«Annes Welterfolg macht mich glücklich»

Interview Yves Kugelmann, June 4, 2009
Am 12. Juni wäre Anne Frank 80 Jahre alt geworden. Von 1942 bis 1944 war sie mit ihrer Familie in Amsterdam in einem Hinterhaus versteckt. Dort verfasste sie das Tagebuch, das bis heute ein Bestseller ist. Sie starb mit ihrer Schwester Margot 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ein Gespräch mit Buddy Elias, dem Cousin von Anne Frank.
Buddy Elias in seiner Wohnung in Basel «Das Wichtigste ist nach wie vor das Tagebuch selbst, das noch heute überall in der Welt gekauft und gelesen wird»

Aufbau: Sie sind drei Jahre älter als Anne Frank, sind mit ihr aufgewachsen, Sie haben als Kinder zusammen gespielt und regen Briefkontakt gehabt. Was, glauben Sie, wäre aus ihr beruflich geworden, wenn sie überlebt hätte?
Buddy Elias: Schriftstellerin oder Journalistin, davon bin ich fest überzeugt. Gleichzeitig hätte sie sich bestimmt auch sozial stark engagiert, hätte mit Kindern oder mit alten Leuten, denen sie sich schon als Kind grundsätzlich verbunden fühlte, gearbeitet.

Anne Franks Tagebuch ist seit 60 Jahren zeitlos aktuell und packt die Menschen noch heute. Wie können Sie sich das erklären?
Es ist ein grossartig geschriebenes Buch, echte Literatur und zudem Zeitgeschichte. Darüber hinaus sind sechs Millionen eine Zahl in der Statistik, aber mit dem einmaligen, berührenden Schicksal dieses Kindes, das es selbst niedergeschrieben hat, können sich alle identifizieren, die das Buch lesen. Sie hat damit unzählige Menschen an den Holocaust herangeführt.

Das Schicksal Anne Franks wurde x-mal verfilmt, wurde quasi zum Produkt. Wo liegt für Sie die Grenze der Kommerzialisierung?
Die Grenze wurde ganz sicher mit dem Musical überschritten. Das Schicksal der Familie Frank ist für einen Abend der Unterhaltung nicht der geeignete Stoff, auch wenn das Musical noch so rücksichtsvoll gestaltet wurde. Die Quintessenz des Tagebuchs ist Tragik und Trauer, auch wenn es im Leben der Franks im Hinterhaus manchmal Momente des Lachens und der Fröhlichkeit gab.

Und das Theaterstück, das am Broadway aufgeführt wurde und sehr erfolgreich war?
Das Theaterstück, richtig inszeniert, ist sehr ergreifend. Als es in Deutschland nach dem Krieg aufgeführt wurde, herrschte zum Schluss im Saal Totenstille, viele Leute weinten, sie haben dieses Schicksal begriffen. Das ist legitim.

Welche Seiten der Anne Frank, die uns als Leser oder Theater- und Filmzuschauer entgehen, sind wenig bekannt?
Natürlich lernt man durch das Tagebuch nicht das ganze Leben der Franks kennen. In Freiheit waren sie eine ganz normale Familie. Otto war ein hoch gescheiter Mann, ein liebenswerter Vater; Edith war eine sehr reservierte Frau, aber eine sehr gute Mutter. Anne und Margot waren sehr unterschiedlich, Anne war ein kleiner, lustiger, vergnügter Wildfang, während Margot eher das intellektuelle der zwei Kinder war, immer die beste in der Schule, immer sehr ernst. Ich habe als Kind wenig mit Margot gespielt, die viel weniger lebendig war als Anne. Sie und ich waren zwei wilde Kinder und haben uns prima verstanden.

