Antifaschismus gepredigt und Faschisten gedeckt
Offiziell führten die sozialistischen Länder und mit ihnen auch die ehemalige CSSR einen unerbittlichen und an Reden reichen Kampf gegen den Faschismus. Wie sehr dieser Kampf im Kommunismus mitunter zu einer ideologischen Hohlformel geworden war, ist nicht unbekannt. Nun ist es aber erstmals gelungen, einen Fall, in dem die tschechoslowakische sozialistische Republik einen Kriegsverbrecher vor dem ihm zustehenden Prozess bewahrte, in strafrechtlicher Hinsicht zu belegen. Wie tschechische Medien Ende letzten Jahres erstmals meldeten, ist damit ein Durchbruch gelungen: Zwei ranghohe kommunistische Funktionäre, ein ehemaliger Vizeinnenminister und ein stellvertretender Generalprokurator, sollen zur Verantwortung gezogen werden. Sie sollen dem tschechischen Amt für die Dokumentation und Aufklärung der Verbrechen des Kommunismus (UDV) zufolge die einzigen sein, die heute noch konkret belangt werden können.
Es geht um Werner Tutter. Der 1909 geborene Böhmendeutsche, seit 1938 Angehöriger der SS, war in den Jahren 1944 und 1945 als stellvertretender Kommandant einer Einheit zur Partisanenbekämpfung für die Ermordung von mindestens 92 Personen verantwortlich. Tutters «Einheit Josef» wütete auf dem Gebiet des heutigen Polen, der Slowakei und Mährens; das Kommando hiess offiziell «SS-Slowakei» und sein Kommandant war der Sudetendeutsche Walter Pawlowski. Im mährischen PloÎtina bei Zlín ereignete sich am 19. April 1945 das vielleicht brutalste Massaker dieser Einheit. Die Zivilbevölkerung wurde damals in zuvor in Brand gesetzte Häuser getrieben und verbrannte lebendigen Leibes. Diese grausame und zu trauriger Berühmtheit gelangte Aktion - Tutters Figur wurde im Roman von Ladislav Mako, «Der Tod heisst Engelchen», dargestellt, der 1963 verfilmt worden ist - tauchte später jedoch in den Angaben, die die NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg auf Anfrage erhielt, zur «Sicherheit» gar nicht auf. Und das obwohl gerade die ostmährische Siedlung PloÎtina vom kommunistischen Regime zu einer Legende des Partisanenwiderstands stilisiert worden war. Auf dem nahen Hügel hatte man ein Denkmal errichten lassen, bei dem regelmässig Reden über die antifaschistische Gesinnung gehalten wurden. Doch während vor den Kulissen das Andenken an den skrupellosen Nazi-Feind gepflegt wurde, war derselbe Tutter zynischerweise hinter den Kulissen nicht nur als Geheimagent beim Staat angestellt, dieser Staat tat auch alles dafür, dass Werner Tutter seiner Strafe bis zu seinem Tod 1983 entging.
Werner Tutter war 1948 wegen Kollaboration mit den Deutschen (die Kriegsverbrechen gelang es ihm zu vertuschen) zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, wurde 1953 vom tschechischen Geheimdienst angeworben und anschliessend als Agent nach Westdeutschland geschickt. 1962 kamen die Verbrechen, die Tutter während des Krieges begangen hatte, bei einem Prozess gegen die Terroreinheit «Edelweiss» zwar ans Tageslicht und wurden von Zeugen auch bestätigt. 1966 erfolgte in der Tschechoslowakei eine Anklage gegen ihn, es wurde sogar erwogen, seinen Fall zu Propagandazwecken auszuschlachten. Doch dann aber kam der Gesinnungswechsel und das Verfahren wurde von der Generalprokuratur eingestellt.
Offensichtlich war Tutter zu einem ergiebigen Mitarbeiter des Geheimdienstes geworden und konnte nach den Enthüllungen unter noch grösseren Leistungsdruck gesetzt werden. Als sich 1969 ein Kontaktagent Tutters in den Westen abgesetzt hatte, wurde der unter dem Decknamen «Konrád» tätige Agent schliesslich zu riskant. Die Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrecher Werner Tutter wurde eingestellt. Auch in Deutschland wusste man um die Nazi-Vergangenheit Tutters und wollte sie untersuchen. Die CSSR lieferte jedoch die entscheidenden Dokumente nicht nach Deutschland aus; die Gesuche der NS-Fahndungsstelle Ludwigsburg blieben erfolglos. Sein Fall wurde nicht wieder aufgerollt; der sozialistische Staat wollte es sich nicht leisten, sich vor der Weltöffentlichkeit mit diesem Agenten zu zeigen.
Zurzeit könne nicht genau angegeben werden, wie weit oben in der Staatshierarchie die wesentlichen Entscheidungen in Sachen Tutter gefällt wurden, gibt der Vizedirektor des UDV, Pavel Bret, zu bedenken. Einige wollen nicht einmal ausschliessen, dass der Befehl sowjetischen Ursprungs hätte sein können, und Historiker gehen davon aus, dass es weitere ähnliche Fälle gegeben hat. Der Kommandant Walter Pawlowski lebte übrigens nach dem Krieg ebenfalls bis zu seinem Tode in Westdeutschland; auch er musste wohl zur Deckung unenthüllt bleiben.