Anschlag auf das nahöstliche Mosaik

January 7, 2011

Protest. Dass die muslimische Welt kein monolithischer Koloss ist, sondern ein Mosaik von Ethnien, Kulturen und Stämmen mit zahlreichen nicht muslimischen Einsprengseln, erfährt der Laie zunehmend aus den Nachrichten über Anschläge wie den in der Silvesternacht in Alexandria. Dabei kamen in der St.-Markus-und-Petri-Kirche 21 koptische Christen ums Leben, etwa 100 wurden teilweise schwer verletzt. Viele Indizien sprechen dafür, dass der Selbstmordanschlag von Ägyptern ausgeführt wurde, aber die Al-Qaida-Filiale «Islamischer Staat Irak» ist zumindest als Inspiration für das blutige Verbrechen mit verantwortlich. In Ägypten mit seiner uralten zentralstaatlichen Tradition nehmen islamistische Attacken auf die koptische Minderheit seit Jahren zu. Dabei setzt das Regime von Hosni Mubarak durch seine systematische Benachteiligung christlicher Bürger zumindest missverständliche Signale. Jeder zehnte Ägypter ist Kopte und muss wegen seiner Religion mit lebenslangen Behinderungen etwa bei einer Laufbahn im Staatsdienst rechnen. Dass die Kopten jetzt wütend gegen die Regierung protestieren, hat also nicht allein mit der jüngsten Attacke zu tun, die auch von der fundamentalistischen – und oppositionellen – Muslimbrüderschaft verurteilt wurde.
Attacken. In Irak gab der amerikanische Einmarsch das Startsignal zu anhaltenden Attacken auf nicht muslimische Minderheiten. Diese haben einen Massenexodus der Christen und Yezidi ausgelöst, der an die Flucht der Juden aus arabischen Ländern nach der Gründung Israels erinnert. Die islamistischen Attentäter dürften von Hass auf andere Religionen, aber auch von taktischem Kalkül motiviert sein: ¬Ihre Anschläge sollen die Regierungen in Kairo und Bagdad als schwach entlarven und kommunale Konflikte schüren, die den Extremisten in die Hand spielen. Irak hat seit 2003 eine Homogenisierung entlang ethnoreligiöser Linien erfahren, die das traditionelle Mosaik der Kulturen in kurdische sowie sunnitische und schiitische Territorien zu verwandeln droht. Der damit einhergehende Verlust an menschlichen Kompetenzen und das Ausmass an Traumatisierung sind kaum auszuloten.
Schlaglicht. So gross die Unterschiede zwischen dem immer schon recht homogenen Ägypten und dem höchst heterogenen Kunststaat Irak sein mögen, so werfen die Attacken auf nicht muslimische Minderheiten doch ein Schlaglicht auf die in beiden Ländern klaffende Lücke zwischen Staat und Gesellschaft. In Ägypten mehr als in Irak empfindet die Regierung ihren Bürgern gegenüber kaum Verantwortung, während dem Volk demokratische Wege zum Ausdruck seines Willens fehlen. Da sich die Gesellschaft nicht als Gemeinschaft gleichberechtigter Bürger erfahren kann, erscheinen die Islamisten mit ihrem Versprechen einer Zuflucht im Schoss der «umma» attraktiv. Diese Entwicklung hat viele Wurzeln, lässt sich aber nicht getrennt von der Einmischung äusserer Mächte erklären, speziell der USA. Washington hat seine «Demokratie-Agenda» in Nahost gegen eine Kooperation mit dem autoritären Regime in Kairo ausgetauscht. Doch dieses Zweckbündnis untergräbt die davon erhoffte Stabilität.Irak taucht derweil erst allmählich aus dem durch die Invasion 2003 ausgelösten Chaos auf. Dort besteht zumindest noch die Hoffnung, dass die ethnischreligiöse «Konsolidierung» der Bevölkerung zur Grundlage einer demokratischen Entwicklung wird.