Arafats wahre Kriegsmotive

von Charles Krauthammer, October 9, 2008
Kämpfe seien im Nahen Osten ausgebrochen, lesen wir. Diese Methode der passiven Formulierung, die wir bei fast allen Medien-Berichten über die Gewalt in Israel antreffen, ist eine Art, vorsätzlich die Ursache der Kämpfe unter den Tisch zu wischen.

Es ist ein Skandal. Etwa vergleichbar mit der Formulierung, dass am 1. September 1939 an der deutsch-polnischen Grenze der Krieg «ausbrach».Nur wenige Kriege brechen spontan aus, und bei diesem war dies sicher nicht der Fall. Glaubt wirklich jemand, dass Ehud Barak, der den Palästinensern in Camp David Friedensbedingungen von atemberaubender Grosszügigkeit offerierte, einen Krieg vom Zaun brechen würde? Glaubt wirklich jemand, dass die «taubenhafteste» in Israels Geschichte, die sich nur noch Zentimeter von einem dauerhaften Frieden entfernt wähnte, Kanonenduelle starten würde?

Die einfache Tatsache ist die, dass der durch seine Ablehnung von Baraks Offerte (zum Erstaunen und zur Bestürzung der amerikanischen Vermittler) diplomatisch in die Defensive geratene Yasser Arafat das getan hat, was er schon immer zu tun wusste: Er griff zur Gewalt, um die Initiative wieder an sich zu reissen, und - am wichtigsten - um durch die Schaffung neuer minderjähriger Märtyrer vor der Welt-TV-Kamera die internationale Sympathie zurückzugewinnen, die er durch die Rückweisung des Friedens in Camp David verloren hatte.

Vordergründige Spontanität
Sein Vorwand war der Besuch von Israels Oppositionsführer auf dem Tempelberg, der den Islam so beleidigt habe, dass die Gläubigen zur Gewalt griffen. Die Kühnheit dieser Behauptung erstaunt. Gewiss, der Tempelberg ist die drittheiligste Stätte des Islams. Zufälligerweise ist sie aber auch die heiligste Stätte der Juden. Ist der Anspruch der Moslems so viel stärker als alle anderen, dass die Juden keinen Fuss auf ihre heiligste Stätte, auf ihr Mekka, setzen dürfen? Der anschliessend folgende Krieg war etwa so spontan wie eine Demonstration in Havanna. Der Prediger der el-Aqsa Moschee rief während des Freitagsgebets dazu auf, «die Juden aus Palästina auszurotten». Das offizielle palästinensische Fernsehen zeigte wieder und wieder Archivmaterial von der Intifada der Jahre 1987–93; junge, steinewerfende Leute in den Strassen.
Für den Fall, dass man die Botschaft noch nicht verstanden hatte, begann die Radiostation «Voice of Palestine», patriotische Kriegslieder auszustrahlen. Dann schloss Arafat die Schulen und rief einen Generalstreik aus, was alle auf die Strassen brachte. Als nächstes orchestrierte Arafats politischer Chef in der Westbank die Milizen, und dann konnte der Krieg «ausbrechen».
Die Tauben sind vor den Kopf geschlagen. Knessetsprecher Avraham Burg, einer der Architekten der über alles bisherige hinausgehenden Friedensvorschläge der Arbeitsparei-Regierung, schreibt verwirrt und voller Emotionen: «Begreifen wir wirklich, was sich abspielt? Nachdem wir bereits alles gegeben hatten, hat die Gegenseite noch immer Forderungen. Plötzlich entdeckten wir, dass unser Verständnis vom Frieden - gegenseitige Versöhnung - nicht mit dem Verständnis der anderen Seite übereinstimmt.»

Arafats sieben Jahre
Plötzlich? Wo war Burg die letzten sieben Jahre? Sieben Jahre, in denen Arafat seine «Polizei» zu einer 40 000köpfigen Armee ausbaute, die jetzt auf Israel losgelassen worden ist. Sieben Jahre, in denen Arafat wiederholt sagte, der Friedensprozess sei eine Option, und würde er nicht erhalten, was er wollte, dann gebe es noch eine andere. Sieben Jahre, in denen sein Fernsehen, sein Radio, seine Zeitungen - alle Medien staatlich kontrolliert - und jetzt auch die Schulbücher, seinen Leute eine derart virulente Form des Antisemitismus und des Anti-Zionismus einimpften, dass eine neue Generation herangewachsen ist, die in unbeugsamer Feindschaft zu Israel erzogen wurde. Sieben Jahre, in denen Arafat immer wieder zum «Jihad» (heiligen Krieg) um Jerusalem aufrief. Nun, dieser Krieg ist nun da, denn das ist die wirkliche Bedeutung des gegenwärtigen Gewitters: Wie die Palästinenser es offen nennen, ein Krieg um Jerusalem. Nicht, wie die Weltpresse es unablässig berichtet, ein Ausdruck palästinensischer «Frustration». Frustriert worüber? Über Israels Besatzung? Die ist schon seit Jahren zu Ende: 90% der Palästinenser leben unter Arafats Herrschaft. Über Gebiete? Barak hat praktisch die ganze Westbank abgetreten. Über politische Unterordnung? Barak hat die volle Anerkennung des ersten unabhängigen Palästinenserstaat der Geschichte offeriert.Die Palästinenser sind viel weniger frustriert, als ermutigt. Und zwar durch eine israelische Regierung, die so verzweifelt den Frieden will, dass sie, wie Burg zugibt, «alles» aufgegeben hat. Ermutigt durch die Nutzlosigkeit Burgs und seiner Kollegen, die so lange kein Gefühl hatten für die empirische Existenz der palästinensischen Unerbittlichkeit, dass sie in diesem Moment der schlimmsten Krise ihre Desorientierung offen zugeben.
Ermutigt durch eine amerikanische Administration, die so feige ist, dass sie sich weigert, Arafat für die zynische Anzettelung dieses Krieges zu verurteilen, bzw. dafür, wiederholt die einzige in Oslo eingegangen Verpflichtung zu verletzen: Den Verzicht auf die Gewalt.
«Nachdem wir alles gegeben hatten», klagt Burg. Ja, alles, ein letztes Stückchen ausgenommen: Den Tempelberg. Warum? Barak geriet auch da ins Wanken. Er offerierte die Aufgabe de Souveränität über diese heiligste jüdische Stätte und deren Internationalisierung unter dem UNO-Sicherheitsrat.

Arafats Menschenopfer
Arafat weigerte sich. Mit atemberaubender Kühnheit fordert er den Besitz der heiligsten Stätte des Judentums. Daher der Krieg.Er ist nicht spontan. Und nicht ohne Richtung. Arafat weiss, was er will, und er ist bereit (wenn möglich vor den TV-Kameras) so viele seiner Leute zu opfern, wie es braucht, bis er hat was er will.

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