unter zugegebenermassen oft betrüblichen und unzulässigen Bedingungen) in Israel verdienen und dies wahrscheinlich noch lange werden tun müssen. Dann ist es eine fragwürdige Einseitigkeit, die Ansätze zu wirtschaftlichen Fortschritten in der Autonomie als ausschliesslichen Verdienst Palästinas und der internationalen Völkergemeinschaft zu porträtieren. Zum Glück haben die Regisseure übersehen, dass auf verschiedenen Einweihungs- und Konferenzszenen auch Minister Shimon Peres erscheint, denn sonst hätten sie ihn gewiss noch wegretouchiert. Gut zum Gesamteindruck passt, dass nach Angaben der Filmkommentatorin Palästina an Syrien, Jordanien und Aegypten grenzt, während Israel totgeschwiegen wird. Formell gibt es natürlich noch keine Grenzen zum jüdischen Staat, doch ein wichtiger Nachbar der Palästinenser ist er deswegen trotzdem. Und wenn man sich derart präzise an Formalitäten hält, dann hätte der Pavillon ja, wie im offiziellen Ausstellerkatalog, «Palästinensische Behörde» heissen müssen und nicht «Palästina», denn dieser Staat existiert formell ja noch immer nicht. Dass schliesslich die Bedeutung Jerusalems für Christen und Moslems verdientermassen ausführlich geschildert wird, das Judentum hingegen in zwei, zusammen knapp siebensekündige Nebensätze verbannt wird, rundet das traurige Bild ab.
Hunderttausende Besucher strömen täglich auf das Messegelände von Hannover. Eine einmalige Gelegenheit also, für die eigene Sache zu werben. Wenn der Auftritt der Palästinenser aber wirklich alles ist, was die Leute um Arafat an Information (nicht Propaganda und Manipulation) zu bieten haben, dann kann man nur eines sagen: Armes Palästina.