Arabischer Herbst in Manhattan
«Wer vor der Arbeit plant, erspart sich Reue.» Dieser kluge Satz steht am Rande einer weissen Keramikplatte aus dem zehnten Jahrhundert, die seit dem 1. November im New Yorker Metropolitan Museum of Art zu sehen ist. Das rare Stück ist nur eines von 1200 Exponaten im nach achtjähriger Renovierung neu eröffneten «Islamischen Flügel» des Met, der nun offiziell «Galerien für die Kunst der arabischen Länder, der Türkei, Irans, Zentralasiens und des späteren Südasien» heisst. Der neue Name geht schwer von der Zunge, ist den Gegenständen und ihrer Darbietung jedoch absolut angemessen. Offensichtlich hat sich das «Met» den Leitspruch auf der Keramik zu Herzen genommen und vor der Renovierung des alten, 2003 geschlossenen «Islamischen Flügels» im Südosten des monumentalen Hauses gründlich über die Geschichte und den Einfluss dieser Weltreligion nachgedacht.
Der Leser dieser Ausgabe würde bei einem Met-Besuch einer Sichtweise der «islamischen Kultur» begegnen, der in den folgenden Seiten auch Navid Kermani entschieden das Wort redet: Wurden die über viele Jahrzehnte an der Fifth Avenue Manhattans zusammengetragenen Kunstschätze früher als Ausdruck einer monolithischen Lebenswelt präsentiert, die von Marokko bis nach Indien und Zentralasien hinein vom Koran geprägt wurde, so entfalten die Galerien nun einen in seiner Komplexität atemberaubenden Reichtum. Beim Gang durch die 15 Ausstellungsräume wird nachvollziehbar, dass sich unter dem Überbegriff «islamische Kultur» ein komplexes Spiel von Reaktionen verbirgt, bei dem sich regionale Akteure in unterschiedlichen Epochen ihr jeweils eigenes Bild dieses Glaubens geschaffen haben. Dabei verflüchtigt sich die Idee, dass der Islam in seinem rasanten Siegeszug quasi halbe Kontinente in die Symbolfarbe grün getaucht und regionale Akzente ertränkt hat.
Die Galerien sind nach Regionen und Epochen organisiert. So sind eingangs die arabischen Länder und Iran unter den Umayyaden und Abbasiden zu erleben. Danach folgen Iran und Zentralasien im 9.–13. Jahrhundert, Ägypten und Syrien im 10.–16. Jahrhundert sowie Spanien, Nordafrika und das Westliche Mittelmeer vom 8.–19. Jahrundert, zudem mehrere Abteilungen über Südasien. Dabei wechseln sich in klassischer Manier in Vitrinen ausgestellte Stücke mit Räumen ab, die von zeitgenössischen Kunsthandwerkern aus Marokko oder Spezialisten im Met gestaltet oder renoviert worden sind. Der Besucher taucht daher in ganz unterschiedliche Sphären ein und kann eine abstrakt ornamentierte Decke in Rot, Gold und Blau aus der Endphase des maurischen Spaniens ebenso erleben wie den «Damaszener Raum», der aus dem Haus eines syrischen Kaufmannes des 18. Jahrhunderts stammt.
Die Planer und Restauratoren im Met haben ihre Arbeit unter dem Eindruck von «9/11» aufgenommen, diese Herausforderung jedoch als Chance begriffen. So fiel das Team um die Kuratorin Sheila Canby und Projektleiterin Navina Najat Haidar nicht in das naheliegende Extrem, den Faktor Religion hinter der Pracht in den Galerien zu verstecken. Die Macht des Glaubens wird in der Kalligraphie und den abstrakten Mustern evident, die sich über eine Viezahl der Exponate ziehen und beim Gang durch die Räume als eine Art Bindegewebe begreifbar werden. Dafür stellt eine Gebetsnische aus dem Iran um 1350 eines der schönsten Beispiele dar. Dieser «Mihrab» ist von der benachbarten Abteilung für die europäische Malerei des 19. Jahrhunderts aus sichtbar, die bekannte Gemälde des «Orientalismus» zeigt. Auch dieser Querverweis spricht für die Denkarbeit der Met-Planer, die den renovierten Flügel so spannend und lehrreich hat werden lassen.
Gleichzeitig brechen etliche Exponate aus der Vorstellung aus, der «bildfeindliche» Islam habe die Darstellung von Personen unterbunden. Dieser Sicht widerspricht etwa ein spektakuläres Aquarell aus dem indischen Mughalreich um 1630, das die Göttin Bhairavi Devi mit dem Kriegsgott Shiva auf einer verwüsteten, mit Gebeinen und Bränden übersäten Landschaft zeigt. Das Werk wurde auf Geheiss von Shah Jajan gemeinsam von den Malern Payag und Abid geschaffen und war ein Geschenk des muslimischen Königs für den Hinduherrscher Rana Jagat Singh in Rajastan. Auch die Künstler waren unterschiedlichen Glaubens – Payag war Hindu, Abid Muslim. Eine solche Zusammenarbeit über die Religionen hinweg war jedoch kein Einzelfall. Das Aquarell macht deutlich, dass Künstler nicht wie Marionetten von ihren Religionen ferngesteuert worden sind. Sie arbeiteten in breiter aufgestellten Kulturen, in denen der Islam einer von diversen Faktoren war.
Dies wird auch in einem Exponat deutlich, dass ebenso winzig wie bezaubernd ist: Als Leihgabe der «Hispanic Society of America» zeigt das Met eine Miniaturbibel aus der Hand von Moshe ben Ya´akov Qalif aus dem Jahr 1472. Der sephardische Schreiber hat das Büchlein im bereits von den Christen wiedereroberten Sevilla geschaffen. Aber dank seiner mit dem blossen Auge kaum erkennbaren abstrakten Ornamente könnte diese Bibel auch ein Koran sein. ●
Andreas Mink ist USA-Korrespondent der Jüdischen Medien AG.