Appell ans Gewissen
Der Anlass sollte mehr sein als die Zusammenkunft schöner Worte, er sollte vielmehr auch Taten bewirken: Am Freitag voriger Woche haben am Sitz der Unesco in Paris über 200 Persönlichkeiten aus Europa und der arabisch-muslimischen Welt das Projekt Aladdin lanciert. Dieses zielt vor allem durch die Verbreitung von Werken in arabischer, persischer und türkischer Sprache darauf ab, die Holocaust-Leugnung in der muslimischen Welt zu bekämpfen. So sind nun erstmals das «Tagebuch der Anne Frank» sowie Werke von Primo Levi auf Arabisch und Farsi übersetzt worden und über die Website des Projekts zu beziehen. Die anwesenden Politiker und offiziellen Repräsentanten von arabischen Staaten wie Ägypten, Marokko, Tunesien, Türkei oder Bosnien-Herzegowina wollen tatkräftig mithelfen, dass die Bücher unter die Leute kommen.
David de Rothschild, Präsident der Stiftung zur Erinnerung an die Schoah, erklärte in seiner Einführungsrede: «Angesichts der Negierungswelle (...), die vor allem in gewissen zwar begrenzten, aber einflussreichen Kreisen der arabisch-muslimischen Welt entspringt, haben wir beschlossen, zu reagieren, indem wir zuerst das Manko an historisch zuverlässigen Informationen zur Schoah sowohl in arabischer wie persischer und türkischer Sprache beheben.»
Widerstand gegen Antisemitismus
Abdoulaye Wade, Präsident Senegals und der Organisation der islamischen Konferenz, sagte in seiner Rede, dass das Projekt Aladdin sich verdient mache, indem es sich auf die Kultur, die Bildung und die Information als Mittel zum Kampf gegen die Verleugnung stütze. Er machte dabei auch auf die verblüffenden Parallelen zwischen der Holocaustleugnung und dem Revisionismus zu den Themen der Sklaverei und des Kolonialismus aufmerksam. «Ich freue mich, dass das Projekt Aladdin einen Raum für den jüdisch-muslimischen Dialog schaffen möchte», fügte er hinzu.
Auch André Azoulay, Berater des ebenfalls anwesenden Königs Mohammed VI. von Marokko und Präsident der Anna-Lindh-Stiftung, ergriff das Wort. Als Vertreter seines traditionell offenen, toleranten und multikulturellen Landes unterstrich er die Notwendigkeit, den Auswirkungen der Verleugnung eine ethische und universelle Antwort gegenüberzustellen. Der Widerstand gegen den Antisemitismus und die Leugnung sei untrennbar mit dem Widerstand gegen die Islamophobie verbunden. «Unsere Zusammenkunft ist jene des Bruches mit dieser Kultur des Vergessens, die während langer Zeit das verdeckt hat, was Marokko und andere Länder des arabisch-muslimischen Raums dem Rest der Welt zu sagen wussten, als in Europa die Barbarei vorherrschte, indem sie sich zum Humanismus, zur Aufnahme und zur Solidarität mit den Opfern des Nazismus bekannten.»
Den Dialog fördern
Bereits zuvor sagte die Generalsekretärin der Stiftung, Anne-Marie Revcolevschi, gegenüber der französischen Presseagentur: «Die Stiftung hat festgestellt, dass Websites zum Thema Leugnung der Schoah in Arabisch und Persisch in Folge der Erklärungen des iranischen Präsidenten und der Mohammed-Karikaturen stark zugenommen haben. Es handelt sich hier nicht mehr nur um ein Instrument der Delegitimierung des Staates Israel.»
Einer der Paten des Projekts, der frühere französische Präsident Jacques Chirac, gab seiner «Unruhe» darüber Ausdruck, dass «gewisse Leute hier, bei uns in Europa, sagen können, dass die Geschichte der Schoah nicht die Ihre sei, dass sie Geschichte und das Problem der Juden sei.» In seiner Ansprache sagte er: «Wir müssen gegen diese unerträgliche Art der Erinnerung ankämpfen.» Er zeigte sich erfreut darüber, dass das Projekt die Fähigkeit der jüdischen und muslimischen Gemeinden unter Beweis stelle, sich zu finden, zu verstehen und zu akzeptieren. «Aladdin ist ein Appell an den
Dialog, an das gegenseitige Verständnis.»
In seiner fulminanten Ansprache warnte Chirac davor, dass gerade auch in Nahost Kinder auf allen Seiten mit Stereotypen und Vorurteilen gegenüber anderen Ethnien, Kulturen und Religionen erzogen würden. Ebenfalls unterstützten Ägyptens Kulturminister Farouk Khonsi und Frankreichs Justizministerin Rachida Dati in ihren Ansprachen und Grussbotschaften ihrer Präsidenten Muhammad Husni Mubarak und Nicolas Sarkozy das Projekt mit Nachdruck. Khonsi betonte gegenüber tachles, dass Bemühungen laufen, um die Holocaustliteratur etwa in Ägypten zu verbannen.
Appell an das Gewissen
Die 200 anwesenden Persönlichkeiten verabschiedeten einen «Appell an das Gewissen», das die ehemalige französische Ministerin und Holocaustüberlebende Simone Veil, Jacques Chirac und Abdoulaye Wade unterzeichneten. Im Dokument heisst es unter anderem: «Wir bekräftigen ohne Berücksichtigung jeglicher politischen Überlegungen unseren Willen, die historische Wahrheit zu verteidigen, denn auf der Lüge kann kein Friede aufbauen. Die Schoah ist eine historische Tatsache, sie ist der Genozid, in dessen Verlauf sechs Millionen Juden Europas vernichtet wurden. Die Negation ist ein Verbrechen gegen die Erinnerung.» So steht es in diesem Appell, dessen «universelle Tragweite» betont wird. Ferner wird «der gemeinsame Wille, einen aufrichtigen, offenen und brüderlichen Dialog zu fördern», wie auch die Tatsache, «dass die Israeli und die Palästinenser ein Recht auf ihren Staat, ihre Souveränität und ihre Sicherheit haben und es angebracht ist, jeden Friedensprozess zu unterstützen, der solche Ziele verfolgt», bekräftigt. Ferner heisst es: «Es gibt keinen Frieden, wenn die Nachbarn Israel nicht anerkennen werden.»
Mit eindrücklichen, persönlichen Worten unterstrich Simone Veil die Bedeutung des Projekts und forderte die Anwesenden auf, den Dialog nachhaltig weiterzuführen und Aufklärung zu betreiben.
www.aladdinlibrary.org