Arithmetik der Sinnlosigkeit

von Yves Kugelmann, October 9, 2008

Ein Rabbiner muss her für die Israelitische Gemeinde Basel (IGB). Nicht weil die beiden Kandidaten für den letzten Wahlgang Bokov und Jonas sonderlich gut wären. Nein, weil der dritte Kandidat - das Absolute Mehr - noch schlechter ist. Ein Rabbiner muss her, weil nicht er die Identität der Gemeinde ausmacht, sondern die Summe ihrer Mitglieder. Ein Rabbiner muss her, weil die Tagesordnung drängender ist, als das auf einmal so vielen der in der Gemeinde Wiedererwachten genehme Spiel «Basteln wir uns einen Gemeinderabbiner». Ein Rabbiner muss her, weil die verständliche Provokation zum Leereinlegen die Initianten in eine Verantwortung nimmt (z.B. Bildung der neuen Rabbinerfindungskommission), der sie wohl kaum gerecht werden können. Denn bei einer Nichtwahl beginnt ein jahrelanger Kampf um einen Rabbiner von vorne, der Plattform und Missbrauch einer Diskussion ist, die mit der Frage, «wer wird Rabbiner», eigentlich wenig bis gar nichts zu tun hat. Für die IGB ist es nicht von existenzieller Bedeutung, ob der neue Rabbiner Bokov, Jonas oder x heisst. Wichtig ist aber, dass die gemeinde-existenziellen Themen von einem kompetenten Führungsgremium endlich angegangen werden. Dass ein solches Gremium der Gemeinde zur Zeit fehlt, beweisen nicht nur die vielen offenen und seit Jahren vor sich hergeschobenen Pendenzen, sondern auch die Tatsache, dass die Rabbinerdebatte langsam auszuufern droht und eine nur beschränkt fundierte aber gefährliche Eigendynamik annimmt.
Lange nicht mehr hat die Gemeinde ein Thema so bewegt, geeint und entzweit, wie die Rabbinerdebatte. Sie ist Symptom und Projektionsfläche - abgesehen von gesamt-gesellschaftlichen Veränderungen - für Geschäfte, die der Vorstand längst schon hätte angehen müssen - neu ist das nicht und die Verantwortlichen wissen darum ganz genau. Auffallend ist aber auch, dass genau die IGB-Mitglieder, welche jahrelang passiv dem Treiben zuschauten, bei den letzten Vorstandswahlen nicht zur Verfügung standen, nicht bereit waren, sich einbinden zu lassen, anstatt auf Opposition zu machen. Genau diese IGB-Mitglieder werden aber bei einer Nichtwahl von Bokov oder Jonas in die Bresche springen müssen - da gibt es kein Wenn und Aber. Und sie sollten es auch endlich tun, wenn letztlich ein neuer Rabbiner gewählt wird.
Ein Rabbiner muss her und ein Vorstand, der endlich wieder das Heft in die Hand nimmt und die wichtigen Fragen zuoberst auf die Prioritätenliste (vgl. «Übrigens» und «Thema»).