Andernorts

July 16, 2008
Reisen abseits bekannter Pfade

Wenn die New Yorker aufbau-Autorin Monica Strauss in die tschechische Provinz reist, verlässt sie nicht nur die bekannten Pfade, auf denen sich Touristenströme bewegen. Sie berichtet in dieser Ausgabe von ihrem Besuch in Olmütz, die Stadt werde zwar ihrer zahlreichen Baudenkmäler wegen zu recht als «mährisches Rom» bezeichnet. Das in der Ewigen Stadt herrschende, ewige Gedränge fand Strauss in Olmütz nicht vor. Aber die Kunsthistorikern ist für diese sommerlichen Reisen gewidmete Ausgabe nicht allein wegen der Barockarchitektur nach Mähren gereist. Sie wollte zudem ein Kapitel ihrer Familiengeschichte nachblättern. Am Ende der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie war Olmütz Heimat eines intellektuellen Zirkels, zu dem 1916 der Philosoph Ludwig Wittgenstein stiess. Zu dieser Gruppe meist jüdischer Autoren und Künstler zählte auch der Architekt Jacques Groag, der Wittgenstein Mitte der 1920er-Jahre in Wien beim Bau des berühmten «Palais» unterstützte, das der Philosoph für seine Schwester gestaltet hat. In Olmütz findet sich indes mit der Villa Steidler das vermutlich am besten erhaltene Wohnhaus Groags, zu dessen letzten Wiener Bauherren vor 1939 auch die Eltern von Monica Strauss gehörten.

Hat persönliches und wissenschaftliches Interesse Strauss nach Olmütz gezogen, waren die Motive von Andreas Mink, den Süden der USA zu besuchen, so gemischt, wie die Eindrücke, die er mitgebracht hat. Zum einen diskutiert die Redaktion schon seit Jahr und Tag, ob Elvis Presley jüdische Wurzeln hatte. Die Frage muss nach einer Reise von Memphis nach Mississippi zwar weiterhin offen bleiben. Aber immerhin hat Mink in Tupelo, dem Geburtsort von Elvis, mit George Copen den Mann kennengelernt, der dem King of Rock´n´Roll einst die Menorah seiner Grossmutter ausgeliehen hat. Den Kontakt zu Copen und der Historikerin Teri Tillman in Natchez hat Stuart Rockoff vom Goldring/Woldenberg Institute of Southern Jewish Life in Jackson hergestellt. Die Stiftung widmet sich der jüdischen Geschichte in den Südstaaten, die auf Einwanderer aus dem Elsass und dem deutschen Südwesten zurückgeht. Das Institut unterstützt die im Süden verbleibenden Gemeinden, indem es Unterrichtsmaterialien produziert und einen reisenden Rabbiner beschäftigt. Anlass der Reise waren nicht zuletzt die Mythen und Legenden, welche die Region am «Old Man River» umranken. So wurde im Mississippi-Delta südlich von Memphis der Blues geboren und hier verläuft immer noch der Highway 61, dem auch Bob Dylan seine Referenz erwiesen hat. Allgegenwärtig sind im Süden die Wunden, die Sklaverei und Rassismus geschlagen haben.

Dass Reisen abseits bekannter Pfade die Reichhaltigkeit jüdischen Lebens zutage fördern, wird in den weiteren Beiträgen dieser Ausgabe deutlich. So beschreibt Lena Gorelik die sibirische Provinz Birobidschan, in der Stalin ein «sowjetisches Palästina» etablieren wollte, während Katja Behling auf den Spuren des mysteriösen «Orientalisten» Essad Bey Nussimbaum wandelt. Mit dem Exilforscher John Spalek, der in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag feiert, würdigt Wilfried Weinke schliesslich einen Mann, dem kein Weg zu weit ist, um die Nachässe deutsch-jüdischer Emigranten zu retten.