Altertümliche Traditionen
Wer wollte nicht wissen, wie die Kinder Israels zu Moses’ Zeiten wirklich gelebt und die Gebote gehalten haben? Die Samaritaner (Schamerim) glauben, dass sie die Satzungen Moses’ noch so praktizieren, wie die Israeliten vor 2500 Jahren. Wer allerdings Benny Tsedaka begegnet, der anlässlich des Kongresses «Die Samaritaner und die Bibel» kürzlich in Zürich war, mag erstaunt sein: Tsedaka wirkt nicht anders als ein säkularer Israeli. Im Alltag bewusst nicht von der zeitgenössischen Gesellschaft unterschieden, haben die Samaritaner für Schabbat und die Chagim uralte Traditionen bewahrt.
Der Berg des Friedens
Am berühmtesten sind die Tieropfer zu Pessach. Zu Tausenden strömen jedes Jahr die Gäste zum samaritanischen Heiligtum auf den Berg Garizim. Die Samaritaner, welche sich als die wahren Israeliten betrachten, geniessen den Schutz des Staates und so sind unter den Gästen immer auch zahlreiche israelische Politiker. Weil Garizim im Westjordanland beim heutigen Nablus liegt, fühlen sich die Vertreter der palästinensischen Autonomiegebiete ebenfalls verantwortlich, und so sind auch christliche und muslimische Palästinenser jedes Jahr bei den Feierlichkeiten dabei. Damit fungiert dieser Berg als Treffpunkt ansonsten verfeindeter Gruppierungen. Ende Juli wurde dort eine Friedensmedaille vom samaritanischen Hohenpriester Aaron ben Ab-Hisda verliehen. Sie ging dieses Jahr an den palästinensischen Premierminister Salam Fayyad.
Der Berg Garizim, so Benny Tsedakas Überzeugung, ist eben der wahre Berg des Friedens. Im Gegensatz zu Jerusalem, zwar als Stadt des Friedens bekannt, aber seit Jahrtausenden eine Stadt des Krieges, sei der Berg Garizim der ursprünglich von der Thora bezeichnete Ort des Kultes und der göttlichen Präsenz. So lesen die Samaritaner denn auch in Dtn 27:4: «Wenn ihr nun den Jordan überschreitet, sollt ihr diese Steine aufrichten, wie ich es euch heute gebiete, auf dem Berg Garizim» – während in den üblichen Ausgaben der Thora an dieser Stelle «auf dem Berg Ebal» steht. Und im Anschluss an die vertrauten Worte der zehn Gebote (Ex 20, Dtn 5) findet sich im samaritanischen Pentateuch gar ein zusätzliches Gebot, das die Verehrung des Berges Garizim befiehlt.
Wechselhafte Geschichte
Diese wenigen Bemerkungen zeigen, dass sich der Text der Samaritaner keineswegs zufällig von der masoretischen Thora unterscheidet (eine kritische Ausgabe des samaritanischen Pentateuchs entsteht zurzeit an der Universität Halle unter der Leitung von Stefan Schorch). Der grundsätzlichste Unterschied im Umgang mit der Schrift ist jedoch, dass aus samaritanischer Sicht allein die schriftliche Thora heilig ist. Eine mündliche Thora kennen sie nicht. Abgesehen von den fünf Büchern Mose gibt es für sie keine verbindlichen Schriften, keinen Tenach, keinen Talmud (dort werden sie despektierlich als Kutäer bezeichnet) und keine Mischna.
Diese Unterschiede zum Judentum halten die Samaritaner schon sehr lange aufrecht. Sie führen sich auf die zehn Stämmen des Nordreichs zurück, deren Restbevölkerung nach der Zerstörung Samarias um 722 v. d. Z. im Lande verbleiben ist. Als im Süden unter dem Davididen Serubbabel der Tempel von Jerusalem wieder aufgebaut wurde, liess man nach der Tradition die Samaritaner nicht daran mitwirken (Esra 4:3). Vor 2500 Jahren gründeten diese ihr eigenes Heiligtum auf dem Berg Garizim, das fortan in Konkurrenz zum Jerusalemer Tempel stand.
Um die Zeitenwende zählten die Samaritaner stolze 1,5 Millionen Mitglieder. Doch von allen möglichen Eroberern, wie den byzantinischen Christen, den Muslimen, Osmanen und Mameluken, wurden sie im Laufe der Zeit dezimiert. Trotz allem bewahrten sie ihre Traditionen und praktizierten über Jahrhunderte eine strikte Endogamie. Im 20. Jahrhundert sank ihre Anzahl auf kaum mehr als 100 Personen. Es ist der wohlwollenden Einstellung der Zionisten zu verdanken sowie der Erlaubnis, Juden heiraten zu dürfen, dass die Samaritaner vor dem sicheren Untergang bewahrt werden konnten. Die erste Frau von ausserhalb war Benny Tsedakas Grossmutter, die aus Odessa stammte und 1924 dem Grossvater zuliebe zu den Samaritanern übertrat. Ihm selbst ist es nicht anders gegangen. Er hat sich an der Hebrew University in eine Jüdin verliebt und auch seine Frau ist vor mittlerweile 40 Jahren der kleinen Gruppe beigetreten. Heute wächst die samaritanische Gemeinschaft stärker als die meisten anderen Völker der Welt. Um das Fünffache potenziert, zählt sie wieder 714 Mitglieder. Viele davon gehören zu Benny Tsedakas Clan, wie er stolz erklärt.