Anspruchsvolles Renovationsprojekt
Frank Lloyd Wright galt auch mit seinen 86 Jahren noch als klarer Verfechter der modernen Architektur, einer, der jeweils klar ausdrückte, was er dachte. Als er daher erklärte, keine «jüdische Synagoge» entwerfen zu wollen, war das nicht unbedingt die Antwort, die sein Gesprächspartner und potenzieller Kunde, Rabbiner Mortimer J. Cohen von der Gemeinde Beth Shlomo in Philadelphia, zu hören gehofft hatte. Bevor der Rabbiner aber noch etwas sagen konnte, schnitt Wright ihm das Wort ab und meinte, er, der grösste Architekt der USA, wäre bereit, eine «amerikanische Synagoge» zu planen, eine Synagoge für in den USA lebende Juden. «Genau das schwebt mir auch vor», gab Cohen zur Antwort. Und so kam es, dass Cohen und Wright ihr neues Beth Sholom in Elkins Park in Philadelphia bauten. Es sollte eines der letzten Projekte des Architekten werden und seine einzige Synagoge.
Beth Sholom feierte letztes Jahr seinen 50. Geburtstag mit der Eröffnung eines neuen Besucherzentrums, einem Dokumentarfilm über die Geschichte des furchtlosen Rabbiners Cohen und dessen Architekten sowie einer Spendenaktion zur Deckung der langen Liste von Reparaturen und Renovationen, die wahrscheinlich noch dieses Jahr in Angriff genommen werden.
Keine maurische Synagoge
Das Drehbuch zum Film «An American Synagogue» schrieb der Architekt und Filmemacher James Sanders, die Regie lag gemeinsam bei Sanders und der Multimediaspezialistin Alison Cornyn. Das Paar bereitet den Film zurzeit für die Fernseh-Ausstrahlung vor.
Das Interview, das Wright Cohen ursprünglich gewährte, fand 1953 statt, also eine ganze Weile vor der Eröffnung von Beth Sholom 1959. Die dazwischen liegenden Jahre waren angefüllt mit Finanzproblemen, Bauverzögerungen und anderen Schwierigkeiten; Wright starb wenige Monate vor der Vollendung des Gebäudes. Als er noch lebte, gehörte die Zusammenarbeit mit Cohen zu den fruchtbarsten Perioden seiner Karriere. Gemeinsam verfolgten die beiden das Ziel, die Synagoge Beth Sholom zu einer «neuen Sache» zu machen, wie Cohen es in seinem ersten Brief an den Architekten umschrieb. «Wright hatte den Mystizismus der Alten Welt nicht gern, mit dem er das Judentum in Verbindung brachte», erzählt Filmemacher Sanders. «Weder er noch Cohen wollten eine maurische Synagoge errichten.»
Das ist Beth Sholom gewiss nicht. Das Heiligtum ist eine breite, flache Schale, die durch Öffnungen im gewölbten Dach mit Licht gefüllt wird. Am bemerkenswertesten ist der Boden der Synagoge, der in verschiedene geometrische Formen unterteilt ist, die alle in einem anderen Winkel zum nächsten liegen. Das verleiht der Gemeinde, wie Wright es formulierte, das Gefühl, in Gottes Hand zu liegen. Dieses umfassende Gefühl wird unterstrichen durch das etwa in der Mitte des Raums platzierte Rednerpult. Allerdings hatte Cohen in seinen frühen Schreiben an Wright eine andere Position vorgeschlagen.
Ideenreicher Rabbiner
Diese besondere Korrespondenz zwischen Cohen und Wright steht im Mittelpunkt des Films von Sanders und Cornyn. Die intellektuelle Partnerschaft zwischen Rabbiner und Architekt war so tief, dass Wright bei der Präsentation seiner endgültigen Pläne Cohen sogar als Mit-designer des Projekts erwähnte. Für Cohen bedeutete diese Aussage seitens des megalomanen Wright eine präzedenzlose Anerkennung. Angefangen bei der Platzierung des Thoraschreins bis hin zu den symbolhaften Bedeutungen der Dekorationen des Gebäudes erwies sich
Cohen für Wrights Team als reiche Quelle an Ideen.
Die Mission, auf welche Cohen und Wright sich begeben hatten – die Suche nach einer passenden jüdisch-amerikanischen Architektur in einer Nachkriegswelt, in der Amerika sich mehr und mehr zum Zentrum des Judentums entwickelte –, diese Mission ist ein Thema, das Sanders und Cornyn in einer überarbeiteten Version ihres Films noch vertiefen wollen.
Der ursprüngliche Dokumentarfilm spielt im neuen Besucherzentrum von Beth Sholom – das Zentrum selber ist Teil der unvollendeten Arbeit von Cohen und Wright. Die Suche nach einer sowohl modernen als auch jüdischen Architektur hat Beth Sholom mit seiner offenen, lichterfüllten Atmosphäre zu einem Symbol für einen aufgeklärten und demokratischen Glauben gemacht. Aber alles hat seinen Preis: Wasserschäden, oft ein Problem in Wrights Bauten, plagen Beth Sholom seit Jahren. Um diese zu beheben, wird die Gemeinde Geld mobilisieren müssen, und mit dem Besucherzentrum hofft man, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu wecken und Beiträge zu generieren. Auch andere strukturelle Mängel müssen behoben werden. «Das Gebäude ist ein Treibhaus», sagt Emily Cooperman, Architekturhistorikerin, die ausgedehnte Forschungen im Namen der Gemeinde getätigt hat. Heiss im Sommer und kalt im Winter, kann Beth Sholom heute kaum als ein zum Gebet inspirierender Ort betrachtet werden. Das gilt vor allem für ältere Menschen, die einen immer grösseren Anteil an der Gemeinde ausmachen.