Amerika wählt

September 3, 2008

Im Einführungstext dieser Ausgabe ist von den Superlativen des laufenden US-Wahlkampfes die Rede, der in Zeiten gravierendster nationaler Sorgen an Überraschungen seinesgleichen sucht. Bei Redaktionsschluss hat John McCain diese Einschätzung mit seiner historischen, aber auch enorm riskanten Berufung von Sarah Palin zu seiner möglichen Stellvertreterin eindrücklich bestätigt. Nun finden sich im Quartett der Bewerber-Teams nicht nur der erste Afroamerikaner Barack Obama und der bislang älteste Kandidat für das mächtigste politische Amt der Welt John McCain, sondern mit der 44-jährigen Gouverneurin von Alaska auch die erste Frau, zumindest auf republikanischer Seite. Nur Obamas Vizekandidat, der hemdsärmelige Joe Biden, entspricht mit seinen 36 Jahren als Senator des urdemokratischen Zwergstaates Delaware den politischen Konventionen in den USA.

Während die Redaktion davon ausgeht, dass die Überraschungen bis zur Wahlnacht am 4. November nicht abreissen werden, schien doch die Zeit für uns gekommen, den bisherigen Verlauf dieser epochalen Schlacht in eine Perspektive zu setzen und diverse Facetten hintergründig zu beleuchten. Während der New Yorker Rabbiner Marc Schneier an die lange Tradition der Zusammenarbeit zwischen jüdischen und schwarzen Amerikanern erinnert, stellt Jason Horowitz die Bedeutung von Bush in der Wahlkampf-Führung beider Lager heraus. Horowitz hat sich durch investigative und analytische Berichte für die Wochenzeitschrift «New York Observer» überregional einen Namen gemacht. Mit Walter Laqueur konnten wir einen weltweit angesehenen Historiker und Publizisten für die Darstellung der aussenpolitischen Herausforderungen gewinnen, für deren Bewältigung beiden Kandidaten ungeachtet all ihrer Gegensätze nur enge Spielräume zur Verfügung stehen.

Hand in Hand damit gehen Essays über die Erwartungen Europas von dem britischen Philosophen Brian Klug und eine Analyse der Rolle Israels und der amerikanisch-jüdischen Wähler in dieser Saison, die der kanadische Autor und Kommunikationswissenschaftler Gregory Levey beisteuert. Aus einer persönlichen Perspektive setzt sich Adam Langer mit «Obamas Chicago» auseinander. Der Journalist, Bühnenautor und Romancier ist in der «Windy City» aufgewachsen. Langer beschreibt die soziokulturelle Transformation der «Stadt der breiten Schultern» in eine Multikulti-Metropole, deren zurzeit auffälligstes Produkt Obama ist, «der Sohn einer Weissen aus Kansas und eines Schwarzen aus Kenia».

Eine Transformation ganz anderer Art diskutiert im Interview mit dem aufbau schliesslich Lincoln Chafee, der ehemalige republikanische Senator des Neuengland-Staates Rhode Island. Aus einer moderat-konservativen Politiker-Dynastie hervorgegangen, hat Chafee als einziger Republikaner gegen den Irak-Krieg und alleine im Verein mit John McCain gegen die drastischen Bush-Steuersenkungen für die reichsten Amerikaner gestimmt. Chafee hat seine Partei inzwischen verlassen, während McCain nun weitere Steuersenkungen à la Bush fordert. Dem aufbau gegenüber ordnet Chafee diese Wandlung des «Mavericks» McCain zum linientreuen Republikaner in die Transformation der Partei zu einer homogenen, christlich-konservativen Kraft ein. Diese hat vor über 40 Jahren begonnen und zur Marginalisierung der gemässigten Neuengländer geführt, als deren letzter Vertreter sich Chafee betrachtet.