Diese Erinnerungen beziehen sich auf die Zeit, als Sie schon in Basel lebten?
Ja, die Franks kamen vor der Tragödie öfter nach Basel. Zuvor, noch in Frankfurt, war Anne ja noch ein Baby gewesen. Bei diesen Besuchen in Basel war Anne ein sehr liebenswerter, lustiger Spielkamerad für mich, die immer Ideen hatte. Bei ihrem letzten Besuch 1938, in der Wohnung meiner Grossmutter an der Schweizergasse, schlug sie vor, ich solle ein Kleid meiner Grossmutter aus dem Schrank stibitzen, mich als sie verkleiden und sie nachahmen. Sie hat sich enorm amüsiert, wie ich in Grossmutters Kleid und Hut aufgetreten bin …

Sie haben mit ihr regen Briefkontakt gehabt.
Ja, sehr intensiv. Anne war immer eine Schreiberin; wir erhielten von ihr praktisch jede zweite Woche einen Bericht über das, was zuhause und in der Schule vor sich gegangen war.

Heute wäre es undenkbar, dass so junge Kinder Briefe schreiben. War dies
damals normal, oder war Anne hier eine Ausnahme?
Ich denke, sie war eine Ausnahme, andere Kinder haben sicher nicht so viel geschrieben wie Anne. Sie hatte eben schon immer dieses Bedürfnis, sich mitzuteilen.

Hatten Sie und Ihre Familie noch Kontakt mit den Franks, als sie in Amsterdam im Hinterhaus lebten?
Vom Moment an, als sie ins Versteck gingen, herrschte absolute Funkstille. Wir hörten gar nichts mehr von ihnen.

Und wann hörten Sie das erste Mal wieder von ihnen?
Fünf Monate nach der Befreiung Otto Franks aus Auschwitz kam ein Telegramm des Roten Kreuzes, mit dem uns mitgeteilt wurde, dass er dann und dann in Marseille ankomme und bei guter Gesundheit sei. Zwei Jahre hatten wir keine Nachrichten erhalten.

Haben Sie danach von ihm über das Schicksal von Edith, Margot und Anne gehört?
Er war ja bei der Ankunft in Auschwitz von der Familie getrennt worden und wusste bei seiner Befreiung nichts über sie. Durch eine Augenzeugin erfuhr er auf dem Rückweg vom Tod seiner Frau, aber zu diesem Zeitpunkt wartete er noch sehnsüchtig auf seine Kinder – er hatte keine Ahnung über den Verbleib von Margot und Anne. Erst einen Monat später wurde ihm bekannt, dass sie ebenfalls tot waren. Dies hat er uns dann telefonisch mitgeteilt.

Wann haben Sie Otto wieder gesehen?
Er kam 1946 zum ersten Mal wieder. Früher konnte er nicht, denn er hatte ja keine Papiere mehr und konnte nicht reisen. Wir hatten bis Anfang 1946 nur schriftlichen und telefonischen Kontakt.

Blieb er damals gleich in Basel?
Nein, er ging nach Holland zurück, wo er bis 1953 bei Miep Gies wohnte. 1953 zog er dann endgültig zu uns in die Schweiz um.

War für Otto, nachdem er vom Tod der Kinder gehört hatte, sofort klar, dass das Tagebuch veröffentlicht werden muss?
Es war Miep Gies, die das Tagebuch gerettet und – für Anne nach deren Rückkehr – aufbewahrt hatte. Sie hatte nach der Verhaftung der Familie die losen Blätter auf dem Boden eines Zimmers im Hinterhaus gefunden. Die Gestapo hatte nach Wertsachen gesucht und dabei Ottos Mappe, in der das Tagebuch war, ausgeleert. Als Otto zu Miep zurückkehrte und ihr mitteilen musste, dass die Kinder nicht wiederkommen würden, ging sie zum Schreibtisch und nahm das Tagebuch heraus. Sie gab es Otto mit den Worten: «Das ist das Vermächtnis Ihrer Tochter.» Otto begann zu lesen, aber er konnte jeden Tag nur ein paar Seiten lesen, denn es überwältigte ihn, was das Kind geschrieben hatte. Er sagte danach: «Ich habe meine Tochter nicht gekannt, bis ich das Tagebuch gelesen habe.» Und uns allen ging es genau gleich.

