Am gleichen Strick ziehen

Von Andreas Schneitter, May 6, 2011
Antiisraelismus in der Schweiz? Ach was. Israel und die Schweiz sind kulturell, gesellschaftlich, wirtschaftlich und akademisch eng verbunden. Man muss es nur sehen wollen. Eine Umfrage zu Jom Haazmaut 2011.
STABILE FREUNDSCHAFT Bundesrat Ueli Maurer auf Besuch beim israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres 2010

Was verbindet die Schweiz und Israel? Die Alpenfestung mit dem Sandstrich am Meer? Einen der ältesten Staaten, so will es zumindest der Geschichtsmythos, mit einem der jüngsten? Beide Staaten betrachten sich als Sonderfälle, umgeben von grösseren, bedrohlichen Gebilden; Israel von der arabischen Welt, die Schweiz von der EU. Beide haben aus dem tatsächlichen wie imaginierten Bedrohungsgefühl einen starke Affinität fürs Militärische entwickelt: die Schweiz will laut Verteidigungsminister Ueli Maurer die beste Armee der Welt,
Israel hat sie schon. Und sonst?
Nachfrage beim Schweizer Aussenministerium (EDA): «Die beiden Länder sind wirtschaftlich, kulturell, akademisch und sozial eng miteinander verflochten», rühmt Sprecher Georg Farago. Zur Stützung dienen Zahlen: Von den 30 000 Schweizer Jüdinnen und Juden leben, so Farago, fast die Hälfte in Israel. Diese Auslandschweizer würden jedoch nach wie vor enge Verbindungen zur Schweiz aufrechterhalten, die täglich zehn – meist ausgebuchten – Flugverbindungen zwischen Tel Aviv und Schweizer Flughäfen bezeugten dies. Das ist eine Facette dieser Beziehung.

Die Aussenpolitik

Eine andere ist die Aussenpolitik selbst. Vor gut drei Jahren wurde die parlamentarische Gruppe Schweiz-Israel gegründet, welcher rund 50 Politiker aus National- und Ständerat, in der grossen Mehrheit aus dem rechtsbürgerlichen Lager, angehören – auch Bundesrat Maurer war früher Mitglied. Theophil Pfister, SVP-Nationalrat aus St. Gallen und Gründer der Gruppe, sagt: «Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern war eine gewisse Zeit gestört.» Anstoss der Misstöne bot der Iran-Besuch von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey im März 2008 sowie das Treffen vom damaligen Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz mit dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad an der Uno-Antirassismuskonferenz «Durban II» in Genf vor zwei Jahren. Normalisiert habe sich die Beziehung, so Pfister, erst wieder durch die Israel-Reisen 2010 von Bundesrat Maurer und seinem Namens-
vetter, EDA-Staatssekretär Peter Maurer. «Mit Befriedigung stellen wir fest, dass das EDA in seine Position zum Nahostkonflikt die Forderung der Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Shalit aufgenommen hat. Diese Forderung gehörte zu unseren Vorstössen zur Schweizer Nahostpolitik», sagt Pfister – und bestätigt damit, wodurch die Verbindung zwischen den beiden Ländern sowie das Bild Israels in der Schweizer Öffentlichkeit vordergründig bestimmt werden: durch den Nahostkonflikt. Die Klage, wonach die Berichterstattung von Schweizer Medien einseitig Israel gegenüber kritisch ausgerichtet sei, gehört zum Standartrepertoire Israel freundlich gesinnter Organisationen und Personen. Letztmals laut wurde dies am Ende der Korrespondententätigkeit in Tel Aviv von André Marty, Journalist des Schweizer Fernsehens. Seine Kritiker legten ihm bei seinem Abschied aus Israel 2010 nahe, sich – zur «Unterstützung seiner Seelenlage» – nach Iran oder in die Türkei versetzen zu lassen.

