Angespannte Lage

Von Jacques Ungar, April 1, 2011
Dass Israel, wie das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» berichtet, tatsächlich einen palästinensischen Ingenieur entführt hat, um Informationen über Gilad Shalit zu erhalten, ist vielleicht nur eine Zeitungs­ente. Sicher mehr als nur Spekulationen verbergen sich aber hinter den Meldungen, wonach in Jerusalem
die Vorgänge in Syrien mit Aufmerksamkeit und Sorge verfolgt werden.
SYRIEN IN AUFRUHR Demonstranten gingen am Dienstag in Damaskus für Bashar Assad auf die Strasse

Im Jahr 1989 entführte die israelische Armee Scheich Abdel Karim Obeid von der schiitischen Amal-Organisation. 2004 wurde er nach Hause entlassen. Ihrem Ziel, gegen Obeid von den Libanesen Informationen über den 1986 über dem Zedernland abgeschossenen Flugnavigator Ron Arad zu erhalten, war die IDF nicht näher gekommen. 1994 dann wurde Mustafa Dirani, ebenfalls ein Prominenter der Amal-Bewegung, in seinem Bett in Südlibanon überwältigt und entführt. Als der Mann 2008 dank deutscher Vermittlung zu seiner Familie zurückkehren konnte, musste Israel sich mit der Rückgabe der sterblichen Überreste von drei von der Hizbollah ermordeten IDF-Soldaten und Elchanan Tennenbaum, einem Geschäftsmann, begnügen. Arads Schicksal ist bis heute ungeklärt geblieben.


Wertvolle Informationen
An diese alten Geschichten wurde man diese Woche erinnert. «Der Spiegel» berichtete in seiner Internet-Ausgabe, al-
lerdings ohne Quellenangabe für seine Informationen, der palästinensische Ingenieur Dirar Abu-Sissi aus Gaza sei vom Geheimdienst Mossad schon vor über einem Monat nach Israel entführt worden, als er sich in der Eisenbahn auf der Reise in die ukrainische Hauptstadt Kiew befunden habe. Seine Frau Veronika ist eine ukrainische Bürgerin, die inzwischen den islamischen Glauben angenommen hat, und Abu-Sissi wollte sich offenbar in der Ukraine um die Staatsbürgerschaft für sich und seine sechs Kinder bewerben.
Über die wahren Gründe für die Entführung des Ingenieurs, dem Verbindung zur Hamas nachgesagt werden, hüllt sich Israel nach wie vor in Schweigen. In Jerusalem beschränkt man sich auf die Bestätigung der Tatsache, dass Abu-Sissi sich in israelischer Haft befindet. «Der Spiegel» liefert nun die angeblichen oder wirklichen Hintergründe: Abu-Sissi soll wertvolle Informationen über die Entführung des IDF-Korporals Gilad Shalit und über dessen Aufenthaltsort im Gazastreifen besitzen. Dieses Wissen will Israel dem Vernehmen nach nun aus dem Ingenieur herauspressen. Das Nachrichtenmagazin begründet das Vorgehen des Mossad mit der für Israel nach wie vor bestehenden Option, den schon bald fünf Jahre von der Hamas festgehaltenen Shalit mit einer militärischen Aktion zu befreien. Und zu diesem Zweck seien Armee und Geheimdienste eben auf jede noch so bescheidene Information angewiesen.
Als Spekulation tönt diese Version der Geschichte tatsächlich bestechend. Kehren wir aber zurück auf den rauen Boden der Wirklichkeit, sind Zweifel angebracht. Israel sollte nach fehlgeschlagenen Operationen wie den Entführungen von Obeid und Dirani inzwischen begriffen haben, dass solche Aktionen aus ganz konkreten Gründen den erhofften Erfolg kaum bringen werden: Der Wert eines Menschenlebens gilt bei den Feinden Israels erstens viel weniger als in Israel selber, und zweitens haben Gruppierungen wie die Hamas scheinbar unendlich viel Zeit, um ihre
Ziele zu erreichen. Die Hamas fordert für Shalit die Freilassung von rund 1000 palästinensischen Gefangenen. Die Namenslisten liegen seit Langem vor, doch weil Israel sich schwer tut mit ein paar hundert dieser Namen, fürchten wir, dass Gilad Shalit Ende Juni wahrscheinlich auch den fünften Jahrestag seines Zwangsaufenthaltes in Gaza in der Gewalt seiner Entführer wird begehen müssen.

