Arbeit der Erinnerung

September 17, 2009
Ein Essay zu Rosch Haschana von Gilles Bernheim, Oberrabbiner von Frankreich.
DER KLANG DES SCHOFARS «Und schon steigen Tränen auf»

An diesem Tag feiern wir die Erschaffung des Menschen. Aber Rosch Haschana läutet auch einen anderen Beginn ein, jenen nämlich unseres Innenlebens, das zur Wiedergeburt im Stande ist, dazu, von Neuem in eine offene Zukunft zu schreiten. Deshalb beginnt an diesem Tag eine Arbeit der Erinnerung und eine schwierige Rückkehr zu uns selbst. Beides entblösst uns, um uns dann der göttlichen Beurteilung zu überlassen. Der Klang des Schofars dringt in unsere Ohren, unsere Herzen. Und schon steigen Tränen auf, Seufzer oder gar Schluchzen.
Die Mischna lehrt uns zum Begriff Rosch Haschana, dass nicht nur ein, sondern tatsächlich vier «Neujahre» das jüdische Jahr kennzeichnen. Das Rosch Haschana des Monats Tischri erinnert an die Erschaffung der Welt und an die Geburt der Menschheit. Die Gründung Israels als Nation wird am ersten Tag des Monats Nissan gefeiert, der wiederum der Monat des Auszugs aus Ägypten ist. Historisch betrachtet wählte das jüdische Volk dieses Datum auch für einen politischen Anlass – um seine Könige einzusetzen. Das «Rosch Haschana der Bäume» wird am 
15. Tag des Monats Schewat begangen; es steht für die Erneuerung der Natur und das Ende des Winters. Das neue Steuerjahr hingegen beginnt am ersten Elul.

Ein Kalender mit vier Köpfen

Dieser Kalender wurde nicht anhand eines astronomischen Zyklus konzipiert, es gibt keine kosmische Ordnung, die er widerspiegeln würde. Es ist ein Kalender mit vier «Köpfen». Jeder dieser Fixpunkte hat die Aufgabe, uns dazu zu bringen, Bilanz zu ziehen und Gewissenserforschung zu betreiben – sowohl auf der Ebene der Werte wie des Einsatzes. Dies soll viermal geschehen und ist jedes Mal auf eine andere Achse, auf eine neue Ebene unseres Daseins in dieser Welt ausgerichtet: auf das, was unser Menschsein einerseits in moralischer Hinsicht und andererseits als Teil der Natur ausmacht, ferner auf das, wofür wir in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht stehen.
Aber es gibt mehr: Über die Arbeit des Bewusstseins hinaus ist eine spezifische Arbeit des Erinnerns für jedes der «Neujahre» gefordert. Die Geschichte des jüdischen Volkes baut auf die Anerkennung von vier grundlegenden und strukturgebenden «Schuldigkeiten» auf, sprich: auf etwas, auf dessen Basis und von dessen Ausgangspunkt aus eine Geschichte stattfinden kann.
An Rosch Haschana die Geburt der Menschheit zu feiern bedeutet, vorab die Schaffung eines Raumes der Freiheit zu feiern, in dem der Mensch die Aufgabe hat, das von Gott begonnene Werk zu vollenden.
Wenn wir das Neujahr der Bäume zu jenem Zeitpunkt feiern, von dem man sagt, dass in ihnen die Säfte wieder zu zirkulieren beginnen, verpflichtet uns dies zu einer ebensolchen Reaktivierung unseres inneren Lebens.
Das «Neujahr der Könige» soll die Rückbesinnung auf den Auszug aus Ägypten in unserem politischen Bewusstsein wachrufen. Die Erinnerung an den Auszug ist in diesem Sinne die Mahnung an die Begründung einer Gesellschaft, die von der Reife ihrer Mitglieder ausgeht, um eine Identität zu schaffen und die Perspektive einer kollektiven Hoffnung entstehen zu lassen, deren Verwirklichung nicht eine sofortige ist, sondern eine zukünftige sein wird.

Die Frage der Schuldigkeit

Das fiskalische Neujahr, das Neujahr der Erhebungen und des Zehnten, weist noch präziser auf die Frage der Schuldigkeit hin. Die Schuld ist eine Verpflichtung, die den Blick auf die Zukunft behindert; sie zwingt dazu, die Aufmerksamkeit auf die Vergangenheit zu konzentrieren. Sie verhindert in gewisser Weise, dass wir unseren Blick wieder auf die Zukunft lenken, und zwar so lange, wie wir uns nicht von dem befreit haben, was uns in der Vergangenheit festhält – einer Vergangenheit, die genau
deswegen «nicht vergeht», die sich in den wiederkehrenden Forderungen der Schuldner immer wiederholt (was einer der Gründe dafür ist, dass die Thora das Ausleihen von Geld gegen Zinsen verbietet). Der Umstand, seine Schulden nicht bezahlt zu haben, steht darüber hinaus der Möglichkeit der Reue im Wege, denn etwas zu bereuen bedeutet eben genau, eine Zukunft anstreben zu können, die sich von der Gegenwart und der Vergangenheit unterscheidet. Wenn unser Leben also von der Pflicht zur Schuldenrückzahlung überschattet wird, ist es uns unmöglich, von einem neuen, entlasteten Ausblick und der Fähigkeit, einen gewissen Abstand zu gewinnen, zu profitieren und uns von der Wiederholung und Monotonie unserer Aktivitäten zu lösen. Daher stammt die Notwendigkeit eines Neujahrs für die Menschen Israels, und dies soll uns zu einem neuen Blickwinkel auf unsere finanziellen Verpflichtungen und Schulden
ermutigen.
Der zentrale Platz, der der Teschuwa, der Reue, sowohl an Rosch Haschana wie an Jom Kippur eingeräumt wird, bedingt unter anderen Voraussetzungen, um überhaupt bereuen zu können, die Beachtung der «vier grundlegenden Schuldigkeiten», für welche die vier Jahresanfänge stehen. Rosch Haschana rekapituliert diese, um zu bezeugen, dass die Existenz einer Gemeinschaft und sogar einer Nation sowohl ein Mittel für die Verwirklichung eines globalen Vorhabens für die Menschheit als auch ein «Labor» für die Beziehungen zu anderen in ihrer Zugehörigkeit zur Natur, zu vergangenen Zeiten und zur Welt ist.
Möge Gott unsere Gebete des Monats Tischri und unsere Wünsche für Gesundheit und Erfolg eines jedes Mitglieds unserer Gemeinschaft und für Frieden für 
Israel in Erfüllung gehen lassen.