Anderswo ist hier und jetzt
Es ist eine Szene wie auf Claude Monets berühmtem Gemälde «Mohnfeld bei Argenteuil» (vgl. Titelbild). Aber wir sehen eine Frühlingswiese in der Schweiz. Und die hübsch gekleidete Figur inmitten der Blumen – ist es ein Kind? Eine junge Frau, die traumverloren durch die Natur streift? Es ist Ursula Bodmer, die weder hören noch sehen kann und die den Ausflug in die bunte Natur dennoch spürbar geniesst. Im vergangenen Herbst wurde sie 60 Jahre alt, obwohl ihr die Ärzte keine hohe Lebenserwartung zusprachen. Diese Szene ist die letzte des neuen Dokumentarfilms «Ursula – Leben in Anderswo» von Rolf Lyssy, und sie entlässt das Publikum getröstet, beeindruckt und voller Bewunderung. Ursula lebt zwar in ihrem eigenen Universum, eben in Anderswo. Aber Anderswo ist auch hier und jetzt.
Schon 1966 war Ursula die Hauptperson in einem Film von Rolf Lyssy, damals Kameramann von Reni Mertens und Walter Marti, und der Film hiess «Ursula oder das unwerte Leben». Dass dieses Leben viel wert wurde, verdankt Ursula ihrer Pflegemutter Anita Utzinger, die jetzt 82 Jahre alt ist.
Lyssys neuer Film läuft am 12. Januar in den Schweizer Kinos an, und er wird an den Solothurner Filmtagen zweimal gezeigt, am 24. und am 26. Januar in der Werkschau. Beim Publikum wünscht man ihm viel Erfolg, denn es lohnt sich, diesen Film anzuschauen. «Der Erfolg eines Films hängt davon ab, dass die Leute darüber erzählen und andere Leute dazu animieren, ihn anzuschauen», sagt Rolf
Lyssy, der noch immer den Schweizer
Zuschauerrekord für seine «Schweizermacher» hält.
Eine einmalige Chance
Mitte der sechziger Jahre zeigte Walter Marti seinem Kollegen Rolf Lyssy Szenen mit Behinderten und fragte, was er damit anfangen könnte. Rolf Lyssy war sofort fasziniert von einem Mädchen namens Ursula, das bei seiner Pflegemutter Anita Utzinger lebte. Der Film über die beiden kam 1966 in die Kinos und wurde ein grosser Erfolg. Und dann spielte der Zufall – oder das Schicksal – die Hauptrolle, als Anita Utzinger bei Lyssy, mittlerweile einer der renommierten Schweizer Filmautoren, anfragte, ob es eine DVD «ihres» Filmes gebe, denn ihre VHS-Kassette sei am Ende. Lyssy versprach, eine DVD zu besorgen und fragte bei dieser Gelegenheit, ob Ursula noch lebe. Als er erfuhr, dass es die beiden Protagonistinnen noch gab, war für ihn klar, dass er über sie einen neuen Film drehen musste: «Es war eine einmalige Chance.»
Lyssy gewann Rose-Marie Schneider und ihre Docfilms für die Produktion und als Drehbuchautor und Rechercheur den Filmschaffenden Walo Deuber, den jüdischen Zuschauern bestens bekannt durch seine Filme «Spuren verschwinden» über die Verfolgung und Ermordung der galizischen Juden und «Moischele Majn Frajnd» über die Reise des Zürcher Synagogenchors durch Osteuropa. Gemeinsam gelang es, für dieses schwierige Thema die notwendige Finanzierung aufzutreiben.
Fast ein Familienunternehmen
Der Film wurde fast ein Familienunternehmen: Rolf Lyssys Sohn Elia Lyssy, der als begnadeter Kameramann in New York lebt, drehte die Bilder, und der Bruder Micha Bar-Am kam aus Israel nach Bern, um im Tonstudio seines Schülers Omri Hason die Aufnahmen mit Perkussion und Schlagzeug aufzunehmen. Am 18. Januar, einen Tag vor Beginn der Solothurner Filmtage, wird im Rahmen von Seret in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich Rolf Lyssys Film von 1992 über seinen Musiker-Bruder Micha, «Der Trommler in der Wüste», gezeigt, in Anwesenheit beider Brüder.
