Arafat opfert seine Kinder
Alle israelischen Regierungen und Koalitionen waren sich, ungeachtet ihrer Zusammensetzung, in einem Punkte immer einig: In der extremen Unzulänglichkeit der Public Relations-Richtlinien des Landes. Meistens musste der Vorwurf nicht den mit der Umsetzung dieser Richtlinien beauftragten Agenturen gemacht werden. Bis heute war der Grund für die anhaltenden Misserfolge immer in den konkreten politischen Schritten eines konkreten Momentes zu suchen, und nicht in der Art, wie diese Schritte gegenüber einem nicht-jüdischen Publikum erklärt und interpretiert worden sind. Diesmal aber ist die Situation grundverschieden. Vor dem Hintergrund von Baraks kühnem Unterfangen, auf der Suche nach dem Frieden keinen Stein an seinem Ort zu lassen, und mit Zurückhaltung auf die Beschiessung des Süd-Jerusalemer Viertels Gilo durch die Palästinenser sowie auf die Entführung von drei IDF-Soldaten durch die Hizbollah zu reagieren, haben die Palästinenser die jüngsten blutigen Unruhen vom Zaune gebrochen.
Einige Mitglieder des linken Lagers in Israel bekunden zugegebenermassen einige Mühe mit der Tatsache, dass die Regierung die Verantwortung für die derzeitige Situation zu 100% Yasser Arafat überbindet. Laut ausländischen Diplomaten jedoch verhinderte Baraks Friedenspolitik das Abbröckeln der Unterstützung ihrer Regierungen für Israel. Man kämpft also um die öffentliche Meinung in der ganzen Welt.
Indem sie die unverzügliche Rückberufung von Shmuel Siso, des israelischen Generalkonsuls in New York forderte, hat Immigrationsministerin Yuli Tamir einmal mehr die Aufmerksamkeit auf die Schwäche der israelischen PR-Bemühungen gelenkt. Ist aber Siso schlechter als David Ivry, Israels Botschafter in Washington, der amerikanische TV-Kameras wie die Pest meidet? Noch peinlicher sind die öffentlichen Auftritte Dror Zeigemans, des Botschafters Israels in London.
Die Achillesferse der israelischen PR-Kampagnen sind weniger Israels Repräsentanten im Ausland als vielmehr die Richtlinien, denen sie zu folgen haben. Zweifelsohne vermitteln Bilder junger, steinewerfender Kinder eine viel mächtigere PR-Botschaft als die Bilder von IDF-Soldaten, die sich vor diesen Jugendlichen mit Gummikugeln zu schützen suchen. Ziehen wir jedoch in Betracht, wo Israel bei Ausbruch der el Aqsa-Intifada gestanden hatte - die ganze westliche Welt sah in Barak eine den Frieden jagende Persönlichkeit, in Arafat dagegen einen uneinsichtigen Partner im Friedensprozess - dann sehen wir, dass wir den negativen PR-Einfluss auf Israels Image hätten minimieren können.
Die von Israel vorgebrachten Argumente sind durchaus korrekt. Es ist sicherlich absurd, dass palästinensische Polizeioffiziere, die Feuerwaffen mit Israels Zustimmung erhalten haben, mit diesen Waffen auf Israelis schiessen sollten. Das ist logisch, doch wer kümmert sich effektiv noch um Logik? Ferner ist auch die Behauptung absurd, Arafat könne die Tanzim-Milizen nicht kontrollieren und habe nichts gewusst von den Vorbereitungen zu den blutigen Zusammenstössen. Das muss selbstverständlich Bestandteil von Israels PR-Antwort sein, auch wenn es die öffentliche Meinung im Westen kaum beeinflussen wird.
Damit aber noch nicht genug. Arafat hat ein dem ehemaligen israelischen Premierminister Yitzchak Rabin schriftlich gemachtes Versprechen gebrochen. Er hatte Rabin nämlich sein Wort gegeben, auch dann auf Gewalt zu verzichten, wenn die Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern in eine Sackgasse geraten. Mit der Entlassung aber von Mitgliedern von Hamas und des Islamischen Jihads aus palästinensischen Gefängnissen gab Arafat ein klares Signal dafür, dass Israelis nun ein legitimes Ziel für die palästinensische Wut geworden sind, sogar auf terroristischer Ebene.
Das Problem ist aber, dass alle vorgenannten Argumente, so solide sie auch sein mögen, abgegriffen sind und nicht ausreichen, um die Wirkung des Bildes eines von einem israelischen Soldaten verwundeten palästinensischen Kindes zu neutralisieren.
Wollen wir den PR-Krieg gegen die Palästinenser gewinnen, d.h. wollen wir die Kluft zwischen den kalten, knallhart-logischen israelischen Argumenten und den blutrünstigen Fotos schliessen, die den Palästinensern einen deutlichen Vorsprung einräumen, dann braucht Israel eine aggressive, zeitlich gut abgestimmte und orchestrierte PR-Kampagne.
Israels PR-Aktivisten, ob sie nun mit goldener Zunge sprechen oder eher holprig, hätten sich an palästinensische Mütter wenden und sie auffordern müssen, Arafat nicht zu gestatten, ihre so schrecklich exponierten, nur mit Steinen und Molotow-Cocktails bewaffneten Kinder gegen IDF-Soldaten los zu lassen. Israels PR-Aktivisten hätten die rhetorische Frage stellen sollen, warum Arafat nicht von den palästinensischen Eltern verlangt hat, ihre Kinder zuhause zu behalten. Zudem hätten sie für die arabischen und vor allem die westlichen Medien einen neuen Begriff formulieren sollen: Die «Opferung des Ishmaels». Das hätte die zynische Entscheidung Arafats, der effektiv die Kinder des palästinensischen Volkes als Pokerkarte einsetzt, treffend umschrieben.
Eine gut geplante und, noch wichtiger, neuartige PR-Kampagne würde Arafat von einer total unerwarteten Seite attackieren: Sie würde ihn als Opferer von Kindern hinstellen, natürlich von Kindern aus armen Familien und nicht von Kindern palästinensischer Führer, welche persönliche Privilegien in Israel geniessen.
Hätten alle offiziellen israelischen Sprecher dieses Argument benutzt, wären einige der blutrünstigen Fotografien zu Bumerangs gegen Arafat geworden. Kein Medium der Welt ist je daran interessiert, der Frage ernsthaft auf den Grund zu gehen, warum Tanzim-Milizen das Feuer gegen israelische Soldaten eröffnet haben. Würden sich aber israelische Kabinettsmitglieder auf ein Argument konzentrieren, das Arafat dort attackiert, wo er am wenigsten geschützt ist, und wenn sie dieses Argument immer und immer wieder wiederholen, dann könnten sie die palästinensischen PR-Erfolge wettmachen.
Um dieses Ziel zu erreichen, benötigt Israel eine aggressive, gut geplante, unablässige und konsistente PR-Politik. In diesem so entscheidenden Bereich jedoch benimmt Israel sich total amateurhaft, so als ob es nicht die geringste Ahnung davon hätte, wie man eine PR-Kampagne führt.
Haaretz