Altneuland

May 7, 2008

«Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen» – die berühmten Worte, mit denen Theodor Herzl seine Vision eines jüdischen Staates verkündete, erweisen sich in verblüffender Vieldeutigkeit als roter Faden dieser Ausgabe zum 60. Jahrestag der Gründung Israels. Herzls Worte klingen weit im Hintergrund an, wenn Aharon Appelfeld Israel als ein Land der Immigranten bezeichnet, dem seine visionäre Ideologie längst abhanden gekommen ist: Das Märchen ist Realität geworden und die Israeli haben Wichtigeres zu tun, als zu jubeln oder zu staunen. Walter Laqueur nimmt Herzl dagegen ganz direkt beim Wort. Er präsentiert dem Land, dessen Gründung er als junger Flüchtling aus Deutschland journalistisch begleitet hat, zum Geburtstag eine «gegen-faktische Geschichte»: Das akademisch-literarische Märchen von der Gründung des jüdischen Staates «Disraelia», dessen Fundament im Jahr 1848 von den europäischen Grossmächten auf dem Territorium des Osmanischen Reiches zwischen Haifa und Mossul gelegt wird. Im Gespräch mit dem aufbau bezeichnet Laqueur diese «alternative Geschichte» zwar als «unwahrscheinlich». Aber dass es 1948 überhaupt zur Gründung eines jüdischen Staates kam, ist für den Historiker des Zionismus wenn nicht märchenhaft, so doch genauso unglaublich. Laqueurs aus erfundenen Dokumenten zusammengesetzter Text bietet sich als ein intellektuelles Kontrastmittel an, das die grundsätzlichen Fragen der israelischen Geschichte und Gegenwart in anregender Manier bewusst macht.

Während der Historiker Tom Segev den Hinweis Appelfelds auf den Verlust der Ideologien analytisch aufarbeitet, schwingt der Beitrag von Fania Oz-Salzberger fantasievoll zwischen der Gegenwart und den Visionen der einstigen zionistischen Pioniere, mit denen sie einen Streifzug durch das moderne Israel unternimmt. Da staunt Max Nordau über das real existierende «Muskeljudentum» in den Fitness-Centern von Tel Aviv und Achad Ha’am ist schockiert, als er von den märchenhaft hohen Immobilienpreisen in der nach ihm benannten Strasse in der Stadt hört.

Die unwahrscheinliche «Einzigartigkeit» Israels stellt für A. B. Yehoshua eine wesentliche Ursache für die seit den Pioniertagen nicht überwundenen Bedrohungen und Probleme des jüdischen Staates dar: «… ich wüsste kein historisches Beispiel für ein Volk, das nach 2000-jähriger Abwesenheit in das Territorium zurückkehrt, das es all die Jahre als seine vorbestimmte Heimat betrachtet hat. Was wir als ‹Rückkehr nach Zion› bezeichnen, ist ein einzigartiges Ereignis in der Geschichte.» Dass der Traum von der Rückkehr in Erfüllung gehen konnte, betrachtet Yehoshua als Kehrseite des Alptraums, in den die Gründung Israels die Araber im Heiligen Land geworfen hat. Sie haben diesen Schock noch nicht überwunden und missverstehen den Zionismus als kolonialistische Ideologie. Yehoshua hält die Beteiligten für unfähig, den Konflikt um das Heilige Land zu lösen. Er möchte dazu Europa, vor allem aber Deutschland als Partner heranziehen.

Dem inneren Zustand seiner Nation wendet sich der 30-jährige Bestsellerautor Nir Baram zu. Er greift dazu nicht auf das Gründungsjahr 1948 zurück, sondern auf 1958 und kommt zu einem ernüchternden Fazit: «So wenig hat sich geändert. Wir Israeli sind in Wirklichkeit nicht gewachsen, haben nicht viel dazugelernt.» Doch dann reisst sich Baram von seinem Pessimismus über seine Heimat los – und findet Anlass zu Zuversicht bei einer anderen Fantasie, dem «wunderbaren, von Agnon gezeichneten Bild über den Traum von einem blinden Orchester, das trotz der Blindheit und all der verschiedenen Instrumenten etwas spielt, das harmonisch klingt».