Entwarnung

Tatsächlich hat bisher keine wissenschaftliche Untersuchung den Verdacht Israel gegenüber grundsätzlich kritischer Medienberichterstattung bestätigen können. Eine Studie aus dem Jahr 2004 der Universität Zürich unter der Leitung des Soziologen Kurt Imhof kam zum Schluss, dass von Juden «über weite Strecken ein positives, das heisst Empathie förderndes Bild» vermittelt werde. Und der Politologe Claude Longchamp, Leiter der Gesellschaft für praktische Sozialforschung Bern, stellte vor drei Jahren in einer von tachles beauftragten Studie zum Antisemitismus in der Schweiz fest: «Das Medienbild Israels ist sehr vielfältig, und Kritik keineswegs mit Antisemitismus gleichzusetzen. Ich würde insofern Entwarnung geben, als dass Israel heute einer normalisierten Betrachtung unterliegt.» Israel werde nicht mehr als der gerechte Staat mit einer hohen moralischen Verpflichtung, sondern «einfach als Konfliktpartei» und das Bild Israels «durch die Handlungen und Aussagen der offiziellen Vertreter des Staates» dargestellt.
Für die Erfassung der Beziehung zwischen der Schweiz und Israel bietet der Blick auf die Rolle der Medien somit höchstens ein verzerrtes Bild. Denn tatsächlich ist die Solidarität hoch: Nach der verheerenden Feuersbrunst im Carmel-Gebirge vergangenen Dezember sei die Spendenbereitschaft für Israel sprunghaft gestiegen, sagt Jariv Sultan, Geschäftsführer des Keren Kayemeth Leisrael Schweiz. «Das erste Quartal 2011 war phänomenal, wir erlebten eine grosse Solidaritätswelle aus der Schweiz.» Und auch von freikirchlicher Seite ist die Unterstützung für Institutionen in Israel stabil, sagt Werner Scherrer, Vorsteher der Israel-Werke Schweiz. «Was das Spendenvolumen angeht, gehören wir sicher zu den wichtigsten und beständigsten Schweizer Freunden Israels», sagt Scherrer. Etwa eine Viertelmillion Personen seien in Schweizer Freikirchen engagiert, «und ein Grossteil von ihnen spendet auch regelmässig nach Israel. Wer Israel segnet, der ist gesegnet, glauben wir», so Scherrer. Konkrete Zahlen über das Spendenvolumen sind von keiner Organisation zu haben, doch Schätzungen gehen von rund 50 Millionen Franken aus, die jährlich für israelische Einrichtungen gesammelt werden.

Forschung und Entwicklung

Ebenso eng geknüpft sind die Bande in Wirtschaft, Bildung und Kultur. Vor wenigen Jahren gehörte laut Angaben des Internationalen Währungsfonds die Schweiz noch zu den zehn wichtigsten Import- und Exportpartnern Israels. Mittlerweile haben rasant wachsende Volkswirtschaften wie Russland oder Indien dieses Ranking verändert, doch die Handelszahlen bleiben stabil: Die Einfuhrbilanz aus Israel bewegt sich um die Richtmarke von 500 Millionen Franken, die Ausfuhr gar gegen 900 Millionen. «Politische Stimmungsschwankungen zwischen den beiden Staaten oder Aufrufe für Boykotte israelischer Produkte haben sich nicht auf den Handelssektor niedergeschlagen», sagt Gabriel Taus von der Handelskammer Schweiz-Israel. Auch die Bedeutung von Forschung auf Universitätsebene als zentrale Ressource der beiden rohstoffarmen Länder lässt sich in Zahlen ausdrücken: Alleine die Universität Zürich listet 36 aktuelle Projekte mit Partnerschaftsorganisationen in Israel, und vor wenigen Wochen hat die Hebrew University Jerusalem mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne eine zehn Millionen Dollar schwere Kollaborationsvereinbarung zur gemeinsamen Hirnforschung abgesegnet (vgl. tachles 14/2011). Damit trägt eine Absichtserklärung zur verstärkten wissenschaftlichen Zusammenarbeit dieser beiden Länder aus dem Jahr 2005 nun spürbare Früchte.
Und schliesslich die Kultur: Mit dem Festival Culturescapes, das jährlich in Bern, Basel und Zürich durchgeführt wird und sich dieses Jahr Israel widmet, erhalten israelische Kulturschaffende eine breite und vielbeachtete Plattform (vgl. tachles 14/2011). Damit wird institutionalisiert, was in den vergangenen Jahren sowieso eine Regelmässigkeit erreicht hat: die Engagements israelischer Kulturschaffender in der Schweiz. Eine Rückschau auf die Kulturkalender 2010 und 2009 stösst auf unzählige Auftritte und Festivals mit israelischer Beteiligung: klassische Musiker in der Tonhalle Zürich und im Stadtcasino Basel, Autoren in den Literaturhäusern Basel und Zürich, Zeichner am Comicfestival Fumetto, DJs der pulsierenden Technoszene Tel Avivs in Schweizer Clubs oder israelische Videokunst an den Winterthurer Kurzfilmtagen. Nicht die Herkunft spielt dabei eine Rolle, sondern die künstlerische Qualität. Mehr unverkrampfte Normalität ist kaum zu haben.