Arafat und der zionistische Traum
Sollten wir im Laufe des nächsten Jahres mit einem Abkommen über die Gründung eines Palästinenser-Staates überrascht werden, müsste man Yasser Arafat mit dem Entzünden einer Kerze am nächsten Jom Ha\'azmaut auf dem Herzl-Berg beehren. 52 Jahre nach der Deklaration von Israels Unabhängigkeit hält dieser Mann den Schlüssel zur Vervollkommnung des Sieges des Zionismus in Händen. Die Freude über die Anerkennung des Jüdischen Staates durch die Welt am 29. November 1947 wird solange unvollkommen sein, wie Arafat nicht ein Abkommen unterzeichnet, das die Grenze zwischen Israel und Palästina definiert. Sadat gab Israel Frieden, König Hussein öffnete ihm seine östliche Grenze, und Assad kann Sicherheit für den Norden liefern. Arafat verkündet die Anerkennung der legitimen Existenz des Staates Israel innerhalb vereinbarten Grenzen.
Solange Israel sich nicht von der Schmach der Besatzung befreit, wird es nicht die volle Unabhängigkeit geniessen und von seinen Nachbarn nicht voll anerkannt werden. Solange es an den Grenzen von 1967 und an den unilateralen Tatsachen festhält, die es in den Gebieten geschaffen hat, wird Israel kein Staat wie die anderen Staaten sein. Ein Friedensabkommen aber, das mit einer in der Hauptstadt Palästinas sitzenden Regierung unterzeichnet wird, wird Jerusalem von einer Hauptstadt in den Augen der Juden zu einer Hauptstadt wie alle anderen transformieren. Ein Abkommen, das die Probleme der über den ganzen Nahen Osten verstreuten palästinensischen Flüchtlinge löst, wird die Region öffnen für das Land, das ein Zufluchtshafen für das jüdische Volk war.
Die Visionäre und Gründer Israels träumten nicht von der Errichtung eines Palästinenser-Staates auf Teilen der Westbank und des Gazastreifens. Am 3. Juni 1967, nicht zu sprechen vom 5. Ijar 5708 (14. Mai 1948, Gründungstag Israels), hätten wir blindlings einen unabhängigen Staat gekauft, der sich über 80 Prozent des Territoriums zwischen Mittelmeer und Jordanfluss erstreckt hätte. Damals lebten in Palästina 630 000 Juden und 540 000 Araber. Wäre hätte damals geglaubt, dass ein palästinensischer Führer eines Tages damit einverstanden sein würde, ein Abkommen zu unterzeichnen, das auf viele Jahre hinaus die demografische Überlegenheit der Juden in einem zionistischen Staat verankern würde? Die Gründung eines Palästinenser-Staates in der Westbank und dem Gazastreifen wird der Höhepunkt des Traumes von einem Gross-Palästina sein. Das darf natürlich nicht gleichgesetzt werden mit der Akzeptanz der zionistischen Idee. Vielmehr ist es die Anerkennung von Israels militärischer, politischer und wirtschaftlicher Überlegenheit und ein Akt, der die Beschränkungen der arabischen Macht zur Tatsache macht.
Hat Israel sich erst einmal der Besatzung entledigt, wird es seine Mittel voll für die Behandlung der sozialen Krisen einsetzen können, welche die Politiker heute immer unter den Teppich der Sicherheit kehren. Arafats Interesse an der Erlangung der palästinensischen Unabhängigkeit wird es Israel ermöglichen, sich mit Fragen der nationalen und religiösen Identität zu befassen, die das interne Netz der jüdischen Gesellschaft zu zerreissen droht. Zur Routine werdende Beziehungen mit einem Palästinenser-Staat werden die Politiker, Akademiker und die Medien zwingen, sich der nicht zu übersehenden Kluft zwischen jüdischen Bürgern Israels und der arabischen Minderheit zuzuwenden. Die Errichtung Palästinas wird die Gelegenheit bieten, Israel zu einem Staat all seiner Bürger zu machen - wenn schon nicht in Deklarationen, dann zumindest in der Praxis. Dann könnten vereinbarten Bewilligungen für palästinensische Bürger, die Grenze zwischen den beiden Staaten zu passieren, Israel der schweren ethischen und sozialen Kosten entledigen, die mit der Beschäftigung von hunderttausenden von Gastarbeitern verbunden sind.
Der israelische Premierminister sollte an der Zeremonie zur Erklärung der palästinensischen Unabhängigkeit eine Kerze entzünden können. Hätte Israel die Gebiete nicht von Jordanien erobert und die «aufgeklärte Besatzung» geschaffen, wären die Bewohner der Westbank und des Gazastreifens bis heute vielleicht jordanische und ägyptische Bürger zweiter Klasse. In den 33 Jahren unter der Kontrolle Israels, in seinen Gefängnissen, Küchen und auf seinen Baustellen, ist in den palästinensischen Herzen eine Sehnsucht nach Freiheit gewachsen. Neben aller Misshandlung und Ausbeutung haben die Palästinenser auch gelernt, wie verfolgte Flüchtlinge einen beeindruckenden Staat errichten können.52 Jahre nachdem es seine Unabhängigkeit erlangt hat, kann Israel es sich erlauben, der Bildung eines neuen unabhängigen Staates zuzustimmen.
Der Autor ist politischer Redaktor der Zeitung «Haaretz».