Wann haben Sie das Tagebuch zum ersten Mal gelesen?
Otto Frank machte von dem ursprünglich auf Holländisch geschriebenen Tagebuch Übersetzungen und schickte uns ein Kapitel nach dem anderen. Nach und nach habe ich es so gelesen.

Das war wohl einerseits zur Zeit der Trauer um die Toten, anderseits aber auch der Moment der Wahrheit über das, was geschehen war?
Ich habe durch das Tagebuch zum ersten Mal überhaupt erfahren, was alles geschehen war und wie es vor sich ging in diesem Hinterhaus, von dem wir ja nichts gewusst hatten.

Otto Frank setzte sich danach mit Leib und Seele für das Vermächtnis seiner Tochter ein. Ging es ihm darum, dass Anne und ihre Geschichte nicht vergessen gingen?
Es ging ihm weniger um die Geschichte als vielmehr um die Botschaft von Anne, nämlich, dass die Menschheit in Frieden miteinander leben sollte, ganz egal welcher Religion, Nationalität oder Hautfarbe. Das war Annes Botschaft, und auch für Otto war dies das Wichtigste. Er reise viel deswegen, und man sagt, er hätte nach dem Erscheinen des Tagebuchs 30000 Briefe erhalten und jeden einzelnen beantwortet. Nach und nach wurde dieses Tagebuch das, was es heute ist: eines der meist gelesenen Bücher der Weltliteratur.

Entgegen dem, was man erwarten sollte, wurde Otto Frank nicht zu einem verbitterten Menschen, sondern stand für Versöhnung und Dialog.
Ja, er war eine wunderbare Persönlichkeit von seltener Ausprägung. Er machte seine Sache sehr gut, wenn es um Verlage und Ähnliches ging, hatte aber auch jene Seite, die ihn regelmässig zu Strömen von Tränen brachte, wenn er die Briefe las, die er – oft von jungen Mädchen, die das Buch gelesen hatten – bekam. Ich sah ihn so oft weinen, wenn er Briefe öffnete und las.

Auch Jahre nach dem Krieg und der Publikation des Buches?
Ja, es ging ihm immer noch sehr, sehr nahe, obwohl er wieder lachen und sich am Leben freuen konnte. Später hat er ja nochmals geheiratet. Seine zweite Frau hatte ausser ihrer Tochter die ganze Familie in den Konzentrationslagern verloren, und die zwei konnten sich gegenseitig aufrichten. Das war ein Glück für beide.

Hat Otto Frank je selbst eine Vorführung des Theaterstücks oder den Film gesehen?
Nein, nie. Das konnte er nicht. Er war zwar beim Film als Berater tätig, lernte die Schauspieler und den Regisseur kennen und sprach mit den Autoren. Aber das Endprodukt konnte er sich nicht ansehen.

Sie selbst haben eine Karriere als erfolgreicher Theater-, Film- und Fernsehschauspieler unter anderem in Deutschland und der Schweiz gemacht. Gleichzeitig haben Sie sich aber stets mit vollen Kräften Annes Vermächtnis gewidmet.
Nebst meinem Beruf ist das Tagebuch in den letzten 20, 25 Jahren für mich das Wichtigste gewesen. Davor, als Otto noch lebte, tat er das Meiste. Ich nahm zwar immer Anteil, war jedoch auch sehr viel auf Tournee und in anderen Ländern und konnte mich nicht so intensiv mit Annes Tagebuch beschäftigen. Seit ich wieder fest in der Schweiz ansässig bin, ist es aber zu meiner Hauptaufgabe geworden.

Als Schauspieler haben Sie selbst nie eine Rolle in einer Inszenierung des Tagebuchs gespielt. Warum?
Die Geschichte steht mir zu nahe. Ich wurde einmal angefragt, ob ich den Otto Frank spielen wolle, aber es war mir unmöglich.

