Amerikas glücklichster Mann
Seit drei Jahren bietet das Umfrage-Institut Gallup Unternehmen und Medien eine Dienstleistung mit dem Namen «Well-Being Index» (www.well-beingindex.com) an, die eine Fülle von Informationen über das Gesundheits- und Erziehungswesen, die Lebensgewohnheiten und die Versorgung mit frischen Nahrungsmitteln in den USA enthält. Gallup ruft dazu täglich 1000 Amerikaner an und sortiert die Ergebnisse nach Wahlkreisen für den US-Kongress.
Stoff zum Nachdenken
Das Institut hat nun seinen Jahresbericht für 2010 vorgelegt. Aus diesem geht hervor, dass die Bürger im kalifornischen Silicon Valley, dem Hightech-Zentrum nördlich von San Francisco, am zufriedendsten mit ihrem Leben und ihrer Umgebung sind. Am unwohlsten fühlen sich dagegen die Bewohner der alten Autostadt Detroit, die in den letzten 30 Jahren die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren hat und in weiten Teilen zur Industriebrache verkommen ist. Bietet der Bericht bereits reichlich Stoff zum Nachdenken über den Zustand der USA, so hat das Datenmaterial die Neugier der «New York Times» nur angestachelt. Das Blatt bat Gallup um eine Aufarbeitung der Informationen in Form einer interaktiven Karte, die nun auf der Website der Zeitung zu entdecken ist. Die Journalisten baten zudem um die Destillation der Befindlichkeitsdaten in eine ideale Person, den «glücklichsten Amerikaner».
Ein praktizierender Jude
Laut Gallup ist dieser theoretische US-Bürger hochgewachsen, asiatischer Herkunft, über 65 Jahre alt, männlich, ver-heiratet und hat Kinder, verfügt über ein Jahreseinkommen, das höher ist als 120 000 Dollar, lebt auf Hawaii – und ist obendrein noch praktizierender Jude. Diese Daten bewegten die «New York Times» zu Erkundigungen bei jüdischen Gemeinden auf Hawaii. Dort verwies man die Journalisten an einen Mann, auf den all diese Kriterien tatsächlich zutreffen: Alvin Wong lebt koscher, ist 69 Jahre alt, betreibt eine gut gehende Firma im Gesundheitsbereich und ist glücklich mit der
Jüdin Trudy Schandler verheiratet. Noch erstaunlicher war jedoch die Auskunft über seinen Gemütszustand, die Wong erteilte. Er ist tatsächlich ein glücklicher Mann, was er seinem Motto verdankt: «Meine Lebensphilosophie sagt, dass man über sich selbst lachen können muss – ansonsten sieht Ihre Existenz ziemlich düster aus.»
«Wohlfühl-Index»
Unter den verschiedenen Elementen des «Wohlfühl-Indexes» ist nicht nur bemerkenswert, dass diejenigen Amerikaner, die am häufigsten Lachen, in Hawaii zu Hause sind. Gallup hat im langjährigen Vergleich auch herausgefiltert, dass US-Bürger umso zufriedener mit ihrer Existenz sind, je stärker sie in einer Religion verwurzelt sind. Dies gilt für jedes Glaubensbekenntnis, am deutlichsten jedoch für amerikanische Juden. Diese verzeichnen als Gruppe insgesamt das höchste Wohlbehagen, aber Religiöse sind laut Gallup am glücklichsten mit ihrer Existenz. Wer die endlosen laufenden Diskussionen etwa über «das Verschwinden der amerikanischen Juden» (um den Bestseller von Alan Dershowitz aus dem Jahr 1997 zu zitieren) verfolgt hat, wird sich angesichts der Gallup-Studie die Augen reiben: Anscheinend sind einzelne Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft mit ihrem Dasein in den USA doch sehr zufrieden und nicht von permanenten Existenzängsten geplagt.
Geld macht glücklich
Darüberhinaus geben die Gallup-Daten Aufschluss über ein ganzes Bündel demografischer und sozialer Trends. Daraus ergibt sich, das Geld sehr wohl glücklich macht und dass Wohlbefinden sehr viel mit materieller Sicherheit zu tun hat. Die von der «New York Times» erstellte Karte zeigt eine breite, dunkle Zone des Unglücks, die sich von den alten Industriestaaten Michigan, Ohio und Indiana südwestlich entlang der Appalachen hinunter in den alten Süden zieht und Gliedstaaten wie Kentucky, West Virginia, Arkansas, Mississippi, Alabama und Louisiana umfasst. So liegt der Bezirk mit den niedrigsten Fröhlichkeitswerten im gebirgigen Westen von Virginia, der seit Langem wirtschaftlich stagniert. Im alten Süden sticht als Oase des Wohlgefühls der Grossraum Atlanta hervor, der seit den siebziger Jahren boomt und sich zu einem bedeutenden Standort von Industrie und Dienstleistungsgewerbe entwickelt hat. Grosse Teile dieser melancholischen Zone gehören zum «Rostgürtel», aus dem das produzierende Gewerbe erst in den Süden und dann nach Übersee abgewandert ist.
Traditionell arme Gebiete
Im «Rostgürtel», der Appalachen-Region und im alten Süden finden sich zudem die meisten Raucher und Übergewichtigen unter der Bevölkerung. Dort wird am wenigsten Sport getrieben und die Versorgung mit frischen Lebensmitteln lässt in diesen traditionell armen und teilweise immer noch schwer zugänglichen Gebieten am meisten zu wünschen übrig. Politisch ist dieser gewaltige Unglücksgürtel dagegen heterogener. Die Gallup-
Studie gibt darüber keine Auskunft. Aber bei den letzten Präsidentschaftswahlen konnte Barack Obama auf die Unterstützung der häufig bereits pensionierten Arbeiterschaft in Ohio oder Indiana sowie der Schwarzen in Mississippi oder Louisiana zählen. Die ländliche, weisse Bevölkerung in den Appalachen hat jedoch mit starken Mehrheiten gegen Obama gestimmt. Diese Amerikaner stammen meist von schottischen und irischen Einwanderern aus dem 18. Jahrhundert ab. Zu einem Umzug nach Hawaii oder ins Silicon Valley dürften sie bei allem Unglück kaum zu bewegen sein.
www.well-beingindex.com