Die Dreharbeiten verliefen mühelos, spannend, interessant, freut sich Lyssy. Er sah Ursula nach 46 Jahren erstmals wieder, «ein eindrückliches Erlebnis. Und die Pflegemutter wirkt trotz fortgeschrittenen Alters so jung wie früher, was sie auch
augenzwinkernd betont. Anita Utzinger musste vor einiger Zeit ihr geliebtes
Sorgenkind weggeben, in die Obhut des Heims «Tanne» der Schweizerischen Stiftung für Taubblinde in Langnau am Albis (Kanton Zürich), aber Ursula verbringt praktisch jedes Wochenende bei der Pflegemutter. Diese habe für Ursula den kürzesten «Beipackzettel» als Anweisung für ihre Betreuung abgegeben, sagt der Heimleiter der «Tanne»: «Seid einfach lieb mit ihr.» Und das scheint zu wirken, schon seit Jahrzehnten, auch jetzt durch die liebevolle Betreuung im Heim. Behutsam filmte Elia Lyssy den Alltag und die Vergnügungen der Heim-Insassen.
Wie ein Wunder
Anita Utzinger schildert im Film eindrücklich und sehr gut dokumentiert, wie sie, die spezialisierte Pflegerin, sich in den USA für die Behandlung von Taubblinden ausbilden liess, in einem Universitätsinstitut, an dem die weltberühmte taubblinde Helen Keller regen Anteil nahm und die sie dort kennenlernte. Sie berichtet, wie sie dazu kam, sich um das verlassene Baby zu kümmern, das von Heim zu Heim geschoben wurde, weil keines für ihre Betreuung eingerichtet war. Dank der Hilfe ihrer Eltern konnte Anita Utzinger die damals achtjährige Ursula zu sich nehmen. Und es scheint wie ein Wunder: Dank der Liebe und der fachlichen Kompetenz der Pflegemutter scheint Ursula zu hören und zu sehen, obwohl das nicht der Fall ist. Aber Anita Utzinger konnte offenbar
in die tonlose, dunkle Einöde von Ursulas «Anderswo» eindringen und ein Hier und Jetzt gestalten. Wie war das möglich?
Darüber hätte man gerne noch mehr erfahren. Aber auch ohne noch mehr wissenschaftliche Informationen bleibt das Band zwischen den beiden in die Jahre gekommenen Frauen in bester Erinnerung. Der Film vermittelt keine Tristesse, sondern Hoffnung.
Auch Rolf Lyssy ist voller Hoffnungen. Für «Die letzte Pointe», einen Dokumentarfilm über die Sterbehilfe (Lyssy sitzt im Patronatskomitee von «Exit») gab es zwar keine Finanzierung, und dann starb die Hauptdarstellerin Stephanie Glaser. Doch das ist definitiv Schnee von gestern. Für ein neues Drehbuch seines Autor-Kollegen Dominik Bernet, mit dem er seit sechs Jahren zusammenarbeitet, der die letzten «Hunkeler»-Drehbücher sowie Buch und Drehbuch von «Marmorera» schrieb, wird nach einer ersten Ablehnung durch die staatliche Filmförderung eine zweite Fassung im Frühjahr nochmals eingereicht. Wenn alles gut geht, könnte im Herbst Drehbeginn sein. Der Film soll «Unter Null» heissen und aufgrund einer Zeitungsmeldung aus Italien ein zeitlos aktuelles Thema behandeln: Leute, die verstorbene Grossmütter in der Tiefkühltruhe aufbewahren, um weiterhin deren Rente zu beziehen. «So lange ich neugierig und gesund bin und gute Ideen produziere, werde ich wie seit 50 Jahren an Filmen arbeiten», verspricht der 75-Jährige.
«Ein Trommler in der Wüste», Film- und Trommelabend in Anwesenheit von Rolf Lyssy und Micha Bar-Am, Mittwoch, 18. Januar, 19.30 Uhr, Israelitische Cultusgemeinde, Lavaterstrasse 33, Zürich. www.seret.ch