Anne ist offenbar Zeit Ihres Lebens ein zentraler Punkt für Sie gewesen.
Ja, sicher, auch schon zur Zeit, als Otto noch lebte. Als ich zum Beispiel auf Amerika-Tournee war, wurde ich laufend von Radiostationen kontaktiert, weil man gehört hatte, ich sei der Cousin von Anne Frank.
Es war sicher auch wesentlich für die grosse Verbreitung von Annes Geschichte, dass Otto Frank und Sie, also Familienmitglieder, diese als Zeitzeugen verbreiten helfen konnten.
Ja, das ist sicher mit ein Grund. Ich bekomme noch heute Briefe und Mails von oft sehr jungen Leuten. Aber das Wichtigste ist nach wie vor das Tagebuch selbst, das noch heute überall in der Welt gekauft und gelesen wird.

Nun erscheint es sogar auf Arabisch und Farsi – ein Meilenstein?
Ja, auf alle Fälle, und darüber freue ich mich ganz besonders. Denn ich hoffe, dass dies vielleicht ein kleines Steinchen im Mosaik des Friedens zwischen diesen Völkern und dem Judentum sein kann.

Würden Sie sich wünschen, dass das Buch an allen Schulen gratis abgegeben würde, um zum Verständnis beizutragen?
Das wäre natürlich grossartig, ist aber bei den Tausenden von Schulen und Millionen von Jugendlichen finanziell nicht durchführbar. Ich bin ja schon sehr glücklich über das, was Anne mit ihrem Tagebuch erreicht hat und sicher noch weiter erreichen wird. Die Anteilnahme der jungen Leute und ihr Verständnis für dieses Schicksal, für jene Zeit und für die Gefahren, die von Nationalismus, Antisemitismus und Nationalsozialismus aus-gehen, sind heute wieder ganz besonders wichtig. Rechtsradikalismus konnte in letzter Zeit, nicht nur in Deutschland, wieder an Terrain gewinnen, und das ist eine grosse Gefahr. Da sind das Tagebuch Annes und ihre Botschaft enorm wichtig.

Wie würden Sie persönlich den Kern dieser Botschaft kurz zusammenfassen?
Es ist die Botschaft des Kampfs gegen jede Art von Diskriminierung.

Wenn sich am 12. Juni Annes Geburtstag zum 80. Mal jährt, ist es ja irgendwie ein Phänomen, dass nach so langer Zeit noch so viele Menschen daran Anteil nehmen werden. Wie soll dieser spezielle Tag begangen werden?
Es soll kein Trauertag sein, das wäre falsch, auch wenn es für mich persönlich ein kleiner Trauertag sein wird. Es soll ein Gedenktag sein, und ich selbst bin sehr stolz und sehr glücklich über das, was Anne, wenn auch posthum, erreicht hat.

Geht Ihnen die Person Anne Frank und ihr Schicksal heute noch nahe, oder
haben Sie die Geschehnisse vollumfänglich verarbeitet?
Ich habe die Sache schon zum grössten Teil verarbeitet. Aber je nachdem, was an einem Tag im Zusammenhang mit dem Tagebuch geschehen ist, kann sie mich noch immer beschäftigen und wird mich auch weiter beschäftigen.

Empfinden Sie im Rückblick die Arbeit für das Tagebuch als etwas sehr Trauriges oder eher als etwas Positives?
Es ist positiv für mich. Das schreckliche Schicksal von Anne und sechs Millionen Ermordeten ist etwas Grauenhaftes und macht mich traurig. Aber unter dem Strich ist für mich Annes Traum, dass irgendwann einmal etwas, das sie geschrieben hat, publiziert würde, in Erfüllung gegangen, hat gar zu einem riesigen Welterfolg geführt. Und das macht mich glücklich.    ●

Interview Yves Kugelmann