Sorge um Damaskus

Neben der trotz des verklausulierten Waffenstillstandsangebots der Hamas nach wie vor gespannten Lage am Gazastreifen und der labilen Ruhe an der libanesischen Grenze beschäftigt sich Israel dieser Tage logischerweise vor allem mit den Unruhen im Nachbarland Syrien (vgl. S. 16). So erklärte Eyal Zisser von der Tel-Aviv-Universität diese Woche an einer Konferenz am Dayan-Zentrum der Uni, die während langer Zeit in Israel mehrheitlich vertretene Annahme, Syrien sei immun gegen einen Wandel, erweise sich mit zunehmender Dauer als immer falscher. Die Tatsache, dass in Damaskus 200 Menschen gegen Bashar Assad demonstrierten, bezeichnet Zisser, der schon fünf Bücher über Syrien geschrieben hat, als «dramatisch», weil die Proteste sich bis dahin auf Städte wie Deraa in der Peripherie und auf die Küstenebene beschränkt hätten, wo die grössten Friktionen zwischen der sunnitischen Mehrheit und der herrschenden alawitischen Minderheit bestünden.
Sollten sich nun noch die Kurden im Nordosten Syriens erheben, würde, so Zisser, Assad die drei Gruppen seiner ethnisch ungleichen Nation in Aufruhr vorfinden und hätte allen Grund, sich um das Schicksal von Damaskus Sorgen zu machen. An der genannten Konferenz am Dayan-Zentrum meinte zudem Elie Podeh, alle Gründe für Unruhen, die sich für Ägypten, Tunesien und Libyen anführen liessen, würden auch für Syrien gelten. «Erstens ist die Familie Assad seit 40 Jahren an der Macht», gab Podeh zu bedenken, der die Abteilung für Islamische und Nahoststudien an der Hebrew University leitet, «dann gibt es in Syrien weder Freiheiten noch individuelle Rechte. Effektiv besteht keine Möglichkeit, einen anderen Kandidaten als Assad zu wählen.» Eine derart ungleiche Bevölkerung wie die syrische ruhig zu halten, bedürfe eben mehr als nur leerer Versprechung, sich gegen die USA und Israel zu behaupten. Vor allem erfordere diese Aufgabe brutale Gewalt.

Eine andere Sichtweise

Es gibt aber auch Versuche, in einem Umsturz in Syrien etwas Positives für Washington und Jerusalem zu sehen. Elliot Abrams etwa, unter George W. Bush Mitglied des amerikanischen Nationalen Sicherheitsrats und heute Nahost-Experte im Council on Foreign Relations, sähe in einem Verschwinden Bashar Assads eine «gute Nachricht» sowohl für die USA als auch für Israel. «Eine von der sunnitischen Mehrheit dominierte syrische Regierung» schreibt Abrams in der «Washington Post», «hätte nie gleich enge Beziehungen zu Hizbollah und Iran wie Assad. Sie würde vielmehr versuchen, sich wieder in der arabischen Welt zu integrieren.» Teheran würde, so schliesst Abrams, bei einem Sturz Assads einen engen arabischen Alliierten verlieren und seine Landbrücke zur Hizbollah. Die Knessetabgeordnete Anat Wilf von Ehud Baraks Partei Atzmaut schliesslich glaubt auch, Israel könne von einem Abreteten des derzeitigen syrischen Präsidenten profitieren. «Das würde demonstrieren, dass der Versuch, sich gegen die USA und Israel zu stemmen, einem keine ewige Legitimität verleiht.» Daneben gibt es in Israel natürlich auch die Vertreter der Holzhammermethode. Zu diesen gehört die für ihre radikal rechtslastigen Ansichten bekannte Journalistin Caroline B. Glick, die in der «Jerusalem Post» meinte, es gebe für Israel keinen Grund, nicht unabhängig zu handeln, um Assads interne Opposition zu unterstützten: «Wir sollten die Kurden aufrüsten.»

Unruhen im Shabak-Geheimdienst

Erwähnen wir abschliessend, dass Premier Binyamin Netanyahu diese Woche den 51-jährigen Yoram Cohen zum Nachfolger von Yuval Diskin als Chef des Inland-Geheimdienstes Shabak nominiert hat. Zwar zweifelt niemand die fachliche Kompetenz des sich seit 30 Jahren im Dienst befindenden Cohen an, doch auch dieser Wechsel ging, wie das in Israel Tradition zu sein scheint, nicht reibungslos über die Bühne. So soll Diskin erst drei Stunden vor Netan­yahus Ankündigung über die Person seines Nachfolgers in Kenntnis gesetzt worden sein. Dann hat die Nummer drei in der Shabak-Hierarchie aus Protest gegen seine Nichtberücksichtigung den Austritt aus der Organisation beschlossen, und die Nummer zwei macht sich ebenfalls Gedanken über seine berufliche Zukunft. Interessant ist zudem, dass mit Yoram Cohen erstmals eine Kippa tragende, als religiöse Person den Geheimdienst für mindestens die kommenden drei Jahre leiten wird. Möglicherweise zeichnet sich hier ein Trend ab, gehört doch auch Generalmajor Yair Naveh diesem Lager an. Naveh, heute stellvertretender Generalstabschef, könnte sich bei einer nächsten Wachablösung durchaus um den derzeit von Benny Gantz besetzten Posten des Generalstabchefs bewerben. Zu diesem Bild passt die Tatsache, dass auch der neue Chef des Nationalen Sicherheitsrats, Generalmajor d. R. Yaacov Amidror, dem nationalreligiösen Lager angehört. Gemäss einer IDF-Studie ist heute ein Viertel aller Absolventen der Offiziersschule religiös.